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WLAN-Netze: Die drahtlose Republik

WLANNetze drahtlose Republik
Symbolbild(c) Bilderbox
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Im Windschatten des omnipräsenten Mobilfunks werden kostenlose WLAN-Netze in Österreich immer mehr. Neben Unis und Städten sind es vor allem Tourismus und private Initiativen, die die Entwicklung vorantreiben.

Eingekeilt zwischen den Dolomiten und Hohen Tauern liegt die (Ost-)Tiroler Bezirksstadt Lienz. Der nächste Autobahnanschluss ist 70Kilometer entfernt. Die 12.000-Einwohner-Gemeinde, umgeben von Bergen jenseits der 2000 und 3000Meter, ist das, was man in den größeren Städten der Republik oft abschätzig als „fernab vom Schuss“ bezeichnet. Ein Irrtum. Denn die Bürger von Lienz sind mit dem Rest der Welt auf ihre Weise besser vernetzt als so mancher, vermeintlich weltstädtische Wiener.

Das Ortszentrum bietet praktisch flächendeckend kostenlosen Zugang zum Internet via sogenanntem WLAN (steht für Wireless Local Area Network). Darüber freuen sich nicht nur Einheimische, sondern vor allem die zahlreichen Touristen der Region. Dabei steht Lienz nur exemplarisch für eine Entwicklung, die sich während der vergangenen Jahre still und leise im Windschatten der großen Mobilfunkanbieter vollzogen hat. Kostenlose WLAN-Zugangspunkte, sogenannte Hotspots, überziehen inzwischen weite Teile des Bundesgebiets. Meistens in den Ballungszentren, oft aber auch dort, wo man es am wenigsten erwartet. Etwa im Umfeld der auf 1600 Meter Seehöhe gelegenen Tonnerhütte im steirischen Naturpark Zirbitzkogel. Über die vergleichsweise behäbigen Verbindungen der Handynetzbetreiber loggt sich hier oben niemand mehr ins Internet ein.

Die schmale Bandbreite mobiler Verbindungen via Telefon, Datenstick oder Datenkarte ist jedoch nur einer von gleich mehreren Gründen, warum die Nachfrage nach WLAN derart groß wurde. Ein anderer ist, dass diese Lösungen trotz zuletzt rasender Nachfrage bei den Kunden alles andere als flächendeckend verbreitet sind. Laut den aktuellsten Zahlen der Statistik Austria verfügen 78 Prozent der österreichischen Haushalte über wenigstens einen Computer, 75 Prozent der Haushalte haben einen Internetanschluss. Aber: Nicht einmal jeder dritte Internetanschluss (32 Prozent) ist mobil. Spezialtarife für Smartphones bereits eingerechnet. Hauptargument für die öffentlichen WLAN-Netze ist und bleibt jedoch der Preis. Trotz der bemerkenswerten Entwicklung, dass die Kosten für Telekom-Produkte in den vergangenen zehn Jahren um mehr als ein Viertel sanken. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum veränderten sich die Preise für Lebensmittel ebenfalls um 25Prozent – allerdings nach oben.

Ungeachtet der weiten Verbreitung und fallender Preise ist mobiles Internet oft nur ein Zweitprodukt, das sich die Kunden zusätzlich zum daheim bereits vorhandenen Internetanschluss leisten (müssen). Drahtloser WLAN-Zugang ist da, vor allem, wenn er kostenlos ist, eine mehr als willkommene Alternative.

Zugang in der City und auf der Piste. Als erstes erkannt haben diese Nachfrage – wie so oft – die Unternehmer. In vielen Betrieben gehört das Angebot eines kostenlosen Netzzugangs heute schon zum gelebten Standard. Vielleicht bestes Beispiel ist die Gastronomie. Bereits vor Jahren machte von New York aus das Bild vom im Restaurant arbeitenden Manager die Runde. Heute sitzen weltweit Schüler, Studenten, Berufstätige und Müßiggänger mit Net-, Notebook oder Tablet im Café, lesen Mails, arbeiten, surfen im Internet oder pflegen ihre Facebook-Bekanntschaften.

