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Gerhard Roth: "Eine zweite Wirklichkeit in meinem Kopf"

Gerhard Roth Eine zweite
Gerhard Roth(c) APA (VUKOVITS/PictureDesk.com)
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Schriftsteller Gerhard Roth erzählt der "Presse am Sonntag", warum das Schreiben ihn am Leben hält, wie die Wirtschaftskrise ihm zu schaffen macht – und dass die Frage nach Schuldigen zunehmend scheitert.

Ihr Werdegang hat Sie von der Medizin über die Informatik zur Literatur geführt. War das ein notwendiger Umweg?

Gerhard Roth: Ich hatte in meiner Kindheit eine Großmutter, die eine wunderbare Erzählerin war und mich auch zum Erzählen animiert hat. Als ich noch in die Mittelschule gegangen bin, habe ich mich dann schon intensiv mit Literatur beschäftigt, bevor ich auf Wunsch meines Vaters, der Arzt war, Medizin studiert habe. Nach einigen Jahren war ich dann im Rechenzentrum Graz angestellt, das war 1976, noch ganz am Anfang der Computerzeit in Österreich.

 

Haben Sie das gern gemacht?

Es war deswegen so interessant, weil es mit meinem Beruf nichts zu tun hatte und ich mich dadurch nicht belastet fühlte. Die Informatik war ein Training des logischen Denkens. Ich habe sehr viel dazu gelernt in dieser Zeit, auch für mein Schreiben, was die Präzision betrifft oder den Vorsatz, möglichst genau und nicht redundant zu formulieren.

 

Was hat Ihr Vater dazu gesagt, dass Sie letztendlich nicht Arzt geworden sind?

Das ist die Wunde seines Lebens geblieben.

 

Er war enttäuscht?

Er hat alles dafür getan, dass ich das Studium abschließe, er hätte alles zugelassen. Ich hätte auch dreißig Jahre studieren können. Dass ich Arzt werde, war ihm das Wichtigste. Aber ich konnte mich einfach nicht auf das Rigorosum konzentrieren, ich war voller Unruhe, weil ich geglaubt habe, etwas zu versäumen. Ich bin nach den Vorlesungen und Praktiken auf die UB gegangen und habe mein erstes Buch, „die autobiographie des albert einstein“ zu schreiben begonnen.

 

Wie sind Sie mit der Enttäuschung des Vaters umgegangen?

Das wirkliche Problem für mich war, dass er Mitglied der NSDAP gewesen war. Er war zwar nur ein Mitläufer und wurde, wie ich im Archiv nach seinem Tod festgestellt habe, als „minderbelastet“ eingestuft. Aber als ich – als Jugendlicher und unvorbereitet – den Film „Der Nürnberger Prozess“ gesehen hatte und andere Dokumentarfilme von Erschießungen und von Konzentrationslagern, war ich entsetzt. Ich habe das lange nicht verkraftet.

 

Sie haben diese Zeit in Ihrem Werk sehr intensiv thematisiert. Haben Sie dadurch zu einem Frieden mit Ihrem Vater, mit der Familiengeschichte gefunden?

Insofern schon, als ich es abgearbeitet habe. Aber wenn man so lange darüber schreibt und noch länger darüber nachdenkt, dann weiß man viel und steht fassungslos vor dem, was sich ereignet hat. Am meisten beschäftigte mich die Frage, wozu ein Mensch fähig ist und in welcher Unaufrichtigkeit er später leben kann.

 

Wie geht man persönlich mit dem Widerspruch um, dass jemand ein liebevoller Familienmensch sein kann und eine Geschichte hat wie Ihr Vater?

Ich meine, er hat persönlich nichts Böses getan, aber er hat mitgemacht. Und er wollte außerdem über mich apodiktisch bestimmen. Andererseits hat er mich auf seine Weise sehr geliebt. Diese Widersprüche wurden bis zu seinem Tod nicht aufgelöst. Wir waren am Schluss, bei meinem letzten Besuch im Krankenhaus, ganz allein und ich habe sanft zu ihm gesagt: „Reden wir doch jetzt einmal darüber.“ Er hat zehn Minuten geschwiegen, dann hat er mich angeschaut und geantwortet: „Ich wollte nie ein Kriegsheld sein.“

 

Ist das eine Antwort, mit der man als Sohn umgehen kann?

Nein. Aber er hat mir leid getan, er hat, soweit ich mich erinnern kann, nie etwas Positives über den Nationalsozialismus gesagt. Er hat geschwiegen.

 

Warum haben Sie nach der Medizin auch der Informatik den Rücken gekehrt?

Ich habe auch damals weitergeschrieben und dann hat sich ein Arbeitskollege im Rechenzentrum Graz, Fritz Königshofer, der mit mir befreundet war, eines meiner Manuskripte ausgeliehen. Das war „die autobiographie des albert einstein“. Ich wollte es eigentlich nicht herleihen, es war noch nicht fertig, vieles war durchgestrichen, und es waren Skizzen und Konstruktionszeichnungen und alles Mögliche dabei. Fritz hat es kopiert und an den Suhrkamp Verlag geschickt. Eines Tages, im Jahr 1971, habe ich einen Brief bekommen: Das Manuskript wurde angenommen. Ich hatte nichts davon gewusst.

 

Solche Freunde braucht man.

