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Wien: Kleinkrieg um Mini-Fußgängerzone

(c) FABRY Clemens
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Bezirksvorstehung und Anrainer streiten um wenige Meter Fahrverbot. Seit Jahren bemühen sich Bewohner der Gardegasse um die Verkehrsberuhigung ihrer Straße. Seither fliegen buchstäblich die Fetzen.

Wien. Gegenseitiges Anzeigen bei der Polizei, Videoüberwachung, Tumulte bei einer Bürgerversammlung und ein Bezirksvorsteher, der zwischen alle Fronten geraten ist: In Wien-Neubau kämpfen Gegner und Befürworter um die Abschaffung (bzw. das Weiterbestehen) einer gerade einmal 93 Meter langen Fußgängerzone. Dabei herrscht zwischen den Streitparteien ein Ton, den man sonst nur vom örtlichen Fußballplatz kennt. Was ist geschehen?

Seit Jahren bemühen sich Bewohner der Gardegasse um die Verkehrsberuhigung ihrer Straße. Nach den letzten Gemeinderatswahlen fanden sie und zwei Drittel der befragten Anwohner Gehör – Bezirkschef Thomas Blimlinger gewährte über Nacht ein Versuchsprojekt. Seither fliegen buchstäblich die Fetzen.

Während sich jene, die direkt in der kleinen Gasse wohnen, über die neu gewonnene Ruhe freuen, laufen Bewohner der umliegenden Häuser Sturm. Angeführt vom Unternehmensberater und Lobbyisten Christian Jirik verweisen sie auf die „unhaltbare Verkehrssituation“, die seit dem Wegfall der Verbindung zwischen Neustiftgasse und Burggasse entstanden sei. Und das nur, weil, wie Jirik sagt, „ein paar Freunde des Bezirksvorstehers anstatt der Parkplätze Raum für ihre Kinder wollten“. Die Initiative pro1070 würde das jedenfalls nicht hinnehmen. „Wir gehen auf die Barrikaden.“

Wie das dann aussieht, bekommen die Befürworter zu spüren. Sie werden, wie sie meinen, illegal videoüberwacht oder wegen unzulässig aufgestellter Blumentöpfe von der Gegenseite angezeigt. Selbst erlebt hat das die Möbeldesignerin Nina Prantner, die in der Gardegasse wohnt und laut Jirik nur deshalb als Befürworterin des Projekts auftritt, um den Wert Ihres Hauses zu steigern.

Zwischen die Fronten geriet auch der Grüne Bezirksvorsteher Thomas Blimlinger, der nun über die Fortführung des Versuchs abstimmen lassen will: Mit vollem Stimmrecht für Anrainer und eingeschränktem Stimmrecht für Leute aus dem Grätzel. Was für noch mehr Aufregung unter den Betroffenen sorgt. Sogar von Verfassungsklagen wegen Ignorierens des Gleichheitsgrundsatzes ist inzwischen die Rede. Ende September soll abgestimmt werden.

Grafik: Die Presse

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2011)