Der Mann, der sich mit KHG anlegte

Mann sich anlegte
Michael Ramprecht(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

"Was hast du davon?" Diese Frage hat Michael Ramprecht oft gehört, nachdem er Karl-Heinz Grasser im Buwog-Verfahren belastet hat. Die Antwort: gar nichts.

Es war letztlich eine einsame Entscheidung. Michael Ramprecht hat sie allein und spontan getroffen. Obwohl, wie er erzählt, „es jahrelang in mir gebrodelt hat“. Dann kam dieser Tag im Herbst 2009. Ein Journalist des Nachrichtenmagazins „Profil“ rief bei ihm an. Und Ramprecht erzählte. Alles. „Es musste einfach raus“, sagt er.

„Es war ein abgekartetes Spiel“, erklärte Ramprecht also dem Journalisten. Ein Zitat, das noch Jahre später für viel Aufregung sorgen sollte. Und Michael Ramprechts Leben mit einem Schlag dramatisch veränderte.

In jenem Herbst 2009 waren die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Karl-Heinz Grasser (für den die Unschuldsvermutung gilt) nämlich bereits voll im Gang. Schon damals wurde der Frage nachgegangen: Ist es in der Ära Grassers als Finanzminister bei der Privatisierung der staatlichen Wohnbaugesellschaft Buwog mit rechten Dingen zugegangen? Und Ramprecht, seinerzeit enger Mitarbeiter von KHG, packte aus: Grasser habe sich für die Abwicklung des Verkaufsprozesses ausdrücklich die Investmentbank Lehman Brothers gewünscht. Und von Anfang an sei klar gewesen, dass die Immofinanz den Zuschlag für die Buwog erhalten werde. Ein „abgekartetes Spiel“ also.

Sprach's – und ging nach Hause. „Mir war bewusst“, erzählt Ramprecht heute, „dass ich damit in den Ring gestiegen bin. Und dass mir keiner helfen wird.“ Daheim angekommen erzählte er seiner Frau von dem Interview. Sie war alles andere als begeistert.

Die Tage danach: die reine Hölle. Das Interview erscheint, Ramprechts Handy läutet ohne Unterbrechung. Er schaltet es ab, zieht sich drei Tage lang völlig zurück. Seine Frau wird angerufen, sie ist mit der Sache völlig überfordert. „Ich hab die Dimension total unterschätzt“, sagt er.

Freunde rufen an: „Wieso tust du dir das an?“, fragen sie. Und: „Was hast du davon?“ Michael Ramprecht hat nichts davon. Außer, dass „es“ eben rausmusste. Und jede Menge Zores hat er natürlich auch.

In den folgenden Monaten befindet sich Ramprecht „im Ausnahmezustand“. Im Zeitraffer: Er wird von der Staatsanwaltschaft als Zeuge einvernommen. Es kommt zu Razzien in seiner Wohnung und in seinem Büro. Grasser klagt ihn. Grasser nennt ihn öffentlich „psychisch labil“. Ramprecht klagt Grasser. Das Dach von Ramprechts Cabrio wird zweimal aufgeschlitzt. Zufall? Bloß Paranoia? Kein Zufall? Ramprecht weiß es natürlich nicht. Er ist im Ausnahmezustand.

Dann, Jahre später, die Prozesse. Ramprecht und Grasser treffen aufeinander – einst enge Freunde, jetzt erbitterte Gegner. Blitzlichtgewitter, sie reden kein Wort miteinander. „Mir ist es beim Prozess aber recht gut gegangen“, sagt Ramprecht, „weil ich mir sicher war, dass sich die Medien endlich ein Bild machen können.“

Die Sache zieht sich bis ins Jahr 2012. Wegen Ehrenbeleidigung Ramprechts wird Grasser zu einer Geldstrafe von 5000 Euro verdonnert, gegen die er natürlich berufen will. Im von Grasser angestrengten Prozess verordnet die Richterin eine Vertagung auf unbestimmte Zeit. Bis die Causa Buwog strafrechtlich geklärt ist.

Pause also. Und Ramprecht fällt in ein tiefes, schwarzes Loch. Er sei sich irgendwie wie ein Kriegsveteran vorgekommen. „Ich hatte auf einmal eine große Sinnkrise“, sagt er. „Das muss man sich einmal vorstellen: Ich hatte jahrelang nur mehr ein Ziel vor Augen – nämlich diesen Kampf zu gewinnen. Und plötzlich war das vorbei.“ Nicht nur das: Die Sache ist nach wie vor ungeklärt.

Probleme mit der Firma. Zu all dem Übel kamen auch noch Schwierigkeiten wirtschaftlicher Natur. Weniger wegen der Anwaltskosten, die sich mittlerweile angehäuft hatten. Vielmehr gab es massive Probleme mit einem Unternehmen, das Ramprecht und seine Frau vor rund vier Jahren erworben haben. Der Betrieb, der Baumaschinen herstellt, schlitterte im August 2012 in die Insolvenz, derzeit befindet es sich im Sanierungsverfahren.

Ramprecht ist überzeugt davon, dass das Ruder wieder herumgerissen werden kann. Aber der stille Vorwurf in seiner Familie bleibt: Was, wenn er sich in den vergangenen Jahren ausschließlich auf die Firma konzentriert hätte? Was, wenn er nicht so viel Energie für Zivilcourage geopfert hätte?

Michael Ramprecht bleibt dabei: „Ich bin felsenfest davon überzeugt, das Richtige getan zu haben.“ Wiewohl es ihm seine Frau bis heute nicht verziehen habe, dass er an die Öffentlichkeit gegangen ist.

„Was hast du davon?“ Diese Frage hat er im Lauf der vergangenen Jahre wirklich oft gehört. Er kann sie nach wie vor nur so beantworten: gar nichts. „Allenfalls, dass ich durch die Sache stärker geworden bin. Ich lasse mir nichts mehr gefallen.“ Was natürlich auch seine Schattenseiten hat: „Ich bin kein einfacherer Mensch geworden“, sagt Ramprecht, „ich bin mutiger, aber auch eckiger und kantiger.“

Und gelernt hat er auch sehr viel. Ramprecht: „Ich bin an meine Grenzen gegangen und habe erfahren, dass man oft unterschätzt, wie stark man ist.“ In Österreich geht ihm „eine Kultur der Zivilcourage generell ab“, aber irgendwie versteht er das auch: „Zivilcourage allein reicht wohl nicht. Man braucht auch viel Geld für so einen Kampf.“

Das stille Leben danach. Heute ist das Leben des Michael Ramprecht wieder sehr viel ruhiger geworden. Hin und wieder wird er noch auf „die Sache“ angesprochen. „Ich sag aber eigentlich nichts mehr dazu, ich hab ja schon alles gesagt.“ Jetzt muss er sich um die Sanierung seines Unternehmens kümmern.

Würde er heute etwas anders machen? Nein, sagt er, er habe das Richtige getan. Allenfalls würde er heute die Angelegenheit strategischer angehen. „Ich würde mir vorher Verbündete suchen.“ Menschen, die seine Wahrnehmung von damals bestätigen würden. Menschen, mit denen er das nachher Erlebte teilen und mit denen er sich austauschen könnte. Denn seine Erfahrung war: „Am Ende ist man allein.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2013)