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Susanne Wolff: "Distanz macht mich unglücklich"

Susanne Wolff Distanz macht
Susanne Wolff(c) AP (KERSTIN JOENSSON)
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Die Schauspielerin Susanne Wolff steht derzeit mit Tobias Moretti in München für den Fernsehfilm "Dünnes Eis" vor der Kamera. Die Dreharbeiten hat sie für ein Gespräch mit der "Presse am Sonntag" unterbrochen.

Susanne Wolff: Ich hasse Interviews.

Warum?

Weil ich nicht will, dass die Leute etwas Intimes über mich erfahren.

 

Sind Sie zu ehrlich?

Ja, womöglich, ich bin es einfach nicht gewohnt, wasserdichte Antworten zu geben.

 

Wasserdicht? Will heißen perfekt?

Nicht perfekt, aber so, dass man etwas Persönliches vermitteln kann, ohne sich angreifbar zu machen.

 

Ist es leichter, eine andere Person zu verkörpern?

Für mich schon, absolut.

 

Als Zuschauer stelle ich mir immer die Frage: Wie weit geht der Darsteller in die Rolle hinein, speziell wenn es eine extreme Figur in einer Ausnahmesituation zeigt wie etwa Ihre Penthesilea in Salzburg 2005?

Bei mir ist die Identifikation extrem, aber das ist nun auch eine extrem persönliche Antwort. Wenn ich versuche, mir eine Rolle anzueignen, dann geht sie zuerst durch mich hindurch und kommt wieder heraus. Ich muss sie erst durch meinen Organismus schleusen, meinen Mechanismus, mein Leben. Ich versuche, die Figur mit meinen persönlichen Erfahrungen abzugleichen. Wenn da von Mord die Rede ist, dann versuche ich mich an ähnliche Gefühle bei mir zu erinnern.

 

Das Konzept Distanz scheint bei Ihnen nicht zu funktionieren.

Bei mir nicht, dann bin ich unglücklich.

 

Sie können sich auch beim Vorlesen eines Textes nicht hinter der Literatur verstecken?

Da ist es ein anderer Vorgang. Weil ich da als ich sitze und allein meine Interpretation des Textes wiedergebe ohne Verbindung mit einem Regisseur oder einer Musik. Noch intimer finde ich übrigens den Vorgang des Singens, da schäme ich mich, da habe ich eine große Hemmschwelle, obwohl ich eigentlich gern singen würde.

 

Ist das noch mehr Selbstausdruck?

Ja, ich werde rot und verklemmt und dann kommt nichts mehr raus.

 

Weil Sie glauben, nicht singen zu können?

Na ja, mir wurde schon bestätigt, dass ich eine außergewöhnliche Stimme habe, nicht so tirili oder tralala, sondern eher so im Tom-Waits-Bereich. Momentan spiele ich in einem Stück mit, in dem wir alle einen kleinen Song haben, aber ich würde mich nie vorn auf der Bühne aufbauen und losschmettern. Ich drehe mich eher weg und singe verschämt in so eine Sofaecke rein.

 

Welches Stück ist das?

„Die Kommune“ von Thomas Vinterberg, das auch am Burgtheater zu sehen war. Wir haben am Deutschen Theater in Berlin unsere eigene Version davon gezeigt.

 

Die zeitgenössischen Stücke sind auf den deutschsprachigen Bühnen immer noch in der Minderzahl. Wie organisiert ist die Übersetzung von alten Texten in die moderne Zeit, das kann bisweilen sehr platt werden.

Ich denke, jeder tritt mit dem Vorhaben an, eine brandaktuelle Version von Werk X oder Y hinzulegen. Manch einem gelingt es, dann steht in der Zeitung: „Wunderbar, ich habe den Nahostkonflikt darin wiedererkannt“ oder was auch immer und man denkt sich selbst: Hm, ich habe gar nix darin gesehen. Andererseits: Seit vier Jahren spiele ich die Maria Stuart, und immer wieder staune ich darüber, wie aktuell dieses Stück ist, wegen der Inszenierung, aber vor allem wegen Schiller. Ja, ich staune immer wieder über Schiller. Wie genial dieser Mann war, der ein Stück schuf, das so lange Bestand hat.