Irgendwie war ich irritiert, weil ich in der Zwischenzeit ja schon an dem Text weitergearbeitet und mich innerlich noch gar nicht entschlossen hatte, ihn zu veröffentlichen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt aber schon drei weitere Manuskripte beendet, die der Suhrkamp Verlag dann hintereinander gedruckt hat. Und so bin ich dann endgültig ins Schreiben hinübergewandert.

 

Haben Sie sich um die Zukunft Sorgen gemacht?

Damals nicht. In dem Alter glaubt man ja, dass man ewig lebt. Man denkt sich, irgendeine Verzweigung wird es schon geben. Ich war mir sehr sicher, dass ich einmal als freier Schriftsteller leben würde, aber andererseits habe ich eingesehen, dass ich dafür noch zu wenig Abstand zu meinem Leben hatte. Als ich 1976 wirklich freier Schriftsteller wurde und meine Arbeit im Rechenzentrum Graz beendet habe, war ich 34 Jahre alt. Dann gab es finanziell schwere Zeiten.

 

Sie haben Ihr 60. Lebensjahr als Wendepunkt bezeichnet. Was passierte da?

Im Jahr 2002 habe ich mein gesamtes Material, alle Manuskripte, alle Dias, alle Negative, alle Notizbücher an das inzwischen Franz-Nabl-Institut genannte Literaturarchiv des Landes Steiermark verkauft. Es folgte eine Phase der „Entrückung“ fast, weil ich keine finanziellen Sorgen mehr hatte. Die sind dann erst wieder mit Beginn der Finanzkrise gekommen. Ich hatte mein Geld bei einer Bank angelegt – es gab sonst keine Alternative –, und seither bin ich mittendrin in den Wirtschafts- und Finanzkrisen. Ich habe zwar keine Aktien gekauft – ich hatte noch nie Aktien, ich lehne das für mich ab –, ich habe aber das gesamte Geld in eine Art Pensionskassa einbezahlt. Es gab nie einen Gewinn, die Summe blieb trotz Inflation acht Jahre lang gleich. Vor zwei Jahren ist dann die monatliche Auszahlung sogar um 200 Euro pro Monat gekürzt worden. Das spüre ich natürlich. Bei einer Privatpension ist alles unsicher, man hängt von den Zinsen ab, die international vergeben werden, und man ist dagegen wehrlos. Eine der bemerkenswertesten Veränderungen der Zeit ist, dass die Frage nach Schuldigen zunehmend scheitert.

 

Dass Schuldige nicht mehr fassbar sind, ist das eine Entwicklung, die noch rückgängig zu machen ist?

Das ist schwer vorstellbar. In unserer Gesellschaft dreht sich bekanntlich alles um Wachstum, dass also für jedermann Jahr für Jahr mehr Geld herausspringt. Woher soll dieses Mehr kommen? Das muss – abgesehen von wirtschaftlichen Weiterentwicklungen – entweder aus der Natur oder aus Aktienspekulationen gewonnen werden. Dass man mit Geld Geld machen will, ohne Arbeit dazwischenzuschalten, ist das Hauptproblem. Und natürlich der Raubbau an der Natur. Diese Entwicklungen spielen sich zumeist anonym und fern vom Alltag ab, man kennt keine Eigentümer mehr, und Manager berufen sich nur noch auf die Rentabilität.

 

Können Sie sich sorgenfreie Zonen schaffen?

In meinem Kopf gibt es zumeist eine zweite Wirklichkeit. Entweder eine Erinnerung oder etwas, was ich gerade lese, eine CD, eine DVD oder ein Manuskript, an dem ich gerade arbeite. Es ist sehr selten, dass ich mich ausschließlich auf die sichtbare Wirklichkeit beschränken muss. Das halte ich für die Hauptursache, dass ich überleben kann, auch bei gravierenden Problemen. Ein zweiter Film läuft fast immer mit.

 

Und ist dieser zweite Film sorgenfrei?

Er ist oft sehr schwierig. Er zieht mich in alles Mögliche hinein. Aber im Kopf kann ich Probleme, die dort entstehen, besser steuern und eventuell auch lösen. Die äußere Wirklichkeit gehorcht mir bekanntlich nicht. Sie hat ihre eigenen Gesetze, da ist man hineingeworfen wie in einen Mixer. Mein Innenleben mixe ich zumeist selbst, oder ich lasse mich im Gedankenstrom dahintreiben, wie auf einem Floß und gelange irgendwie ans Ufer. Oder auch nicht.

 

Was passiert mit Ihnen, wenn Sie nicht schreiben?

Fragen Sie meine Frau. Die freut sich immer, wenn ich schreibe.

Steckbrief

1942
Geboren in Graz.
Lebt seit 1978 als freier Schriftsteller in der Südweststeiermark und in Wien. Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Fotobände. Unter anderem: „Winterreise“ (1978, Fischer); der Romanzyklus „Die Archive des Schweigens“ umfasst u.a. „Landläufiger Tod“ (1984) „Am Abgrund“ (1986), „Die Geschichte der Dunkelheit“ (1991, alle S. Fischer). Der Politthriller „Der See“ (1995) bildete den Auftakt für den Romanzyklus „Orkus. Im Schattenreich der Zeichen“, dazu gehören u.a. „Der Berg“ (2000), „Das Labyrinth“ (2004), „Das Alphabet der Zeit“ (2007) und endet mit „Orkus. Reise zu den Toten“ (2011, alle S.Fischer). Zuletzt erschien der Sammelband „Portraits“ (2012, S. Fischer). Für sein literarisches Werk wurde Roth mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2012)