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Wo die Bettler herkommen: Spurensuche in Rumänien

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Symbolbild Armut(c) EPA (Sergei Supinsky)

Viele kamen mit großen Hoffnungen aus Osteuropa und versuchen sich auch mit Gelegenheitsarbeiten und dem Verkauf von Zeitungen durchzuschlagen. Die Familie Mircea war eine davon.

Hektisch geht es zu, wenn bei Familie Mircea die Ersten um 07:00 Uhr morgens aufwachen. Dann heißt es anpacken. Schließlich müssen sechs Kinder pünktlich zur Schule. Gemeinsam machen die Eltern Ana und Andrei das Frühstück, achten auf saubere Kleidung und ein gepflegtes Äußeres ihrer Kinder. „Nur weil wir arm sind, müssen wir nicht dreckig herumlaufen“, betont die Mutter. „Ich schäme mich nicht dafür arm zu sein, denn ich mache alles, um meine Familie zu ernähren.“

Selbst wenn dies bedeutet, auf den Straßen Wiens zu betteln oder Zeitungen zu verkaufen, wie vor zwei Jahren, als Ana gemeinsam mit ihrem Sohn Marius im Ausland ihr Glück versuchte. „Arbeit haben wir keine gefunden, doch mit den Zeitungen und Betteln haben wir genug verdient um uns alle durch den Winter zu bringen“, erzählt der 26-jährige Sohn stolz. Er wäre noch länger geblieben, doch Ana wollte zurück nach Hause, in die rumänische Kleinstadt Stefaneşti. Jetzt steht sie erneut vor der Entscheidung, nach Wien zu fahren – auf der Suche nach Arbeit, aber auch, um notfalls zu betteln.

Schwindende Einwohnerzahlen. Während Anas letztem Aufenthalt in Wien blieben die jüngeren Kinder in Rumänien unter der Obhut des Vaters. Kein Einzelfall in Stefaneşti, das den Bewohnern geringere Chancen auf einen Arbeitsplatz bietet, als Spanien oder Italien – zwei Hauptzielländer rumänischer Migranten. Laut rumänischem Arbeits- und Sozialministerium hatten von 2009 bis 2011 jährlich rund 85.000 Kinder zumindest einen im Ausland arbeitenden und lebenden Elternteil. Konstante Zahlen, die allerdings nur die halbe Wahrheit zeigen, weiß die rumänische Soziologin Dana Diminescu: „Viele, die ins Ausland gehen, werden von den Statistiken nicht erfasst. Lediglich Personen, die Dokumente besitzen und sich im Zielland registrieren, werden in diesen Zahlen berücksichtigt.“

Auch die Region um die Kleinstadt Stefaneşti scheint vom Phänomen Abwanderung betroffen. Gewissheit soll die am Montag zu Ende gehende Volkszählung schaffen. „Es ist davon auszugehen, dass die Einwohnerzahl in den vergangenen Jahren um einige Tausend zurückgegangen ist“, sagt Gheorge Grigore, Vizebürgermeister der Nachbarstadt Gaeşti, „In Gaeşti erwarten wir einen Rückgang von 20.000 auf maximal 16.000 Einwohner.“

Im Jahr 2000 hatte Rumäniens Wirtschaft kräftig angezogen, war bis 2008 im Schnitt um 3,8 Prozent gewachsen. Dann wurde auch das osteuropäische Land von der weltweiten Krise getroffen. Heuer erwartet man erstmal wieder ein Wachstum von 1,5 Prozent. Doch es gibt viele, die davon nicht profitieren können. In Rumäniens Hauptstadt Bukarest wurden Straßen neu asphaltiert, die zahlreichen Szenelokale in der Innenstadt sind gesteckt voll. Und trotzdem schlafen rund um den Nordbahnhof nach wie vor Menschen in den Kanälen.

Leben auf vierzehn Quadratmetern. Ana und ihre Familie haben zwar ein Dach über dem Kopf, aber der Wohnblock, in dem sie leben, wirkt baufällig. Rund zweihundert Familien wohnen hier auf engstem Raum. Ana, Andrei und die sechs jüngsten Kinder teilen sich ein etwa vierzehn Quadratmeter großes Zimmer, ohne Bad, WC und Küche. Zwei Betten, ein Kühlschrank und eine Feuerstelle hinter der Eingangstür, das ist alles. Während die Kinder auf den Betten frühstücken, setzt Ana das Kaffeewasser auf. „Alles, was wir haben, befindet sich in diesem Raum“, erzählt sie. Rechtzeitig für die Schule verlassen die Kinder das Gebäude. Ein trostloser Gang führt sie vorbei an den kahlen Wänden, vorbei am längst unbenützbaren Gemeinschaftsbadezimmer, durch die Tür mit den zerbrochenen Scheiben, hinaus in den Vorhof.

