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Thank you very much, Mrs. Thatcher!

(c) REUTERS (POOL)
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Leidenschaftlich verehrt oder erbittert gehasst: Margaret Thatcher spaltete ein Land, das ohne sie in der Dritten Welt gelandet wäre.

Im Londoner Stadtteil Brixton strömen die Leute in Scharen auf die Straßen, am Nachmittag eines ganz normalen Arbeitstags fliegen Champagnerkorken durch die Luft, wildfremde Menschen liegen einander in den Armen, um einen „großen Tag“ zu feiern. Nein, England hat sich nicht zum Fußball-Europameister geschossen, Großbritannien hat eine ihrer umstrittensten politischen Figuren verloren. Margaret Thatcher ist tot. Während das offizielle Großbritannien den Union Jack auf Halbmast setzt, lassen die Gegner der resoluten Baroness ihren Gefühlen freien Lauf: „Maggie, Maggie, Maggie! Dead, dead, dead!“, wird skandiert, in den Internetforen der Tod der „alten Hexe“ bejubelt.

So viel Hass bekommt man nicht geschenkt. Margaret Thatcher gilt heute als Synonym für einen „neoliberalen“ Irrweg, der die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds gezerrt hat. Sie hat die Finanzmärkte liberalisiert, mit gnadenlosen Privatisierungen der kapitalistischen Raubzugmentalität Tür und Tor geöffnet, den Sozialstaat zerstört, die Industrie ausbluten lassen und den Gewerkschaften das Genick gebrochen. So jedenfalls sehen das all jene, die sich von Thatcher auch nach deren Tod noch bedroht fühlen.

Und diese Menschen sind keineswegs paranoid. Margaret Thatcher ist tatsächlich noch immer hinter all jenen her, die meinen, der Staat müsse eine viel stärkere Rolle einnehmen, um Wohlstand für alle zu schaffen. Hinter all jenen, die noch immer nicht sehen wollen, dass die heute tobende Krise vor allem eines ist: das Ergebnis einer Abfolge gut gemeinter staatlicher Interventionen. Von den Unmengen an künstlich verbilligtem Zentralbankgeld, das zu einer verheerenden Fehlallokation der Mittel führte (Blasenbildung auf allen Märkten), bis hin zu verlotterten Staatshaushalten, die Jahr für Jahr Defizite zulasten Dritter erwirtschafteten, um die Wählerschaft finanziell zu verwöhnen.


Gewerkschaften als Wahlhelfer. Ja, Margaret Thatcher zerschmetterte die Gewerkschaften, was im Nachhinein ein wenig undankbar erscheinen mag. Schließlich wäre sie ohne radikalisierende Arbeiterführer nie an die Macht gekommen. Die „Trade Unions“ tyrannisierten in den 1970ern das ganze Königreich. Sie pochten auf abenteuerliche Lohnerhöhungen von 90 Prozent, legten mit langen Streiks die Wirtschaft lahm. Die Stahlproduktion brach um 50Prozent ein, Stromabschaltungen standen an der Tagesordnung, Brot war knapp, Milch konnte nicht mehr ausgeliefert werden, weil die Flaschen fehlten. 1974 führte die britische Regierung die Dreitagewoche ein, weil nichts mehr ging, die Wirtschaftsleistung des einstigen Weltreiches war bereits fast so niedrig wie jene der DDR (das ist kein Witz).

Großbritannien war am besten Weg, zugesperrt zu werden. Und dann kam sie. Margaret Thatcher begeisterte ihre Landsleute für einen neuen Weg. Freies Unternehmertum sollte das Land zu neuem Wohlstand führen, nicht ein alles lenkender Staat. Untergehenden Industrien sollte nicht länger gutes Geld der Steuerzahler nachgeworfen werden. Was nicht zu retten war, war dem Untergang geweiht. Ihr erbitterter Widerstand galt aber nicht nur den Gewerkschaften, sondern auch den britischen Großkonzernen, die sich ungeniert an den Subventionstöpfen bedienten.

Thatcher erhöhte die Zinsen, um die Inflation zu bekämpfen, senkte den Spitzensteuersatz von 90 auf 40 Prozent und hob die Mehrwertsteuer von sieben auf 15 Prozent an. 600.000 Staatsbedienstete wurden gefeuert, Subventionen gestrichen, Staatsbetriebe privatisiert – darunter Stromversorger, Telekom-Betreiber, Fluggesellschaften und die Eisenbahn. Millionen von Sozialwohnungen wurden unter Marktpreisen an deren Bewohner verkauft, die so zu Immobilienbesitzern wurden.

Sie erinnerte ihre Landsleute daran, dass nicht die Gesellschaft an jedem geplatzten Lebenstraum schuld war: „And, you know, there is no such thing as society. There are individual men and women, and there are families. And no government can do anything except through people, and people must look to themselves first. It's our duty to look after ourselves and then, also to look after our neighbour. People have got the entitlements too much in mind, without the obligations. There's no such thing as entitlement, unless someone has first met an obligation“.

Nicht gerade in Mode, das. Hoch im Kurs stehen heute aber wieder jene Heilmittel, zu denen schon Thatchers gescheiterte Vorgänger gegriffen haben. Permanent steigende Staatsausgaben, um Wachstum von kommenden Generationen zu leihen. Immer höhere Steuern, bis auch der letzte Bürger endlich kapiert hat, dass Leistungsbereitschaft ein persönlicher Spleen ist, der vom Staat gnadenlos abgestraft wird. „Niemand würde sich heute an den guten Samariter nur wegen seiner noblen Absichten erinnern. Er hatte auch das nötige Geld“, wie Thatcher meinte. Die Tochter eines Kolonialwarenhändlers war nicht die Anwältin der Eliten, sondern der hart arbeitenden Bürger. Sie senkte nicht nur die Steuern, sie durchtrennte auch jene Leine, an der die öffentliche Hand die Unternehmen spazieren führte. Das wirkt bis heute nach.

Zu ihren unverzeihlichen Fehlern zählt die blinde Loyalität zum chilenischen Diktator Pinochet. Heillos übertrieben war auch ihre Angst vor einem wiedervereinigten Deutschland. Wirtschaftspolitisch machte sie aber vieles richtig. Und das, obwohl die führenden britischen Ökonomen zu Beginn der 1980er-Jahre nahezu geschlossen Petitionen unterzeichneten, um Thatcher zur Umkehr zu bewegen (was sie heute wieder tun würden). Keine zehn Jahre später war der Staatshaushalt saniert und die britische Wirtschaftsleistung deutlich näher an der BRD als an der DDR. Diesen Erfolg haben ihr die Linken nie verziehen. Noch heute kritisieren sie, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich weit geöffnet habe. Wie absurd, war die Kaufkraft aller Briten zu Ende ihrer Amtszeit höher denn je.

Feindin des Kompromisses. Persönliche Anfeindungen störten Thatcher nie. „Wenn es Ihnen nur darum geht, beliebt zu sein, sind Sie jederzeit zu Kompromissen bereit – um am Ende nichts erreicht zu haben.“ Sie hat sich nicht viele Freunde gemacht, aber jede Menge erreicht. Das ist freilich nicht der einzige markante Unterschied zu den Politikern von heute. Margaret Thatcher war eine bemerkenswerte Frau, der viele Menschen in West und Ost sehr dankbar sind. Auch wenn das nicht ihr Ziel gewesen sein mag.

franz.schellhorn@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2013)