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Salzburger Festspiele: Romeo, Julia und der ewige Krieg

Salzburger Festspiele: Romeo, Julia und der ewige Krieg
Salzburger Festspiele: Romeo, Julia und der ewige Krieg(c) APA/WOLFGANG KIRCHNER (WOLFGANG KIRCHNER)

Der Iraker Mokhallad Rasem zeigt beim Young Directors Project ein kurzes, intensives Spiel von Liebe und Tod, ausgehend von Shakespeares Tragödie.

Einen ausgebrannten Jeep, in dem ein altes Ehepaar starb, das er kannte, sah der gebürtige Iraker Mokhallad Rasem, der heute in Antwerpen lebt, bei einem Besuch in Bagdad. Dieses erschütternde Erlebnis inspirierte ihn zu seiner Version von „Romeo und Julia“ nach Shakespeare, die Sonntagabend im Salzburger Republic Premiere hatte. Auch hier dominiert ein Jeep die Bühne: Er ist Flucht- und Wohnort für die Menschen in dem von Bürgerkrieg und Terror zerrissenen Land. Sechs Personen mit Gasmasken entsteigen dem Auto, bewegen sich stumm, posieren für Fotos: Es sind zwei Kinder, zwei Tänzer und zwei alte Leute.

Die Aufführung gleicht einer Art Brainstorming: Wie der Satiriker Ephraim Kishon in den Siebzigerjahren in seinem „heiteren Trauerspiel“ unter dem Titel „Es war die Lerche“ fragt Rasem, was wohl aus den Liebenden geworden wäre, wenn sie nicht als Opfer der familiären Fehden zu Tode gekommen wären: ein streitendes Ehepaar, so sah es Kishon. Rasem dachte in eine ähnliche Richtung, aber weiter. Von Shakespeares Text nahm er nur ein paar Passagen aus den Liebesszenen, kombinierte sie mit Teilen aus Prokofieffs Ballettmusik, Chansontexten, darunter von Jacques Brel („Ne me quitte pas“) und arabischer Lyrik. Das alte Ehepaar spricht über die enge Verbindung von Liebe und Tod. Es erzählt den Jungen anhand eines per Video eingeblendeten Familienalbums aus einer fiktiven Kindheit von Romeo und Julia, die sich beide der Kunst zuwenden wollten – und was aus ihnen hätte werden können. Es erzählt auch von seinem eigenen Glück. Zwischendurch verschwinden die beiden hinter den Jeep und vergnügen sich, wobei sie die italienische Küche durchdeklinieren.

Eruptive Leidenschaft und Überdruss

Dann will der alte Mann die Frau verlassen, er wirft ihr unglaubliche Beleidigungen an den Kopf, wie hässlich er sie findet, und erklärt ihr, dass er sich vor ihr ekelt und sich ihr nicht einmal dann nähern möchte, wenn er sich vorstellt, sie sei schön und jung. Die alte Frau reagiert hilflos und entsetzt.

Kurz darauf ist alles wieder in Ordnung, vielleicht war der Streit ja nur ein Spiel. Die dramatischen und tragischen Szenen der Liebe werden von den beiden Tänzern illustriert. Gegen Ende der mit ca. 90 Minuten kurzen Aufführung ziehen sich die Alten mit den Kindern in den Jeep zurück und lesen ihnen Geschichten vor. Gilda de Bal und Vic de Wachter spielen das alte Paar, das keine dieser Routineehen führt, sondern sehr vital wirkt, in seinen Umarmungen und Konfrontationen. Eleanor Campell und José Paulo dos Santos tanzen wunderbar – und die beiden Kleinen (Mona Staut, Daan Roofthooft) sind herzig. Diese Aufführung zielt nicht auf den Kopf, sondern auf das Herz, nicht auf den kritischen Geist, der immer fragen will: Ist das nicht alles schon einmal da gewesen und ein bisschen banal? Hätten wir nicht lieber, wie es sich gehört, das Original von „Romeo und Julia“ gesehen?

Auf jeden Fall ist diese Performance aus dem Leben gegriffen und spricht das Unterbewusste an. Sie ist dazu da, beim Besucher eigene Gedanken zu wecken, wie er oder sie es hält mit Liebe und Tod, diesen Enden der Welt, auf die wir keinen Einfluss haben. Natürlich ist Shakespeare gewaltiger, zeitloser, aber auch sprachlich schwerer zugänglich. Das Toneelhuis – wie die Truppe um Rasem heißt – setzt auf Improvisation, der Text ist nur ein Vorschlag. Auch das ist seit den 1968er-Jahren nicht neu. Aber diese Geschichte, die daran erinnert, dass in vielen Ländern dieser Erde seit Generationen Krieg herrscht, berührt ähnlich wie ein Traum. „Ich konzentriere mich auf Emotionen und Körperlichkeit – und auf die Grausamkeit des täglichen Lebens“, sagt Rasem. Das hat er mit dieser sinnlich-besinnlichen Aufführung überzeugend auf die Bühne gebracht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2013)