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„Keine Überraschung, dass die Klimapolitik nicht funktioniert“

(c) REUTERS (INA FASSBENDER)
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Der britische Ökonom Matthew Sinclair hält Maßnahmen wie den CO2-Handel für ineffizient und gefährlich.

Die Presse: Sie kritisieren die EU-Klimapolitik scharf. Was stört Sie konkret?

Matthew Sinclair: Die EU-Klimapolitik ist extrem teuer und ineffizient. Da werden enorme Geldmengen verschwendet. Konsumenten müssen viel mehr für Energie zahlen als notwendig wäre. Auch die Industrie, die deswegen aus Europa abwandert. Gleichzeitig gehen Investments, die nach Europa kommen sollten, anderswo hin. Das bringt dem Klima nichts, aber kostet die Europäer ein Vermögen und manchmal sogar ihre Jobs.

Zählt nicht zumindest der Wille?

Es ist Fiktion zu sagen, nur weil wir etwas versuchen, erreichen wir auch etwas. Wir erzielen kaum Ergebnisse für einen hohen Kostenaufwand. Wie ein Mann im mittleren Alter, der einen brandneuen Porsche kauft, um junge Frauen zu beeindrucken. Der hat zwar viel Geld ausgegeben, aber er verliert trotzdem seine Haare und bleibt unattraktiv.

Aber zumindest sind die CO2-Emissionen in Europa zurückgegangen.

Die EU-Klimapolitik war immer als Teil eines globalen Deals gedacht, den es bis heute nicht gibt. Es ist keine Überraschung, dass die Klimapolitik in der EU nicht funktioniert, denn sie war nie darauf ausgelegt, in diesem Umfeld zu funktionieren. Andere Länder unternehmen vereinzelt etwas in Sachen Klimawandel. Aber nur Europa treibt dabei seine Energiepreise in die Höhe. Die Emissionen sind in Europa nicht zurückgegangen, weil die Politik der EU funktioniert. Sie sind zurückgegangen, weil die energieintensiven Industrien abwandern und neue Investitionen jetzt eben außerhalb der EU getätigt werden.

Wir bezahlen die guten Absichten der Klimapolitik mit ökonomischem Abstieg?

Europa macht seiner Industrie und seinen Konsumenten das Leben sehr viel schwerer – und erreicht im Gegenzug nicht sehr viel. Entscheidend sind die globalen Emissionen. Das Problem sind die globale Erwärmung und die globalen Emissionen. Und die wichtigsten Produzenten dieser Emissionen werden keinen Deal unterschreiben, der ihre Energiekosten in die Höhe schraubt.

Würde Europa ohne die Maßnahmen gegen den Klimawandel besser dastehen?

Europa würde besser dastehen, wenn viele der großen Maßnahmen gegen den Klimawandel sofort abgeschafft werden. Deutschland bekommt nur sehr wenig für die enormen Subventionen, die in erneuerbare Energien gesteckt werden. Das kostet sie rund 20 Mrd. Euro pro Jahr – und zahlen muss das der deutsche Konsument über die Energiepreise. In der ganzen EU gibt es den Handel mit CO2-Zertifikaten, der nie funktioniert hat.

 

Wo ist das Problem beim CO2-Handel?

Die EU hat völlig missverstanden, warum der Preis immer wieder kollabiert. Sie haben sich die einzelnen Fälle angesehen, aber das fundamentale Problem ist, dass das Angebot an CO2-Zertifikaten fix ist. Also schlägt sich jede Änderung in der Nachfrage direkt auf den Preis nieder. Wenn auf einem normalen Markt der Preis steigt, dann signalisiert das dem Markt, mehr zu produzieren. Das bringt den Preis wieder runter. Und umgekehrt. Auf dem CO2-Markt ist die Nachfrage abhängig von den sich ändernden Gesetzen, den Preisen fossiler Energie und vor allem von der Entwicklung des Wachstums. Aber wie wir wissen, kann eine Regierung das Wachstum nicht vorhersehen. Wie soll sie also die exakt korrekte Anzahl an CO2-Zertifikaten bereitstellen, um den Preis stabil zu halten?

 

Und wie könnte das weitergehen?

Eine große Gefahr ist jetzt, dass die Behörden einen weiteren Kollaps des CO2-Preises unbedingt verhindern wollen und deswegen das Angebot an Zertifikaten stark verknappen. Wenn das passiert, während sich die Wirtschaft langsam wieder erholt, würde der Preis dramatisch in die Höhe schießen. Bis jetzt ist der Zertifikatehandel nur ein teures Problem für Europa – aber wenn das passiert, könnte der CO2-Handel eine echte Industriekrise in Europa auslösen.

Warum gibt es keine breitere Debatte, wenn die Maßnahmen so ineffizient, ja, sogar gefährlich sind?

Zu viele Menschen haben das Argument verinnerlicht, das besagt: Wenn Sie an den Klimawandel glauben, dann müssen Sie auch die Gegenmaßnahmen unterstützen. Aber wenn diese Maßnahmen nicht funktionieren, dann ist es auch egal, wie sie zur wissenschaftlichen Debatte stehen. Die globale Klimapolitik ist schon in Kopenhagen gestorben, bei der Konferenz 2009. Jetzt sollten wir uns fragen, was wir tun können – ohne dass globale Kooperation notwendig ist. Die Antwort ist relativ einfach. Wir müssen uns an den Klimawandel anpassen, niemand darf erwarten, dass wir ihn komplett stoppen können. Schon heute leben und arbeiten wir auf der Welt unter stark unterschiedlichen Klimabedingungen. Und wir müssen uns ernsthaft mit neuen Technologien beschäftigen, die fossile Energie einmal ersetzen können – statt auf bereits existierende, aber mangelhafte Technologien zu setzen. Bisher haben wir nur riesige Windparks ins Meer gestellt.

ZUR PERSON

Matthew Sinclair hat Ökonomie und Wirtschaftsgeschichte an der London School of Economics studiert. Seit Jänner 2014 ist er Senior Consultant beim Thinktank Europe Economics. Sein Buch über das Scheitern der Klimapolitik heißt „Let them eat Carbon“ (Biteback Publishing). „Die Presse“ hat Sinclair beim diesjährigen Kongress der European Students for Liberty in Berlin getroffen. [ Verlag ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2014)