Der Lieblingsschüler Fidel Castros

(c) EPA (AHMED VELASQUEZ)

Hugo Chávez suchte die ideologische Nähe der Vaterfigur Fidel Castro. Kubas Langzeitdiktator verfolgte ein kühles Kalkül: billiges Öl für sein Regime.

Wien. Der Caudillo im Ruhestand hatte seinen gelehrigen Schüler selbst auf dessen Leiden aufmerksam gemacht. Als der „Comandante“, Venezuelas Präsident Hugo Chávez, vor zwei Jahren wieder einmal seinen siechen Lehrmeister in Havanna besuchte und über Unwohlsein klagte, legte ihm Fidel Castro ans Herz, seine kubanischen Leibärzte zu konsultieren. Die diagnostizierten prompt einen Tumor in der Größe eines Baseballs im Bauchbereich.

Kubas Ärzte genießen Weltruf, und so vertraute sich Chávez der Heilkunst kubanischer Krebsspezialisten an. Monatelang ließ sich Venezuelas Präsident fortan in Havanna behandeln, zuletzt über Weihnachten – ganz in der Nähe seiner Vaterfigur und seines Vorbildes. In der hermetischen Welt des Tropen-Kommunismus der Zuckerinsel konnte er vor Indiskretionen sicher sein, die den „Chavismo“ in seiner Heimat schon viel früher destabilisiert hätten. Dass der beinahe 30 Jahre jüngere Chávez jetzt noch vor dem oft totgesagten Castro starb, ist eine ironische Laune des Schicksals.

Die beiden Baseballfans verband neben einer Männerfreundschaft eine ideologische Wahlverwandtschaft. Im Laufe der Jahre adoptierte Chávez Elemente der totalitären Diktatur Kubas, verquickt mit karibischem Machismo – bis hin zum Stil Castros und dessen stundenlanger Ansprachen, kopiert im TV-Format „Aló Presidente“. „Für mich ist Fidel ein Vater, ein Genosse, der Meister einer perfekten Strategie“, schwelgte er einst in „Granma“, dem kubanischen Zentralorgan.

Ein sympathisierender venezolanischer Präsident hatte die kubanischen Rebellen 1958 mit Waffenlieferungen unterstützt. Von Anfang an hatte Fidel Castro indes den Ölreichtum Venezuelas im Auge. Und als die Hilfe des großen Bruders aus Moskau infolge der Implosion des Sowjet-Imperiums ausblieb, da erschien ihm der Putschist Chávez wie ein Retter in der Not. Er empfing den Polit-Touristen aus Caracas 1994 höchstpersönlich am Rollfeld in Havanna, polierte am „Rohdiamanten“ und nahm ihn unter seine Fittiche.

Nach Chávez' Wahl 1999 lukrierte sich die Hinwendung. Der Deal, billiges Öl aus Venezuela im Austausch gegen Ärzte aus Kuba, hielt das Castro-Regime am Leben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2013)