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Nuruddin Farah: "Somalia wird missverstanden"

Nuruddin Farah Somalia wird
Nuruddin Farah(c) APA/ERHARD HOIS (ERHARD HOIS)
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Der Romancier Nuruddin Farah war bei "Literatur im Nebel" in Heidenreichstein zu Gast. Im Interview mit der "Presse" sprach er über seine Mutter, Beckett und die Herausforderungen des Erzählens.

Warum schreiben Sie so oft Roman-Trilogien? Bisher sind es drei über ihre Heimat Somalia. Steckt dahinter ein großer Plan?

Nuruddin Farah: Ich bin eben umständlich und versuche, die Welt aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Nehmen Sie zum Beispiel die Diktatur. Sie wirkt sich auf das Leben von Männern, Frauen und Kindern aus. Man kann sie auch aus diesen Blickwinkeln studieren. Der Bürgerkrieg prägt die Kinder. Jene, die in den letzten 20 Jahren in Somalia geboren wurden, haben in ihrem ganzen Leben noch nicht erfahren, was Frieden ist. Das beeinflusst ihr Denken. Für einen heute Vierzigjährigen ist die Wirkung eine ganz andere. Er konnte vielleicht nie eine Uni besuchen. Die einzelnen Teile der Trilogien konzentrieren sich auf die Leben einiger Personen.

Was halten Sie vom Arabischen Frühling?

Ich glaube erst einmal, dass es ihn gar nicht gegeben hat. Es gab Versuche, aus der Krise in Nahost eine Art Revolution zu machen. Ich glaube nicht, dass sie irgendwie erfolgreich war. Es gibt nicht viel Hoffnung. Nehmen Sie Ägypten: Es wurde von der Armee regiert, mit Nasser, Sadat und schließlich Mubarak an der Spitze des Staates. Wer regiert jetzt? Was hat sich geändert? Nur die Spitze wurde ausgetauscht. Die Armee ist geblieben. In Libyen wissen wir noch gar nicht, was passiert. Wir müssen auf den Wandel noch warten, darauf, dass sich in den Köpfen der Araber etwas ändert. Demokratisch gesinnte Menschen haben eine andere Einstellung zum Leben. Das unterscheidet sie von jenen, die in einem autoritären Staat aufgewachsen sind und erzogen wurden. Der gewöhnliche Araber oder Somalier ist autoritär. Man muss ihn dazu bringen, dass er seine Frau, seine Kinder anders behandelt.

 

Welche Rolle spielt die Religion in Afrika?

Jeder muss für sich selbst beten. Ich habe Probleme mit Leuten, die behaupten, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein. Das Wichtigste ist doch, allen zu gewähren, dass sie ehrlich zu sich sein können. Mir ist ein guter Mensch lieber als einer, der ständig betet und dann hingeht, um zu morden, zu lügen.

 

Sie haben als Kind den gesamten Koran auswendig rezitiert. Können Sie das noch?

Nein, ich habe viel vergessen. Heute kann ich mehr Shakespeare rezitieren.

 

Aber Sie haben für einen Schriftsteller eine beneidenswerte sprachliche Vielfalt: Die Muttersprache Somalisch, Amharisch, Arabisch, Englisch, Italienisch und sogar Hindi. Ist das nützlich für Ihr Werk?

Auf jeden Fall, aber die Alchimie dieser Sprachen, ihre Vermengung, ist komplex. Es ist eine Sache, sie zu adaptieren, aber das Ganze dann in gute Literatur umzusetzen, ist wirklich eine schwierige Aufgabe.

 

Wer hat Ihnen mehr beigebracht? Ihre Mutter, die eine professionelle Geschichtenerzählerin war, oder Samuel Beckett?

