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Österreich verfünffachte Kohle-Import aus den USA

Fuenf mehr Kohle
(c) AP (Eckehard Schulz)
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Im Vergleich zu 2011 wurde im Vorjahr deutlich mehr zugekauft. Der Preisverfall sorgt in Europa für hohe Nachfrage und öffnet eine klimapolitische Zwickmühle.

Washington/Wien. Die jüngste Statistik des US-Energieministeriums, erschienen knapp vor Weihnachten, hat es in sich: Im Vorjahr verfünffachte Österreich seine Importe von amerikanischer Kohle. 1,39 Millionen Tonnen Steinkohle gingen über den Atlantik, um 398,5 Prozent mehr als im Jahr 2011. Österreich kaufte damit nur etwas weniger Kohle in den USA als Chile und mehr als die Schweiz; bei keinem anderen Handelspartner der USA stiegen die Einfuhren so stark.

All diese Kohle war so genannte „metallurgische Kohle“, also Koks für die Stahlindustrie. Gerade in der zweiten Jahreshälfte kauften die heimischen Stahlkocher eifrig bei ihren amerikanischen Lieferanten: 678.186 Tonnen waren es von Juli bis September – das Zwanzigfache dessen, was ein Jahr vorher in der Zeit nach Österreich kam.

Die Importe aus den USA könnten noch höher ausgefallen sein, denn der Jahreswert für 2012 ist nur vorläufig, endgültige Werte veröffentlicht das Energieministerium in Washington erst im März. Doch der Trend ist klar und nicht auf Österreich beschränkt: Europa importiert zusehends mehr Kohle aus Amerika. Rund 51 Millionen Tonnen waren es im vergangenen Jahr, was einen Anstieg um 29,1Prozent binnen Jahresfrist bedeutet. Europa ist mit Abstand der wichtigste Exportmarkt für die USA und kauft doppelt so viel Kohle wie ganz Asien dort ein.

 

US-Schiefergas drückt den Preis

Ein Blick auf den Preis für die schwarze Ware zeigt, wieso das so ist. Eine Tonne US-Kohle kostete voriges Jahr in Europa im Durchschnitt 119,67 Dollar. Das war um 22,9 Prozent billiger als ein Jahr zuvor. Noch stärker verbilligte sich amerikanische Kohle, die nach Österreich verkauft wurde: Hiervon kostete eine Tonne zwar 149,88 Dollar, das war aber um 36 Prozent billiger als im Jahr zuvor.

Der Grund für diesen starken Drang amerikanischer Kohle auf den Weltmarkt im Allgemeinen und nach Europa im Speziellen liegt im Boom des Schiefergases in den USA. Die Amerikaner erschließen diese Erdgasquellen von Jahr zu Jahr wirkungsvoller und ersetzen so Kohle in der Stromerzeugung und in der Industrie. Folglich ist Kohle auf dem US-Markt oft nicht mehr wettbewerbsfähig, und die Amerikaner sitzen auf einem riesigen schwarzen Berg, den sie ins Ausland verkaufen müssen.

Da Europa sein Erdgas jedoch zu einem großen Teil deutlich teurer aus Russland beziehen muss, ist die billige Kohle aus den USA für die Stromversorger des Kontinents eine willkommene Alternative. Im April wurde Kohle in Großbritannien zur größten Energiequelle für die Stromproduktion. Die deutschen Energiekonzerne nutzen den schwarzen Rohstoff, um die Probleme, die der massive Ausbau von Solar- und Windkraftanlagen dem Land bereitet, abzufedern. Da die Produktion der Ökostrom-Anlagen schwer prognostizierbar ist, braucht es stets rasch einsatzbereite Ersatzkapazitäten, um die Stromversorgung zu sichern. Wirtschaftlich sinnvoll kann das derzeit fast nur mit Kohlekraftwerken geschehen. So erzeugte RWE, der größte deutsche Stromkonzern, 2012 fast drei Viertel der Elektrizität mit dem Verbrennen von Kohle. Bis 2050 wird sich daran wenig ändern, schätzt die deutsche Energieagentur. Auch dann werden Gas und Kohle noch 60 Prozent der Ersatzkapazitäten stellen müssen.

 

CO2-Markt funktioniert nicht

Für Europa ist die Renaissance des schwarzen Brennstoffs aber ein zweischneidiges Schwert. Denn die Kohle aus den USA ist nicht nur billig. Sie zu verbrennen, ist auch der umweltschädlichste Weg, Strom zu erzeugen. Zum Vergleich: Ein modernes Gaskraftwerk stößt bis zu 60Prozent weniger CO2 aus. Während es den Amerikanern mit Hilfe von Schiefergas gelang, ihren CO2-Ausstoß in der Energieerzeugung auf den niedrigsten Stand seit Jahren zu drücken, führt der verstärkte Einsatz von Kohlekraftwerken die deutsche Energiewende und Europas Klimaschutzziele ad absurdum.

2011 sanken die Emissionen in Europa „dank“ der Wirtschaftskrise zwar noch. Im Vorjahr stiegen sie aber alleine in der Energieproduktion um drei Prozent an, schätzt Bloomberg. Ursprünglich sollte der CO2-Markt Europa vor einem solchen Dilemma bewahren. Ein hoher Preis für das Recht, eine Tonne CO2 in die Luft zu blasen, sollte umweltfreundlichere Kraftwerke rentabel machen. Dafür müssten CO2-Zertifikate aber um mehr als 30 Euro verkauft werden. Derzeit kosten die Papiere mit knapp fünf Euro gerade so viel wie eine halbe Pizza.

Auf einen Blick

Kohle feiert eine Renaissance.
Europa ist der größte Abnehmer von amerikanischer Kohle. Der Schiefergas-Boom in den USA verbilligte den schwarzen Rohstoff stark. Europas Versorger nutzen Kohle als billigen – aber umweltschädlichsten – Weg, rasch und kalkulierbar Strom zu erzeugen, wenn Wind und Sonne auslassen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2013)