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Der verkaufte Patient

Skandalös ist nicht der Verkauf von Daten selbst, sondern, dass Patienten davon nichts wissen.

Die Geschichte über den regen Handel mit Informationen über Patienten und ihre Rezepte hat alles, was ein öffentliches Aufregerthema braucht: etwa den (ausgerechnet!) US-amerikanischen Datenhändler IMS Health, der weltweit alle möglichen und unmöglichen Quellen anzapft, um, ähnlich wie ein Geheimdienst, seine Auftraggeber mit Informationen und Analysen zu versorgen. Und, als Auftraggeber, die ohnedies verdächtige Pharmaindustrie, die auf Basis der gekauften und professionell aufbereiteten Daten die ausgespähten Patienten maßgeschneidert mit ihren Produkten versorgt.

Viele Aspekte der Geschichte verdienen die Empörung. Nicht alle sind jedoch automatisch illegal. Ja, Gesundheitsdaten sind sensibler als Informationen über das Einkaufsverhalten beim Greißler um die Ecke. Trotzdem: Der Handel mit Daten allein ist noch kein Skandal. Dieser ist im konkreten Fall in der Art und Weise zu finden. Nämlich: Wie kommen eigentlich Patienten dazu, mit Informationen über ihr persönliches gesundheitliches Leid bestimmten Ärzten, zahlreichen Apothekern und letztendlich IMS Health selbst das Geschäftsmodell zu sichern, ohne, erstens, überhaupt davon zu erfahren, und dafür, zweitens, keinen einzigen Cent zu bekommen?

Das in Österreich gelebte System ist perfide. Patienten liefern – ungefragt – Daten, die alle beteiligten Berufsgruppen brauchen, um mit eben diesen Patienten noch mehr Geld verdienen zu können.

Ein transparentes System sähe anders aus. Jede Übermittlung von Daten wäre freiwillig. Und für jeden Datensatz stünde dem Patienten eine Provision zu. Fragen Sie doch Ihren Arzt oder Apotheker.

 

andreas.wetz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2013)