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China: Ein toter Brite wird Bo Xilai zum Verhängnis

Bo Xilai, Gu Kailai
AP

Die Frau des abgesetzten KP-Hoffnungsträgers ist wegen Mordes an ihrem Geschäftspartner angeklagt. Die 53-Jährige soll Neil Heywood im November 2011 mittels Zyankali zum Schweigen gebracht haben.

Peking. Die Geschichte liest sich wie einer jener billigen Thriller, die vor dem Start in den Urlaub am Flughafen schnell gekauft und am Strand ebenso schnell gelesen werden: Ein britischer Sinologe aus gutem Hause trifft einen Funktionär der chinesischen KP und dessen telegene Ehefrau. Er freundet sich mit den beiden an, verschafft ihnen Zutritt zur britischen High Society und ist dabei behilflich, ihr illegales Vermögen ins Ausland zu schaffen. Doch als er ein größeres Stück vom Kuchen verlangt, wird er vergiftet und haucht sein Leben in einem drittklassigen Hotel in der chinesischen Provinz aus. Selbst der Name der Absteige scheint zu schön, um wahr zu sein: „Lucky Holiday Hotel“.

 

Tod durch Zyankali

Doch genau diesem Narrativ folgt die Mordanklage gegen die ehemalige Rechtsanwältin Gu Kailai: Die 53-Jährige soll ihren britischen Geschäftspartner Neil Heywood im November 2011 mittels Zyankali zum Schweigen gebracht haben. Nach Berichten der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua sollen die Ermittler „unwiderlegbare und substanzielle“ Beweise für ein Mordkomplott gesammelt haben, an dem neben Gu auch ihr Hausangestellter beteiligt gewesen sein soll. Wann der Prozess gegen die beiden beginnen soll, ist noch nicht klar – Medienberichten zufolge könnte es aber schon Anfang August so weit sein.

Dass diese Affäre kein Fall für Gerichtsreporter ist, sondern in China weite Kreise zieht, hat einen Grund: Bo Xilai. Der Mann der Angeklagten galt nämlich noch vor wenigen Monaten als Hoffnungsträger der Kommunisten und aussichtsreicher Kandidat für den Einzug in den Ständigen Ausschuss des Politbüros – also den neunköpfigen Olymp der politischen Macht in der Volksrepublik.

Bo, 63 Jahre alt und Sohn des Mao-Weggefährten Bo Yibo, war seit 2007 der KP-Chef in Chongqing im Südwesten Chinas – eine 33-Millionen-Agglomeration, die flächenmäßig nur marginal kleiner ist als Österreich. In dieser Zeit machte er sich einen Namen als Kämpfer gegen skrupellose Unternehmer und Fahnenträger des linken Flügels der Partei. Bo ließ vermeintlich korrupte Fabrikanten hinrichten und die Bewohner der Metropole Loblieder auf den großen Vorsitzenden Mao singen. Mit seiner Kampagne, die unter dem Slogan „Rot singen, schwarz schlagen“ bekannt wurde, machte er sich weit über die Grenzen von Chongqing beliebt.

 

Whisky, Boliden und Lederjacken

Zum Fall gebracht wurde Bo ausgerechnet von seinem Adjutanten Wang Lijun. Der Polizeichef von Chongqing, bekannt für seine Vorliebe für Whisky, Boliden und Lederjacken, flüchtete im Februar ins US-Konsulat in der Provinz Chengdu, wo er (ohne Erfolg) um Asyl ansuchte – und offenbar Beweise für die Verwicklung von Gu in den Mordfall Heywood und über bis dato nicht näher bekannte Vergehen von Bo vorlegte.

Die Vermutung liegt nahe, dass die Kampagne gegen die Korruption nur ein Vorwand war, um an die Vermögen der verfolgten Unternehmer zu kommen und das Geld dann (offenbar mithilfe des ermordeten Heywood) ins Ausland zu schleusen. Fest steht jedenfalls, dass das Ehepaar Bo-Gu einen Lebensstil pflegte, der mit dem Gehalt eines KP-Funktionärs nicht zu finanzieren war. So wurde etwa Sohn Bo Guagua nach Harvard zum Studieren geschickt, wo er durch sein Faible für Champagner und Sportautos auffiel.

Für die chinesischen Kommunisten, die sich momentan auf die alle zehn Jahre stattfindende und für den kommenden Herbst avisierte Wachablöse an der Spitze von Staat und Partei vorbereiten, kommt die Affäre zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt: Die Demontage von Bo – er wurde im März von seinem Posten in Chongqing entbunden und im April aus dem Politbüro geschmissen – wurde noch relativ reibungslos über die Bühne gebracht.

Doch nun stehen die Machthaber in Peking vor einem Dilemma: Einerseits müssen sie Bo öffentlichkeitswirksam bestrafen, um seine charismatische Wirkung auf die Bevölkerung zu neutralisieren. Andererseits dürfen sie es allerdings nicht zulassen, dass zu viele Details von Bos Vergehen an die Öffentlichkeit dringen. Denn das könnte das Ansehen der gesamten Partei beschädigen.

Vor diesem Hintergrund macht nun die medial kommunizierte Mordanklage gegen Gu Kailai mehr Sinn. „Die Führung muss die Causa Bo Xilai noch vor dem Beginn des Parteikongresses abschließen, um seine Fraktion kaltzustellen“, sagt Bo Zhiyue, Politologe an der University of Singapore.

Auf einen Blick

Die chinesischen Ermittler werfen der 53-jährigen ehemaligen Rechtsanwältin Gu Kailai vor, gemeinsam mit einem Hausangestellten den Geschäftsmann Neil Heywood mit Zyankali vergiftet zu haben. Der Brite wurde im November 2011 tot in einem Hotel in der Metropole Chongqing gefunden, seine Leiche ohne Obduktion kremiert und alle Mitarbeiter des Hotels ausgetauscht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)

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