Krim: Die Massaker von Feodosia

Sowjetische T-34 und Infanterie auf der Krim
Sowjetische T-34 und Infanterie auf der KrimPaul Carell/Der Russlandkrieg fotografiert von Soldaten

Russische Truppen besetzten am Montag in Feodosia im Osten der Krim eine der letzten Garnisonen der Ukrainer. Die Stadt war 1941/42 Schauplatz brutaler Kriegsverbrechen - sowohl der Deutschen als auch der Sowjets.

"In dem früheren deutschen Lazarett, welches in einem moscheeähnlichen Gebäude untergebracht ist, liegen in zwei großen Räumen die Leichen von etwa 50 deutschen Soldaten. Es sind meiner Ansicht nach Schwerverwundete, die bei der Räumung von Feodosia am 29. Dezember 1941 nicht mitgenommen werden konnten. Die Leichen sind alle, zum Teil grauenhaft, verstümmelt. Bei einigen ist der Kopf zu einer unförmigen Masse zerschlagen. Einigen sind die Ohren abgeschnitten, anderen die Nase, einigen, denen der Mund aufsteht, ist die Zunge herausgerissen. Einigen sind die Hände abgehackt, die Augen ausgestochen oder der Leib durch Messerstiche oder Messerschnitte verletzt. Einigen ist das Geschlechtsteil abgeschnitten. Bei vielen zeigen sich mehrere der bezeichneten Verstümmelungen." (Eidliche Aussage des deutschen Leutnants Hans-Friedrich Döring vor einem deutschen Kriegsgerichtsrat, 31. Jänner 1942).

In der Krim-Krise kam es zuletzt also so, wie es kommen musste: Die schwache, schlecht gerüstete, moralisch angeschlagene und loyalitätsmäßig hin- und hergerissene ukrainische Garnison auf der Halbinsel hat sich vor der russischen Übermacht Stück für Stück ergeben und ist großteils nach Hause gegangen oder übergelaufen. Angeblich wollten zuletzt weniger als 2000 von zuvor 8000 bis 12.000 Soldaten und Matrosen auf der Krim (jüngste, wohl übertriebene Darstellungen der Russen nannten 18.000 Mann) ins ukrainische Kernland abziehen.

Ukrainische Marinesoldaten räumen die Basis Feodosia
Ukrainische Marinesoldaten räumen die Basis FeodosiaREUTERS

Am Montag war als einer der letzten Stützpunkte die kleine Marinebasis von Feodosia im Osten der Krim aufgegeben worden. Dort waren keine richtigen Kriegsschiffe, nur eine Handvoll kleiner, meist unbewaffneter Boote, denn die Basis diente vor allem zur Ausbildung von Seeleuten und Marineinfanteristen.

Hübsche Stadt unter Bäumen

Feodosia (auch: Feodossija) ist eine Stadt mit, samt Umland, rund 85.000 Einwohnern. Sie liegt an den östlichsten Ausläufern des Krim-Gebirges, wo dieses wieder in die Steppe fließt und sich die trapezförmige Krim jäh verengt, bis auf etwa 17 Kilometer in Nordsüdachse, und sich aus ihr die schmale Halbinsel Kertsch nach Osten herausstülpt wie ein grobschlächtiger Balkon.

Feodosia ist ein recht hübscher, ruhiger Ort mit etwas schäbigem Touch, dessen Häuser sich zwischen auffallend vielen grünen Bäumen (meist Pappeln und Kiefern) verteilen und dessen Strand aus grobem Kies in den heißen Krimsommern mit Leibern (und leider auch Abfall) dicht gepackt ist; es erinnert einen hier (ohne den Abfall) durchaus ans Ufer des Bodensees.

Die Stadt, die so wie die Krim generell ethnisch russisch dominiert ist, war indes im Zweiten Weltkrieg Schauplatz von gleich drei dicht aufeinanderfolgenden Massakern, die von deutschen Invasionstruppen und der Roten Armee begangen wurden. Sie zählen zu den schlimmsten Schandtaten des Kriegs und werfen einen etwas unheimlichen Schatten auf den netten Badeort, an dessen Südrand sich mächtige, präzis behauene, graubraune Mauern einer alten genuesischen Festung erheben.

