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Das Geheimnis der verlorenen Fresken

Gudrun Kieweg-Vetters entschlüsselte Wandmalereien einer römischen Villa im Burgenland und zeigt, wie sich der Wand- und Deckenschmuck über 300 Jahre entwickelte.

Wann haben Sie zuletzt ein Puzzle zusammengesetzt? Gudrun Kieweg-Vetters arbeitete über viele Jahre an Puzzles mit fehlenden Teilen: Sie fand an archäologischen Funden der Villa von Bruckneudorf heraus, welche Wandmalereien die römischen Hausherren dort vor fast 2000 Jahren anbringen ließen. „Die Palastruine ist frei zugänglich direkt bei der Autobahnabfahrt Parndorf“, sagt Kieweg-Vetters. In ihrer Dissertation (Uni Wien, Archäologie, Betreuerin Renate Pillinger) konnte sie erstmals in Österreich die Entwicklung von römischen Wandmalereien in einem geschlossenen Gebäudekomplex über die Zeit von 300 Jahren zeigen. „Solche Funde wie in Pompeji sind ja einzigartig, weil dort vieles genauso erhalten ist, wie es zum Zeitpunkt der Zerstörung ausgesehen hat“, sagt Kieweg-Vetters. „In Österreich hat man aber immer nur kleine Einzelteile zur Verfügung, da hier die Zerstörungsgeschichte ganz anders verlaufen ist. Ein ganzes zugeschüttetes Gebäude ist hier nicht vorhanden.“

Dass nahe Parndorf eine riesige römische Villa stand, entdeckten heimische Forscher schon 1931. Doch erst mit der Zeit wurde klar, wie aufwendig der Gebäudekomplex von einem einfachen Holzbau (1. Jahrhundert n. Chr.) zuerst in ein Fachwerkhaus, dann einen Steinbau und schließlich (nach 350 n. Chr.) zu einem Palast umgebaut wurde.

Kieweg-Vetters hat sich dort auf die Funde der Wandmalereien spezialisiert und zeigt ihr Lieblingsstück her: „Auf diesem Fragment sieht man nur eine ungewöhnlich abgewinkelte Hand, die in einem grauen Reifen zu hängen scheint.“ Die helle Hautfarbe verrät, dass es eine Frauenhand ist. Da es nur zwei damals moderne „Standarddarstellungen“ gibt, in denen gefesselte Frauen vorkommen, suchte sie nach weiteren Puzzlestücken. Sie fand ein Medusenhaupt und ein Bein des Helden, der die Frau rettet: „Also muss es sich um Andromeda und Perseus handeln. Diese waren in Lebensgröße im großen Speisesaal dargestellt.“ Ähnliche Puzzlespiele betrieb Kieweg-Vetters mit allen bisherigen Funden der Wandmalereien in dem Palast, der schlussendlich über 30 Räume zählte. Um die Herkunft der Pigmente zu bestimmen, untersuchte sie auch Farbreste in den Töpfen, die die Maler damals entsorgten. Einige der gut erhaltenen Funde sind auch im Landesmuseum in Eisenstadt zu bewundern, wo die Geschichte der Villa von Bruckneudorf nacherzählt wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2012)