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Sarah Kuttner: So tut Erwachsenwerden weh

Sarah Kuttner Erwachsenwerden
Kuttner(c) Dapd (Jens Schlueter)
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Sarah Kuttners zweiter Roman "Wachstumsschmerz" handelt von den Wohlstandsproblemen der Thirtysomethings und liest sich wie ein langer "Neon"-Text.

Die Kollegin aus der Außenpolitik bringt es drastisch auf den Punkt: Sie ertrage diese Generationenbücher der um die Dreißigjährigen nicht mehr. Darin würden ständig alle Angst haben, an ihren unbezahlten Praktika verzweifeln und sich zappelig um das Epizentrum „Ich“ drehen, dabei den Mac-Air und den Caffè-Latte-Becher in der Hand.

In einem Punkt hat die Kollegin recht: In diesem Herbst gab es wieder besonders viele dieser Bücher. Aber es waren sogar einige ganz passable darunter, wie etwa Nina Pauers „Wir haben keine Angst“ (S. Fischer Verlag). Es scheint jedoch das Schicksal der deutschen Autorin Sarah Kuttner zu sein, dass ihre Romane immer zeitgleich mit ähnlich gestrickten Büchern erscheinen – und bereits zum zweiten Mal knapp hinter dem neuen Werk von ihrer früheren Viva-Moderatorinnen-Kollegin Charlotte Roche. Dabei haben Kuttners und Roches Romane überhaupt keine Gemeinsamkeit, sieht man von den weiblichen Hauptfiguren ab, die in Ichform erzählen. Dass Kuttners zweiter Roman „Wachstumsschmerz“ in der Masse an Generationenbüchern untergeht, liegt zu einem großen Teil am Buch selbst.

Da kämpft sich Protagonistin Luise durch ihr durchschnittliches Leben. Mit Anfang 30 ist die Herrenschneiderin, die ab und zu glücklos Castings für Werbeclips absolviert, vor allem damit beschäftigt, herauszufinden, warum alle anderen so viel von ihrem Leben wollen, nur sie irgendwie nicht. Weil es in ihrem Alter eben dazugehört, zusammenzuziehen, sucht sie mit ihrem kletterbegeisterten Freund Flo die erste gemeinsame Wohnung. Doch der Traum von der perfekten Zweisamkeit zerplatzt, während Freunde und Bekannte heiraten und Kinder bekommen.


Excitement-geile Jugend. Das Problem an der Geschichte ist: Sie ist so belanglos und sprachlich uninspiriert erzählt, dass sie einen nicht mitreißt, keine neuen Fragen aufwirft. Das Buch liest sich wie ein viel zu lang geratener Artikel aus dem deutschen Magazin „Neon“, der Postille für junge Erwachsene. Kuttner wirft an manchen Stellen zwar ambitioniert mit schrägen Wortkreationen wie „thrill-darbend“ und „excitement-geil“ um sich – insgesamt ist ihr Text aber nicht mehr als eine vergnügte Plauderei auf 280Seiten.

Der eigentlichen Frage, wieso nämlich eine ganze Generation von Mittezwanzig- bis Endedreißigjährigen lieber noch nicht (oder gar nie) so viel Verantwortung übernehmen will wie Dutzende Generationen vor ihr, geht Kuttner nicht nach. Wie in ihrem Debütroman „Mängelexemplar“ konzentriert sich Kuttner stärker auf die Beziehungsseite des Lebens, weniger auf die berufliche. Zusammenziehen, Heiraten, Kinderkriegen – das seien die drei Dinge, die zum Erwachsenwerden dazugehören. Wer da nicht mitmacht, muss irgendwie komisch sein, denkt Protagonistin Luise.

In manchen Passagen sind eigene Verhaltensmuster oder Erlebnisse aus dem Freundeskreis erkennbar, und hie und da schafft es Kuttner, skurrile Alltagsbeobachtungen, etwa bei Hochzeitsfeiern, amüsant wiederzugeben. Zu mehr reicht es aber nicht. Eine Stimme der Thirtysomethings, von deren „Wohlstandswehwehchen mit fancy Namen“ sie so gern berichtet, wird Sarah Kuttner damit eher nicht.

Sarah Kuttner: Wachstumsschmerz. S. Fischer Verlag, 280 Seiten, 17,50 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2011)