Blick über Feodosia
Blick über FeodosiaVictor Korniyenko

Feodosia, im Mittelalter und der frühen Neuzeit "Kaffa" oder "Caffa" genannt, war nämlich lange Zeit von Siedlern und Händlern des fernen italienischen Stadtstaats dominiert. Lange vorher, im sechsten Jahrhundert vor Christus, hatten sich hier Griechen aus Milet angesiedelt und den Ort "Theodosia" getauft.

Straße in Feodosia
Straße in FeodosiaOlaffpomona/wikipedia

Später wurde die Stadt, so wie die Krim, nacheinander von Römern, Ostgoten, Hunnen, Byzantinern und Russen beherrscht. Ab etwa 1238 zogen die Mongolen plündern und brandschatzend ein, in ihrem Gefolge das Turkvolk der Tataren, das um 1441 ein eigenes Krim-Khanat gründete, welches aber recht bald unter osmanische Oberhoheit fiel.

Das Sprungbrett für die Pest

Genua hatte 1266 den Mongolen irgendwie die Erlaubnis für eine Siedlung abgerungen (zuvor waren auf der Krim schon Venezianer gewesen), und so entstanden Kaffa und mehrere andere Außenposten an der Küste. Zwischen Genuesern und Mongolen gab es dennoch wiederholt Unfrieden: Als die Mongolen 1346/47 die Stadt, die mittlerweile von Mauern umgeben war, wieder einmal belagerten, sollen sie Opfer der Pest über die Mauern geschleudert haben - die Seuche war erst wenige Jahre zuvor aus Zentralasien herangeschlichen.

Von Kaffa aus verbreitete sie sich schnell über die Handelsrouten der Genueser nach Byzanz, Ägypten und Italien, überrollte von letzterem Land aus den Großteil Europas bis Norwegen und Irland und löschte vermutlich etwa 20 bis 25 Millionen Menschen, ein Drittel bis die Hälfte der Bevölkerung Europas, aus.

Genuesische Burgmauern von Kaffa
Genuesische Burgmauern von KaffaWolfgang Greber

Kaffa erholte sich und blieb bis 1453 ein wichtiger Handelsort - es ging etwa um Holz, Felle, Gewürze, Hausratsgegenstände, Glas, Pferde, vor allem aber um slawische Sklaven aus den südrussischen Ebenen. Im genannten Jahr aber eroberten die Osmanen Konstantinopel, die Handelsrouten ins Mittelmeer waren (für christliche Kaufleute) fortan gekappt, Genua verlor das Interesse an seinen Krimbesitzungen.

Dann kam der Weltkrieg

Während der sehr bald folgenden osmanischen Oberhoheit über das Krim-Khanat hieß Kaffa "Kefe" und blieb zumindest der größte Sklavenmarkt des Schwarzmeerraums.

1774 mussten die Türken die Oberhoheit Russlands auf der Krim anerkennen, die dann 1783 von Russland annektiert wurde. Der zuständige Gouverneur Fürst Grigori Potjomkin (Potemkin, 1739-91) gab Kefe in Anlehnung an die Griechen den Namen Feodosia, der Ort wuchs langsam und wurde auch Rückzugsraum für manche Künstler. Einige bekannte Maler wurden hier auch geboren, etwa Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski (1817-1900) und Konstantin Fjodorowitsch Bogajewski (1872-1943).

Feodosia, Zeichnung von 1856
Feodosia, Zeichnung von 1856Carlo Bossoli (1815-84)

 

Postkarte von 1914
Postkarte von 1914Unbekannter Urheber/wikipedia

Dann kam Adolf Hitler - und mit ihm der Zweite Weltkrieg. Im Juni 1941 begann der Angriff auf die Sowjetunion. Im Süden der Front kämpfte sich ab Oktober 1941 die 11. deutsche Armee durch den Flaschenhals von Perekop auf die Krim vor, gefolgt von der 3. rumänischen Armee (General Petre Dumitrescu).

Befehlshaber der 11. Armee war General Erich von Manstein. Zuvor war es Generaloberst Eugen Ritter von Schobert gewesen, ein Bayer (*1883), der freilich am 12. September 1941 gefallen war, als sein Flugzeug, ein Fieseler Storch, bei einer Notlandung im Raum Mykolajiw (Südwestukraine) in ein Minenfeld der Sowjets geriet.