Nur die Jüngste bleibt zuhause. Eigentlich sollte Ionella bereits im Kindergarten sein, doch seit ein paar Tagen lässt sie sich dort nicht mehr blicken. „Sie schämt sich“, sagt Ana. „Vierzig Lei (knappe zehn Euro) kosten neue Hefte für den Kindergarten. Doch das Geld haben wir einfach nicht.“

Zwei Euro Fünfzig Miete pro Person muss die Familie monatlich an die Stadtverwaltung bezahlen. Eigentlich ein geringer Betrag, doch selbst das ist zur Zeit nicht leistbar. Über 200 Euro Schulden haben sich in den vergangenen Monaten angesammelt. Eine enorme Summe für die arbeitslosen Eltern.

Das Geschäft mit der Hoffnung. Wenn Ana dazu kommt, blättert sie die Jobangebote in der lokalen Tageszeitung durch. „Zehn Lebensläufe habe ich letzte Woche verteilt. Für harte Arbeit habe ich mich beworben, ausschließlich harte Arbeit.“ Unter den Annoncen ist auch ein verlockendes Angebot für Arbeit in Österreich. Gesucht werden Altenpflegerinnen. Anas Traumjob. Die Verdienstmöglichkeiten sind verhältnismäßig gut. 400 Euro im Monat, inklusive Transport, Unterkunft und Verpflegung. Am liebsten würde sie es riskieren, doch ganz geheuer ist ihr die Sache nicht. „Wer weiß, was wirklich hinter der Anzeige steckt?“, sagt sie nicht ohne Angst. Keine unbegründete Angst: Anas Nachbarin Maria ist vor einem Jahr auf eine betrügerische Zeitungsannonce hereingefallen. Mehrere Hundert Euro könne man in Spanien verdienen – so die dubiose Anzeige, die mit Hoffnung und Hoffnungslosigkeit der Menschen spielt.

Lange hat Maria nicht gezögert. Sie wollte, nein, musste die Chance nutzen um ihren Kindern endlich mehr bieten zu können. Transport und Unterkunft mussten im Voraus bezahlt werden. Eine Investition in die Zukunft, dachte Maria. Doch in Spanien kam das böse Erwachen. In dem Haus, in dem sie untergebracht werden sollte, war niemand aufzufinden. Auch am Eingang keine Nachricht, bloß die Klingel, doch niemand reagierte auf das Läuten. Ein Schock. Gestrandet, arbeitslos, obdachlos trat Maria die Rückfahrt an. Zurück blieben Enttäuschung und ein finanzielles Loch. „Das können wir uns nicht leisten“, sagt Ana und legt die Zeitung beiseite. „Ich habe Angst, dass uns das auch passiert. Was soll ich dann machen? Wovon soll ich meine Kinder ernähren?“ Eine Frage, mit der sie tagtäglich konfrontiert ist.

„Eu sunt Mama!“ „Ich bin die Mutter!“, betont Ana, denn als Mutter trägt sie Letztverantwortung für ihre Familie. Auch wenn das bedeutet, erneut in Wien zu betteln. „Bald kommt der Winter und ich weiß weder woher ich warme Kleidung für die Kinder nehmen soll, noch was wir zu essen haben werden. Wenn es erforderlich ist, gehe ich nach Wien. Was ist die Alternative?“

Ana ist nicht alleine mit solchen Überlegungen. „Niemand weiß genau, wie viele Menschen aus den neuen EU-Ländern in Wien auf der Straße leben“, so ein Sprecher der Caritas Wien. Nicht-staatliche Notschlafstellen, wie VinziPort, VinziRast und die Zweite Gruft haben nur begrenzte Kapazitäten für Neuankömmlinge aus Staaten wie Polen, Ungarn, der Slowakei oder Rumänien. „Von Seiten der Stadt fühlt man sich nur bedingt zuständig.“

Andrei würde erneut als Vollzeitvater bei den Kindern bleiben, während Ana im Ausland das Geld verdient. Transport und Unterkunft sind leicht organisiert, über Bekannte aus dem Ort. Das geht schnell und ist die billigste Form des Reisens. Dennoch müssten noch einige Verwandte beisteuern, um den finanziellen Aufwand zu decken, auch die erwachsenen Kinder. „Vielleicht fahre ich sogar selbst wieder mit“, meint der 26-jährige Marius und schmunzelt. „Mir hat es gut gefallen.“

suche nach Arbeit

Ana Mircea war mit ihrem erwachsenen Sohn Marius schon einmal in Wien, um Zeitungen zu verkaufen und auch um zu betteln.

Ihr Traum ist eine Arbeit als Altenpflegerin im Ausland. Ana hatte in Rumänien jahrelang ihre Schwiegermutter gepflegt. Eine Annonce in einer rumänischen Zeitung bot eine Stelle für Altenpflege in Österreich. Doch Ana ist die Sache nicht ganz geheuer, denn sie weiß nicht, wer hinter der Anzeige steckt.

Nun denkt Ana
daran, auf eigene Faust nach Österreich zurückzugehen, um eine Arbeit zu finden oder notfalls zu betteln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2011)