Beckett. Ich habe ihn gelesen, als ich zu schreiben begann. Meine Mutter aber gab mir die erste Inspiration. Ich habe begriffen, dass die Welt, wie wir sie sehen, in literarischer Form präsentiert werden kann. Das ist leicht zu verstehen und leicht zu übersetzen. Es geht darum, Material zu gebrauchen, das weit weg ist, um über Dinge zu informieren, die nahe sind. Das lernt man von anderen Autoren.

 

Was hat Ihnen Ihre Mutter denn erzählt?

Sehr schöne und weise Geschichten. Wäre meine Mutter ein Mann gewesen, wäre sie ein bedeutender Dichter geworden. Aber sie hat stattdessen zehn Kinder zur Welt gebracht. Die aufzuziehen brauchte viel Zeit.

 

Und was verbindet Sie mit Beckett?

Als ich 24 war, habe ich zu seinem kurzen Stück „Act Without Words“ die Worte geschrieben und ihm meinen Text geschickt. Beckett hat mir zurückgeschrieben, sich bedankt und angemerkt, dass er, wenn das Drama Worte gebraucht hätte, diese schon selbst beigefügt hätte. Samuel Beckett war großzügig...

Zu ihrer Heimat: Ist es nicht schwer, über Somalia aus dem Exil zu schreiben?

Ich folge der Geschichte Somalias, lebe aber meist nicht dort, obwohl ich mein Land in den letzten Jahren oft besuchte. Es wird aber immer schwerer, darüber zu berichten, ich kann auch kaum Einfluss darauf nehmen. Es gibt ein von der westlichen Presse geschaffenes Image meines Landes und Afrikas im Allgemeinen, das ich korrigieren möchte. Viele Journalisten schreiben über Somalia ohne es jemals betreten zu haben. Sie schreiben über Piraten, Küstenstädte, ohne sie zu kennen. Dieses Land wird grob missverstanden. Es ist mühsam, die Fehlinformationen zu korrigieren. Die meisten Somalier können auch nicht ausreichend ausdrücken, was sie wollen.

Sind diese Klischees über Somalia auch in Afrika verbreitet? Sie haben doch in mehreren Ländern dieses Kontinents lange gelebt.

Auch dort ist alles voller Klischees. Viele afrikanische Medien verlassen sich auf die üblichen internationalen Informationsquellen, auf CNN, BBC, Channel Four, Canal plus. Man wird ständig mit Fehlinformationen bombardiert. Afrikanische Journalisten sind genauso faul und schlecht informiert wie Journalisten überall auf der Welt. Sie sitzen in ihren komfortablen Städten und schreiben über ein weit entferntes Land. In meinem jüngsten Buch habe ich viele Quellen europäischer Medien angegeben und mit dem verglichen, was ich in meinem Land fand. Sie reden zum Beispiel über eine blühende Stadt, und ich finde dann eine vor, in der seit 20 Jahren kein Haus gebaut wurde. Man sieht auch nirgends etwas von dem Geld, das die Piraten dort angeblich erbeutet haben. 150 Millionen Pfund für einen Ort müssten sich doch bemerkbar machen.

24.11.1945
Nuruddin Farah wird als viertes von zehn Kindern in Baidoa in Somalia geboren, der Vater ist Kaufmann, die Mutter Geschichtenerzählerin. Er lernt mit vier Jahren in einer Koranschule Arabisch. Farah verdient schon als Kind Geld mit dem Briefeschreiben für Analphabeten.

1966
Studium in Indien, danach lehrt er an der Uni von Mogadischu.

1970
Erster Roman: „Aus einer gekrümmten Rippe“.

1974
Stipendium in London. Auf „Wie eine nackte Nadel“ (1976) reagiert das Regime von Siad Barre mit einem Todesurteil gegen Farah. Er bleibt 22 Jahre im Exil in Italien, Australien, USA, Deutschland und afrikanischen Ländern.

Trilogien
„Variationen über das Thema einer afrikanischen Diktatur“ (1979–83), „Blut in der Sonne“ (1986–98) sowie die drei Bände „Links“, „Knots“ und „Crossbones“ (2004–2011)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2011)