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Millionenschaden: Wie Handwerker die Stadt Wien prellten

Handwerker verrechneten Wiener Wohnen „Leistungen“, die sie nie erbracht hatten.
Handwerker verrechneten Wiener Wohnen „Leistungen“, die sie nie erbracht hatten.(c) Fabry
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Sachverständige zerlegten sanierte Gemeindewohnungen: In keiner war verbaut, was die Firmen verrechneten. Hochgerechneter Schaden: 20,5 Mio. Euro pro Jahr.

Wien. Unter der frisch verputzten Oberfläche unzähliger Wiener Gemeindewohnungen schlummert allem Anschein nach ein Bauskandal erheblichen Ausmaßes. Eine Armada aus Sachverständigen und Gutachtern hat in den vergangenen Monaten starke Indizien dafür zusammengetragen, dass Handwerksbetriebe bei der Sanierung von Gemeindewohnungen im ganz großen Stil Leistungen verrechneten, die sie gar nicht erbrachten. Allein im Jahr 2012 könnte so ein Schaden in der Höhe von 20,5 Mio. Euro entstanden sein.

Die Betonung liegt auf könnte. Wiener Wohnen, ein Tochterunternehmen der Stadt Wien, in dem 220.000 Gemeindewohnungen gebündelt sind, hält nämlich fest, dass das Hochrechnen des bei Untersuchungen in mehreren Wohnungen festgestellten Schadens „aus unserer Sicht nicht möglich ist". Die Zurückhaltung hat damit zu tun, dass der städtische Wohnkonzern demnächst bei einem Zivilgericht

Schadenersatzforderungen stellen wird. Und vor Gericht kann - so will es der Rechtsstaat - nur eingeklagt werden, was auch dokumentiert werden konnte. Oder in anderen Worten: Es ist schlichtweg unmöglich, zigtausend sanierte Einheiten fachmännisch und bis in die Details von Gutachtern zerlegen zu lassen, um die tatsächliche Schadenssumme festzustellen.s

Kaum ein Gewerk ohne Makel

So müssen sich Wohnbaustadtrat Michael Ludwig und Wiener-Wohnen-Geschäftsführer Josef Neumayer zunächst damit zufriedengeben, was eindeutig nachweisbar ist.

Anlass war ein schwerwiegender Verdacht gegen einen Großbetrieb für Maler- und Bodenlegerarbeiten („Die Presse" veröffentlichte im Sommer eine Artikelserie). Die Firma des Kommerzialrates aus Liesing steht im Verdacht, Leistungen verrechnet zu haben, die nicht erbracht wurden. Die Staatsanwaltschaft führt diesbezüglich seit mehreren Monaten ein Ermittlungsverfahren. Nach den kritischen Medienberichten reagierte der Geschädigte, und Wiener Wohnen untersuchte die Rechnungen von 400 Wohnungen, in denen besagter Handwerkerpatron tätig war, ließ in 20 weiteren die getätigten Malerarbeiten von Sachverständigen prüfen und zerlegte fünf Wohnungen gar komplett. Wände, Fußböden, Installationen: Alles wurde aufgestemmt, gesichtet und die Materialien in Labors analysiert. Die Erkenntnisse sind alarmierend.

Keineswegs war es nämlich so, dass sich nur der Liesinger Großbetrieb mit Minderleistungen eine höhere Gewinnspanne sicherte. Auch Elektriker, Baumeister, Installateure und Fliesenleger lieferten nicht immer das, wofür sie Rechnungen legten. So kamen die Sachverständigen in den fünf ausgewählten Wohnungen auf einen Schaden in der Höhe von exakt 32.000 Euro, also 6400 Euro pro Einheit. 35 Prozent davon entfielen auf jene Firma, die den Anlass für die Untersuchung lieferte. Systematisch waren Böden und Anstriche in schlechterer Qualität als vertraglich festgelegt ausgeführt worden.

Die übrigen 65 Prozent des Schadens teilen sich 19 weitere Unternehmen. Dazu muss man wissen, dass die einzelnen Gewerke bei Wiener Wohnen immer gebietsweise an einige wenige Auftragnehmer vergeben werden, diese also in hunderten, tausenden oder zehntausenden Wohnungen tätig sind.

Verdächtiger fordert Orden

Während bei den Maler- und Bodenlegerarbeiten die Minderleistungen immer nach dem gleichen Schema abliefen, waren die Mängel bei den anderen Gewerken ziemlich unterschiedlich. Aber immer so, dass sie oberflächlich und ohne zerstörende Untersuchung niemals aufgefallen wären.

Dafür sollen die überführten Unternehmen nun zahlen. Die dokumentierten 32.000 Euro stehen jedoch in keinem Verhältnis zu dem, was nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit noch auftauchen könnte. Die 6400 Euro Schaden pro Wohnung könnten nämlich schnell viel mehr werden, wenn man berücksichtigt, dass allein 2012 genau 3200 weitere Einheiten generalsaniert, also durch Handwerksarbeiten in eine höhere Kategorie gestuft wurden. Geht man davon aus, dass auch in diesen Wohnungen gepfuscht wurde (und das ist deshalb wahrscheinlich, weil aufgrund der Rahmenverträge überall dieselben Firmen tätig sind), ergibt sich allein für das Vorjahr die eingangs genannte Summe von 20,5 Mio. Euro.

Das Rathaus will aus dem Skandal nun Konsequenzen ableiten. Zumindest der Großhandwerker aus Liesing verliert alle Aufträge. Alle anderen Vertragspartner wurden und werden darauf hingewiesen, was ihnen droht, wenn die aufgedeckte Praxis nicht endet. Sicherstellen will das Wiener Wohnen mit verstärkten Kontrollen.

Somit ist es eine Ironie des Schicksals, dass ohne das Treiben des Liesinger Handwerkerpatrons die Machenschaften der anderen Vertragspartner wohl nie aufgeflogen wären. Ob sich Wien erkenntlich zeigt? Er selbst offenbarte zuletzt in einem Wutbrief an Bürgermeister Häupl und Wohnbaustadtrat Ludwig seine Sicht der Dinge, forderte, für seine Leistungen mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien ausgezeichnet zu werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14. November 2013)