Und wenn es ums Internet geht, stehen sich Fortschritt und Tradition keineswegs im Wege. „Zeitgemäßes Zusatzangebot“ nennt Maximilian Platzer, Obmann der Wiener Kaffeesieder, das freie WLAN in vielen Mitgliederbetrieben. Egal, ob es sich dabei um Hawelka, Landtmann, Prückel oder Sperl handelt: An Gratis-Internet kommt praktisch niemand mehr vorbei. Das Gleiche gilt für amerikanische Fast-Food-Ketten (McDonald's), schwedische Möbelhäuser (Ikea), heimische Großbäckereien (Ströck) und britische Tankstellen (BP).

Der Gedanke, dass der Zugang zum Internet so etwas wie ein nicht verbrieftes Grundrecht moderner Kommunikationsgesellschaften sein könnte, erfasst zusehends auch öffentliche Einrichtungen. Universitäten und Bibliotheken bieten das Service (eingeschränkt) schon länger an. Danach folgten kleinere Gemeinden und Städte wie Lienz mit Angeboten. Im niederösterreichischen Schwechat behauptet man gar, mit seinem kostenlosen WLAN gleich die gesamte Bevölkerung zu versorgen. Zu Jahresbeginn träumte auch Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou davon, in Einkaufsstraßen und an zentralen öffentlichen Plätzen kostenlos nutzbare WLAN-Hotspots an Lichtmasten zu installieren.

Der Startschuss für das Großprojekt ist inzwischen gefallen. Im Magistrat der Hauptstadt hat man sich dafür entschieden, die infrage kommende Technik und das Nutzungsverhalten der User zunächst im Rahmen eines Feldversuchs zu testen. Derzeit läuft bei der MA33 (städtische Beleuchtung) ein mehrstufiges Ausschreibungsverfahren. Über die Details schweigt sich Projektleiter Gerald Wötzl noch aus. Die Rahmenbedingungen stehen jedoch fest.

Als Ort für den Feldversuch wurde bewusst das hauptsächlich in der Freizeit genutzte Areal der Donauinsel zwischen Floridsdorfer und Praterbrücke ausgewählt. Als Termin für die Inbetriebnahme hört man momentan Mai 2012. Fest steht auch, dass sich Nutzer via SMS (und damit Handynummer) registrieren müssen, um die für den Zugang nötige PIN zu erhalten. Noch nicht endgültig entschieden ist, ob dann auch die Dienste des gesamten Internets zur Verfügung stehen oder nur interne Services der Stadt (Amtswege, Grillplatzreservierungen etc.) abrufbar sind.

Mit solchen Details will man sich dort, wo es zahlungskräftige Kunden erwarten, gar nicht erst aufhalten. Seit vergangenem Jahr setzt sich in Österreichs (Winter-)Tourismusindustrie vermehrt folgendes Motto durch: Alles für alle. Und das kostenlos.

Den Anfang für kostenloses WLAN rund um Liftstationen (und bald auch auf der Piste) machten die Regionen Schladming und Planai-Hochwurzen. Nun zog Österreichs größter Skiverbund, die Salzburger Ski amadé, nach. 250 Sendestationen sollen das 860 Pistenkilometer lange Gebiet und seine 270 Lift- und Bahnanlagen mit Breitband-Internetzugang versorgen. Bescheidenheit und Tiefstapelei sind bei einer derartigen Dimension unangebracht. Für Christoph Eisinger, Managing Director von Ski amadé, ist das Service schlicht „das größte freie WLAN-Netz der Alpen“.

