Schnellauswahl

Salzburger Festspiele: Der tödliche Traum des Prinzen

Salzburger Festspiele toedliche Traum
(c) Dapd (Uwe Lein)
  • Drucken
  • Kommentieren

Andrea Breth inszeniert das letzte Stück des Heinrich von Kleist mit ungeheurer Präzision. August Diehl als Titelheld lotet das Manisch-Depressive extrem aus. Eine Höchstleistung des Burgtheater-Ensembles.

Der Garten des Schlosses Fehrbellin, vor dessen Mauern sich Stunden später in einer Schlacht gegen die Schweden wieder einmal das Schicksal des aufstrebenden Hauses Brandenburg entscheiden wird, ist ein von Artillerie zerstörter Wald. Martin Zehetgruber hat für die Inszenierung von Kleists Werk „Prinz Friedrich von Homburg“ durch Andrea Breth eine Kriegshölle auf die Bühne des Salzburger Landestheaters gestellt. Immer wieder ertönt in den nächsten zweieinhalb Stunden Kanonendonner. Selbst im Schloss, dessen kalte Räume aus semitransparenten, verschiebbaren Kunststoffwänden und sparsamem Holzmobiliar bestehen, ist er zu hören.

 

Ein traumatisierter Soldat

Jetzt aber herrscht im Wald der Eröffnungsszene ein Scheinidyll. An der Rampe, im Dunkeln, sitzt weggetreten der Prinz von Homburg (August Diehl). Ihm nähert sich eine schwarz gekleidete Gruppe mit Laternen. Es ist das Kurfürstenpaar (Andrea Clausen, Peter Simonischek) samt Gefolge. Graf Hohenzollern (Roland Koch) führt sie zu ihm, um zu zeigen, dass Homburg, statt mit seiner Reiterei wie befohlen auszurücken, einen Lorbeerkranz flicht. Der Held, der eben erst aus einem dreitägigen Kampf ins Hauptquartier zurückgekehrt ist, ist ein Schlafwandler. Vielleicht leidet er aber auch an dem, was die Briten shell-shocknennen. Immer wieder wird Homburg später ins Zittern verfallen wie ein traumatisierter Soldat, in Ohnmachten gar, um sich dann wieder in übersteigerte Euphorie zu retten.

Breth hat diese Eingangsszene als Vorstudie des Manisch-Depressiven meisterhaft gestaltet, wie am Samstag bei der Festspielpremiere zu sehen war, als ein raffiniertes Spiel von Licht und Finsternis. Die Laterne leuchtet Homburg ins Gesicht – er wird vom Schatten zu einem entrückten Menschen, während die Übrigen im Dunkel verschwinden. Dann sind wieder die anderen im Hellen. Man sieht den Fürsten, der lüstern vor Neugier ausleuchten will, was im Prinzen vorgeht, den Grafen, dessen Gesicht mehr Ehrgeiz als Freundschaft verrät, während seine Rede Besorgnis vorgibt, die Fürstin, die entsetzt ist, eine Gräfin (Elisabeth Orth), die schon alles gesehen hat und durch nichts mehr zu erschüttern ist. Vor allem sieht man eine Prinzessin, die furchtbar leidet.

Pauline Knof spielt diese Natalie von Oranien, die Nichte des Fürsten, mit großer Subtilität, von dem Moment an, als sie dem Prinzen den Lorbeer und eine goldene Kette reichen will, er ihr aber einen Handschuh entreißt, der zum Symbol ihrer Verbundenheit wird.

 

Heiß küsst der Fürst seine Nichte

Vor allem auch um Natalie geht es in dieser Konkurrenz zwischen dem Herrscher und seinem unbeherrschten Kämpfer. Beide umfassen das Mädchen, als wäre es ihr Eigentum, küssen es heiß. Knof aber zeigt eine Prinzessin mit starkem Charakter, die widerstrebt und liebt. Sie fügt sich so in ein Ensemble ein, das bis in die kleinen Rollen voller Charakterköpfe ist, das eine Macht und Diplomatie gnadenlos enttarnende, tief schürfende Inszenierung perfekt umsetzt. Der komplexe Text bedingt zwar Längen, die nicht bequem sind (es wird ohne Pause intensiv gespielt), aber gerade diese Unbedingtheit trägt wesentlich zum Erfolg dieser Interpretation bei, die kunstvoll Schein und Sein verwebt, die das Drängende in Kleists Sprache virtuos zur Geltung bringt.

Da ist kein Halten. Der Prinz, von Liebe abgelenkt, hat sich gegen den Befehl des Fürsten überstürzt in die Schlacht geworfen. Nun droht dem Sieger von Fehrbellin die Todesstrafe. Solch strenge militärische Denkungsart mag heute in Europa fremd sein, näher scheint uns vielleicht, dass Homburg ums Leben winselt, als er bemerkt, dass aus Drohung Ernst wird, dass er dafür sogar Natalie aufgeben würde, die sich ihm zärtlich zuwendet und bei der sich Intimität mit einem Schlag in Befremden verwandelt. Hier aber wird der nackte Überlebenswille ebenso enthüllt wie die Brutalität.

Etwa in der Szene, in der sich die Offiziere beim Kurfürsten versammeln, um Gnade für Homburg zu erbitten. Da schreiten die zum unbedingten Gehorsam verpflichteten Krieger auf beleuchtetem Parkett nervös auf und ab, ziellos, als äußerstes Zeichen der Rebellion gegen den Fürsten. Der bleibt als Einziger, an einer Karotte kauend, ein Ruhepunkt. Bis dann Obrist Kottwitz, der treueste Diener seines Herrn, zu einer Rede ansetzt, die im Kleide der Unterwerfung Herrschaft relativiert. Hans-Michael Rehberg spielt diesen Part großartig. Auch Udo Samel beeindruckt mit der Skepsis des alten Feldmarschalls. Gesagt wird wenig, dafür umso mehr beobachtet und gelauscht. Selbst der Kurfürst scheint ständig auf der Lauer, als habe er „Il Principe“ eifrig studiert.

 

Homburg bleibt auf der Strecke

Am Ende lenkt er ein, lässt Gnade walten. Tatsächlich? Oder war alles nur Täuschung? In Wahrheit wurde das Todesspiel mit dem Prinzen bis ins Äußerste gesteigert. Breth interpretiert das auch extrem. Bei Kleist fällt der in letzter Sekunde vor der Exekution bewahrte Homburg, der bereits seinen Frieden mit der Welt geschlossen hat, in Ohnmacht. Hier bleibt er liegen, als wäre er Kleist. Kottwitz schließt ihm die Augen. „Zum Sieg! Zum Sieg!“, deklamiert der Feldmarschall. Das letzte Wort aber hat bei Breth nicht die preußische Schar, sondern nur der Kurfürst. Leise sagt er: „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!“ Da wird es still in diesem finsteren Wald.

Verspäteter Ruhm

Heinrich von Kleist (1777–1811) schreibt seiner Schwester Ulrike im März 1810, dass sein Stück „aus der Brandenburgischen Geschichte genommen“ („Der Prinz von Homburg“) in einem Berliner Privattheater gespielt werden solle. Die Uraufführung gab es aber erst 1821 in Wien am Burgtheater, zehn Jahre nach Kleists Freitod.

Weitere Aufführungen der neuen Koproduktion der Salzburger Festspiele und des Burgtheaters im Salzburger Landestheater: 31. Juli, 1., 3.–5., 7.–9., 11. und 12. August, jeweils um 19 Uhr. Die Premiere in Wien: 6. September 2012.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2012)