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Aus originellen Kriminalgeschichten von Klassikern wird man klug

Der holländische Musiker Harke de Roos durchforstete die Wiener Musikgeschichte und entdeckte außergewöhnlich Anregendes über Mozart, Beethoven und Kaiser Joseph.

Wurde Mozart ermordet? Hat Beethoven sein Metronom nicht richtig eingestellt, oder uns gar mit fingierten Angaben hinters Licht führen wollen? Und was haben diese beiden Fragen miteinander zu tun? Sie beschäftigen den Leser, der sich mit den Büchern von Harke de Roos befasst. Seinem bewusst zu Widerspruch herausfordernden Mozart-Buch hat der Holländer gerade eines über Beethoven folgen lassen, das bei Musikologen ebenso auf dem Index landen wird wie das Vorgängerwerk.

Die Theorien, die de Roos verficht, scheinen nämlich auf den ersten und zweiten Blick aberwitzig. Mozart, so wird da behauptet, sei beiseitegeschafft worden, aber nicht, wie die Fama will, aufgrund der Eifersucht des ihm musikalisch unterlegenen Kollegen Salieri, sondern weil er einem Schürzenjäger namens Joseph in die Quere gekommen ist. Kaiser Joseph. Das macht die Sache schlimmer. In jeder Hinsicht. Einerseits steigert es die dramaturgische Fallhöhe des Historienkrimis, den de Roos in seinem Mozart-Buch erzählt. Andererseits setzt es die Glaubwürdigkeitsschwelle beim durchschnittlich kultivierten mitteleuropäischen Leser gegen null.

Gerade das macht die Lektüre von „Das Wunder Mozart in der Aufklärung“ (Katharos Verlag) amüsant und spannend. Mag alles an den Haaren herbeigezerrt sein, was de Roos über den eifersüchtigen Kaiser und einen unbotmäßigen Hofmusicus fabuliert: Die Dokumente, die zitiert werden, sind so echt wie die musikalischen Querverweise, die der ausgebildete Kapellmeister-Autor dem Leser gibt.

Staunenerregend die Parallelen zwischen Erlebtem und in Opern wie „Figaros Hochzeit“ auf die Bühne Gezaubertem. Und wenn all das zu nichts gut ist, als dass Musikfreunde ihr Detailwissen über lieb gewordene Repertoire-Werke wieder auffrischen, ist schon allerhand gewonnen.

Können doch auch unerhörte Interpretationen uns zwingen, oft gespielte Meisterwerke wie neu zu hören. So könnte es auch gehen, wenn jemand versuchte, die im Beethoven-Buch von de Roos vertretenen Thesen zu des Komponisten Tempo-Angaben zu überprüfen.

Es ist ja wahr: Wer Beethovens Metronom-Angaben ernst nimmt, verzweifelt immer wieder angesichts von Unspielbarem. Genau hier setzt der Autor an und fördert nicht zuletzt den – bewusst verrätselten – Appell des Komponisten an den musikalischen Verstand seiner Interpreten zutage.

Wenn sonst nichts, sollte immerhin dieser für eine künftige Generation von Interpreten relevant sein. Mögen sie de Roos‘ Thesen auch über Bord werfen, wie ihre Vorgänger in der Regel Beethovens Angaben großzügig übergingen oder zurechtbogen.

Das schlechte Gewissen gegenüber den Klassikern wachzukitzeln, ist nicht das Geringste, was Sekundärliteratur erreichen kann.

 

Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2012)