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Ibsens lächerlicher Übermensch

Elmar Goerden zähmt die Charakterköpfe in Henrik Ibsens Schauspiel "John Gabriel Borkman". Das Ergebnis lässt sich sehen. Eine eindringliche Vorstellung bietet auch Helmuth Lohner in der Titelrolle

Henrik Ibsens „John Gabriel Borkman“ ist so klar gezeichnet wie Plus und Minus auf dem Girokonto. Nietzsche würde dazu einfach sagen: „Das Glück des Mannes heißt: Ich will. Das Glück des Weibes heißt: Er will.“ Von solch einem Täter und seinem Scheitern handelt dieses späte Drama. Die Vorgeschichte: Borkman hat seine Liebe zu Ella Rentheim geopfert, weil er lieber in die Karriere investierte. Er heiratete Ellas Zwilling Gunhild und wurde Bankdirektor, Zocker. Als er alles Geld verjuxt hatte, musste er ins Gefängnis. Nach Abbüßen der Strafe leben er und seine Frau auf dem Gut, das Ella gehört – er oben, Gunhild unten. Sie kennt für den Gescheiterten nur Verachtung, setzt alles auf ihren Sohn Erhart. Der soll Karriere machen und so die Ehre der Familie wiederherstellen. Die Sache aber geht gut für Erhart aus. Der junge Mann entkommt.

Ibsen zeigt wenige Stunden in der Endphase dieser gemeinen Familienaufstellung, ein geradliniges Schauspiel, nur mit außergewöhnlichen Darstellern sollte man es aufführen. Das Theater in der Josefstadt hat dazu passende Charakterköpfe. Elmar Goerden ist am Donnerstag eine Inszenierung gelungen, die sogar das Ironische, Lächerliche der Situation hervorhebt, während das platte Gesellschaftskritische diskret bleibt.

Der Beginn überzeugt, mit Nicole Heesters als frustrierter, schlicht gekleideter Gunhild in böser Bitterkeit. Sie sitzt im hohen Schlafzimmer (die Bühnenbilder von Ulf Stengl und Silvia Merlo sind kühl). Im Hintergrund steht bereits die besser gewandete Schwester (Andrea Jonasson). Sie kämpfen um den Sohn, der nach der „Katastrophe“ einige Jahre bei Ella verbracht hatte. Die will ihn nun zurück, sozusagen als Sterbebegleitung. Ella ist schwer krank. Das lässt sie die Situation klar sehen. Jonasson gibt eine Frau mit Herz und Verletzlichkeit, die Konfrontation der Schwestern wird mit Klasse vorexerziert, mit Gesten der Erniedrigung und Beleidigung. Heesters zupft an Kleidern, entsorgt auf Ellas Kleid beiläufig ein gebrauchtes Taschentuch, spuckt ein Bonbon in ihre Handtasche – Schabernack. Jonasson liegt eher das große Melodram, doch das wurde in diesem Falle ein wenig zurückgenommen und wirkt dadurch besonders intensiv.

 

Lohner zelebriert den Größenwahn

Eine eindringliche Vorstellung im Charakterfach bietet auch Helmuth Lohner in der Titelrolle. Er macht Borkmans Größenwahn überdeutlich, schon bei seinem ersten Auftritt zu Beginn des zweiten Aktes. Er rasiert sich, während neben ihm im Saal die kleine Frida Foldal (Raphaela Möst) Klavier spielt. Was ihn auszeichnet: der Wille zur Dominanz, das Exzentrische. Diese Verkniffenheit, dieses Raunzen wie im Selbstzitat liegt an der Grenze zum Bombastischen, hat aber Broadway-Niveau. Richtig interessant wird dieser Borkman aber im Zusammenspiel mit dem Hilfsschreiber Vilhelm Foldal. Ihn könnte man auf das Unterwürfige fixieren, Heribert Sasse gelingt jedoch in dieser Rolle Außerordentliches. Er lässt durchblicken, dass er Borkman sehr wohl richtig einzuschätzen weiß, nämlich als Narr, der glaubt zu schieben und selbst geschoben wird. In den Dialogen dieses Altmänner-Duos erhält das Drama etwas Bitter-Ironisches und in den besten Momenten sogar Aberwitzig-Komisches. Was für ein Alpha-Männchen wird hier vorgeführt! Es lechzt nach Anerkennung und macht doch nur eine lächerliche Figur, da mag dann seine finale Begegnung mit der verschmähten Ella noch so rührend (und der Herztod auch wieder übertrieben) sein.

Am Schluss bleiben zwei verhärmte ältere Frauen über. Eine Aussprache scheint möglich. Die Männer sind tot oder fort. Erhart (Martin Bretschneider) ist mit Frau Wilton (spöttisch, frivol: Maria Köstlinger) in den Süden geflohen, samt Frida. Dort will man musizieren. Im kalten Norwegen aber rieselt Papier, hört man nur noch Fetzen eines Totentanzes auf dem Klavier, die dieses Endspiel die ganze Zeit begleitet haben.

Nächste Termine: 3., 8., 13.–16. März

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2012)