Triebfeder des Projekts ist jedoch keineswegs die Idee vom Menschenrecht auf Internetzugang. „Die Kunden erwarten es einfach“, sagt Alexander Szlezak, der mit seiner Firma Unwired Networks das Pisten-WLAN technisch entwickelt hat. Das treffe genauso auf die Gäste von Hotels als auch die Sportler zu. Der Vorteil für die Betreiber: Bei jeder Netzverbindung präsentiert man dem Kunden auf der Startseite die neuesten Angebote aus Unterkunft und Region am Smartphone, Laptop oder Tablet. Zudem werde das Veröffentlichen von Urlaubserinnerungen (Fotos oder Videos) über soziale Netzwerke gezielt gefördert. „Diese Art der Werbung ist kostengünstiger und wesentlich effektiver als klassische Inserate, weil sich die Urlauber direkt an ihren eigenen Freundeskreis richten.“

Die Nachfrage nach freien WLAN-Netzen ist – wie in den Städten – vor allem bei ausländischen Urlaubern enorm groß. Grund hierfür sind die nach wie vor sehr kostspieligen Roaming-Gebühren für mobile Datenanwendungen via Handy oder Datenstick.

Netzwerk zum Selbstbauen. Und dann gibt es noch die technisch interessierten Idealisten, die fernab von Pomp und Kommerz an Schlagworte wie „Empowerment“ und „Netzneutralität“ denken. Der Wiener Aaron Kaplan ist so jemand. Vor acht Jahren gründeten er und seine Freunde den Verein „Funkfeuer“. Die Idee: Jeder, der will, stellt seinen Netzwerkrouter inklusive Dachantenne in den Dienst der Gemeinschaft. Je mehr Router sich via Funk verbinden, desto größer und stärker wird das Netz. Über einen zentralen Knoten gelangen die Vereinsmitglieder ins Internet. Bei guter Funkverbindung beträgt die Bandbreite ein Vielfaches eines üblichen ADSL-Anschlusses.

Wer mitmachen will, braucht eine Sichtverbindung zur nächstgelegenen Sendestation. Nach einer Investition von 100 bis 300 Euro gibt es unbegrenzten und kostenlosen Netzzugang. Technische Beratung von Experten inklusive. Das schafft Unabhängigkeit von den großen Providern. Derzeit funken 400 Vereinsmitglieder auf etwa 200 Dächern in und rund um Wien. Das Netzt reicht inzwischen bis zehn Kilometer vor Bratislava, Ableger gibt es im Weinviertel, in Bad Ischl und in Graz.

Die schöne, neue Welt des fast schon überall verfügbaren Gratis-WLAN hat jedoch auch ihre Schattenseiten. An die Sicherheit der eigenen Daten – egal ob Hotspot-Betreiber oder Nutzer – denken nämlich die wenigsten. Wer sich mit völlig freien Netzwerken und ohne Log-in und Passwort verbindet, muss damit rechnen, dass sein gesamter Datenverkehr am Nachbartisch mitgelesen wird. Derartige Netze verfügen in der Regel über keinerlei Verschlüsselung. Wer weiß wie, kann die Kommunikation mit dem eigenen Laptop abfangen.

Offene Netze wie auf dem Wiener Flughafen, die u.a. von Geschäftskunden genutzt werden, laden förmlich zur Industriespionage ein. Insbesondere dann, wenn es gelingt, sich in eine ungesicherte E-Mail-Verbindung „einzuhängen“. Der Aufwand, der hierfür getrieben werden muss, ist laut Netzwerkexperten Szlezak auch für „interessierte Laien“ vertretbar

Spionage für Anfänger bietet ein frei erhältliches Add-on für den beliebten Firefox-Browser. Das Programm Firesheep scannt den unverschlüsselten WLAN-Verkehr der Umgebung. Damit ist zum Beispiel die heimliche Übernahme von Facebook- oder Twitter-Accounts ebenfalls ins Netzwerk eingeloggter User möglich. Entwickelt hat das Tool der Programmierer Eric Butler vor über einem Jahr. Angeblich um zu zeigen, welch große Sicherheitslücken unverschlüsselte Netzwerke in sich bergen. Die Software ist übrigens äußerst beliebt, wurde bisher 1.926.003 Mal von Butlers Webseite heruntergeladen.

In Zahlen

75

Prozent.
So hoch ist der Anteil der österreichischen Haushalte mit Internetanschluss.

200

Dächer.
An so vielen Standorten betreibt das Wiener Projekt „Funkfeuer“ Netzknoten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2011)