 

Wenn es so ist, dass alle Rollen, die man spielt, durch einen durchgehen, dann könnte ich mir Schauspieler als Menschen mit großen Identitätsproblemen vorstellen.

Ich bin gerade privat auf einem Weg zur Beruhigung meines Lebens. Eigentlich bin ich ein eher zackiger Mensch, schnell und aggressiv. Aber ich merke, das tut mir nicht gut und das tut auch meiner Umwelt nicht gut. Deshalb versuche ich, eine gewisse Ruhe in mein Leben zu bringen. Und nun muss ich erkennen, dass das auf eine ungute Weise mit meinem Beruf kollidiert. Gerade jetzt beim Film. Wo meine Arbeitsweise an ihre Grenzen stößt. Wo ich das sogenannte „method acting“ machen will. Da heißt es oft: Jetzt, drehfertig und dann entbrennt eine Diskussion von einer Viertelstunde. Und ich stehe in der Ecke und kitsche mich ein, wie man so schön sagt, und denke: Meine Oma ist gestorben und der Schmetterling ist verbrannt. Aber ich kann den Gedanken nicht über eine Viertelstunde halten. Da merk ich so, o.k., Identität, da müsste man mit einer klaren Technik vorgehen.

 

Gibt es eine Technik dafür? Beruhigungstechnik, oder so etwas wie Entkoppelung?

Also, wenn ich im Theater innerhalb von acht Wochen eine Rolle erarbeite, dann stelle ich mich währenddessen massiv auf diese Rolle ein. Da kann ich mich noch genau erinnern, welche Musik ich wann gehört habe, als ich etwa die Hedda Gabler einstudierte. Oder auf die Emotionalität, die ich in eine Rolle packe wie die der Penthesilea in Salzburg. Beim Film hingegen kann es passieren, dass nach dem ersten Drittel unterbrochen werden muss wegen irgendwelcher technischer Probleme, dann musst Du den späteren Teil vorziehen, mit einer anderen Kameraposition, ohne Vorlauf. Da braucht man eine Technik, die einen klarer und schneller auf den Punkt für die jeweilige Situation bringt. Damit man sich nicht ständig durch diese Emotionsmühlen durchdrehen lassen muss. Den Spannungsbogen zu halten beim Film, ist für mich sehr schwierig.

 

Also man möchte beides: Sein Inneres ständig dabeihaben und gleichzeitig in der Lage sein, einzutauchen in andere Dinge?

Ja, hier und jetzt: Das ist für mich das Credo schlechthin. Man lobhudelt ja oft die Vergangenheit oder klagt darüber, wie schwer man es hatte oder man sehnt sich nach vorn, aber das „Hier und Jetzt“, das ist die größte Schwierigkeit – und klingt dabei doch wie das Allersimpelste.

 

Welche Rolle spielen die Regisseure dabei?

Ich würde unterscheiden zwischen Film- und Theaterregisseuren. Ein Filmregisseur kann nur dankbar sein, wenn man diese Technik beherrscht. Gestern haben wir eine schwierige Szene zwölfmal wiederholt. Und irgendwann war ich an der Grenze, dann flippt man ein bisschen aus.

 

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat Sie als „Emotionsjunkie“ bezeichnet, stimmt das?

Ich glaube, ja.

 

Ihre Filmkarriere hat erst Jahre nach Ihren Anfängen am Theater begonnen. Haben Sie sich lange geziert?

Wolff: Ich besitze seit Jahren keinen Fernseher, ich weiß also nicht, was gerade so läuft. Aber ich sagte mir: Was ich mir selbst nicht anschauen würde, möchte ich auch nicht spielen. Diese Haltung kann ich mir leisten, weil ich fest am Theater bin. Gewiss, ich hatte eine Phase, in der ich gern gewollt hätte, aber da kannte mich keiner. Es hat eine Zeit gedauert, bis ich eine Agentin fand, und die Angebote kamen. Heute lehne ich schon das eine oder andere ab.

 

Warum?

Weil mir etwas nicht gefällt, die Rolle, die Figur, das Drehbuch oder die bisherige Arbeit des Regisseurs.

 

Wer war der Filmregisseur, der die größte Schnittmenge gebildet hat zwischen Ihrer Theaterarbeit und dem Film?

Jan Georg Schütte, ein Kollege, ehemals Schauspieler, der Drehbücher schreiben wollte. Er hat fünf Kollegen gefragt, ließ uns improvisieren und filmte das Ganze, um ein Skript daraus zu machen. Am Ende wurde der Kinofilm „Swinger Club“ daraus, dann kam „Die Glücklichen“ und kürzlich haben wir den dritten Film abgedreht. Da treffen sich für mich zwei Königswege: der Minimalismus des Films, also unglaublich klein spielen zu können, manchmal gar nur mit den Augen. Und die Improvisation des Theaters.

 

Und Dominik Graf, mit dem Sie Teil zwei der Trilogie „Dreileben“ gedreht haben?

Ja! Mit seiner Strenge in der filmischen Auflösung, aber gleichzeitig seinem Anarchismus im Kopf, er kann dem Schauspieler Freiheit geben, das ist toll.

Hat das Leben im Theaterensemble, dieses monatelange Aufeinanderkleben, nicht auch Züge von Familientotalitarismen im Stile Doderers?

Mit Familie würde ich das nicht gleichsetzen, aber ja, es geht schon in die Richtung. Wenn man sich in einem Probenprozess befindet, sieht man jeden Tag dieselben Personen. Man kommt kaum noch unter Menschen oder hat gar keine Lust mehr, noch andere Leute zu sehen, um mit denen auch noch zu reden. Aber wenn man fragt, wie viele von den Theatermenschen enge Freunde sind, wird es schon dünner.

Gibt es noch diese ideologischen Gruppenbildungen im Theater wie früher?

Ich weiß nicht, ob es das heute noch gibt. Natürlich gibt es spürbare Gruppen innerhalb eines Theaters, es gibt ja immer noch sogenannte Hausregisseure. Wenn man eher zur einen Gruppe gehört, um den einen Hausregisseur, dann spielt man womöglich weniger unter einem anderen.

Entstehen Distanzierungsbedürfnisse?

Also, ich habe in dem einen Monat Sommerferien schon das Bedürfnis wegzufahren. Weit wegzufahren, in große Städte, ganz weit weg.

Susanne Wolff

Geboren wurde Susanne Wolff 1973 in Deutschland, nach der Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik, Theater und Medien wird sie 1998 Ensemblemitglied am Hamburger Thalia-Theater und spielt am Wiener Burgtheater, in Paulus Mankers „Alma Mahler – A Show Biz ans Ende“ und bei den Salzburger Festspielen.Seit 2009 ist sie Ensemblemitglied am Deutschen Theater Berlin.

Bei den Salzburger Festspielen 2005 brillierte sie in Kleists „Penthesilea“ in einer Inszenierung von Stephan Kimmig, wofür sie 2006 auch den Rolf-Mares-Theaterpreis erhielt. Seit 2008 spielt sie in Schillers „Maria Stuart“ am Deutschen Theater, ebenfalls in einer Inszenierung von Kimmig. Derzeit ist sie dort auch in „Winterreise“, „Über Leben“, „Teil der Lösung“ und „Die Kommune“ zu sehen.

Ab 2003 übernimmt sie erste Fernsehrollen, etwa im„Tatort“, in „Das Fremde in mir“ und dem Film „Swinger Club“ ihres Schauspielkollegen Jan Georg Schütte.Zuletztwar sie in „Kommt mir nicht nach“, dem zweiten Teil der Trilogie „Dreileben“, zu sehen, bei der Dominik Graf Regie führte. Darin spielt sie die Polizeipsychologin Jo, die an der Fahndung nach dem Sexualstraftäter Molesch im fiktiven Ort Dreileben beteiligt ist und bei bei ihrer alten Studienfreundin Vera und ihrem Mann Bruno wohnt.

Susanne Wolff lebt in Hamburg und dreht derzeit u.a. mit Moretti in München einen Fernsehfilm.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2012)