Das letzte Foto von General Schobert und seinem Piloten Wilhelm Suwelack vor dem Flug in den Tod, 12.9.1941
Das letzte Foto von General Schobert und seinem Piloten Wilhelm Suwelack vor dem Flug in den Tod, 12.9.1941allworldwars.com

Deutsche und Rumänen setzten der flüchtenden 51. sowjetischen Armee nach und besetzten rasch fast die ganze Krim, erlitten aber heftige Verluste und blieben bei übelstem Wetter bis Dezember rund um Sewastopol liegen. Die 11. Armee war vergleichsweise schwach, sie bestand nur aus sieben Infanteriedivisionen, die mittlerweile zusammengeschmolzen waren; die Armee zählte nun wohl weniger als 50.000 Mann, weniger als die Hälfte des Sollbestandes.

Der Massaker erster Akt

Feodosia wurde Anfang November 1941 von zwei Regimentern der 170. Infanteriedivision genommen, die auch die Ostspitze der Krim bis Kertsch besetzte. Und nun begann der erste Akt der Massaker-Serie.

Fahrt durch die Krim-Steppe
Fahrt durch die Krim-Steppeallworldwars.com

 

Sturmgeschütz III nahe Sewastopol
Sturmgeschütz III nahe Sewastopolallworldwars.com

In den eroberten Ländern des Ostens waren nämlich sogenannte Einsatzgruppen der deutschen Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes im Einsatz, das waren ideologisch geschulte, wahrhaftige Nazi-Spezialtruppen, die unter der Zuständigkeit des Reichsführers-SS Heinrich Himmler in erster Linie mit unerwünschten Bevölkerungsgruppen "aufräumen" sollten - namentlich mit Juden und "Zigeunern", aber auch Kommunisten, Partisanen, „Asozialen" und Regimegegnern.

Beschickt wurden die Einsatzgruppen - in der UdSSR waren vier davon aktiv, je mehrere Hundert Mann stark - großteils von Gestapo, Kriminalpolizei, Sicherheitsdienst, Ordnungspolizei und Waffen-SS.

In der Südukraine und der Krim operierte November 1941 die Einsatzgruppe D, das waren gut 600 Mann unter SS-Standartenführer Otto Ohlendorf (1907-51). Er war ein gebürtiger Niedersachse und studierter Jurist, der schon 1925 in NSDAP und SS eintrat und als so frühes Mitglied als sogenannter "Alter Kämpfer" firmierte.

Otto Ohlendorf 1943 als SS-BrigadeführerBundesarchiv

Ohlendorf war bis Mitte 1942 Chef der D-Gruppe, später Vize-Staatsekretär im Reichs-Wirtschaftsministerium. Die Einsatzgruppe listete in ihrer eigenen Buchhaltung auf, fast 92.000 Menschen beseitigt zu haben.

Der Mörder aus dem Pinzgau

Einer von Ohlendorfs Männern auf der Krim war ein Österreicher: Alois Persterer (1909-45) aus Saalfelden im Land Salzburg, ein Autoschlosser im Bundesheer der Zwischenkriegszeit, der 1930 zur NSDAP gegangen war. Zeitweise war er wegen NS-Betätigung in Haft.

Seine große Stunde brach nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 an, da übernahm er hauptberuflich den Salzburger Sicherheitsdienst und wurde 1941 als SS-Obersturmbannführer zum Leiter des sogenannten Sonderkommandos 10b erkoren, einer Untergruppe der Einsatzgruppe D. Und so kam der Mann aus den schönen Bergen des Pinzgaus im November 1941 nach Feodosia.

Zunächst musste sich die jüdische Bevölkerung der Stadt, die damals etwa 30.000 Einwohner hatte, registrieren lassen. Dann wurde sie Anfang Dezember in ein vorbereitetes Ghetto gebracht. Wenige Tage später begann das Gemetzel - erste Exekutionen hatte es seit Mitte November gegeben - in vollem Umfang: Innerhalb weniger Tage wurden, so der Tenor der historischen Forschungen, der sich auf die Unterlagen der Einsatzgruppe D stützt, 2000 bis 2500 der etwa 3200 Juden in Feodosia umgebracht, ferner hunderte Krimtschaken (eine turkstämmige jüdische Minderheit), Zigeuner sowie erklärte bzw. mutmaßliche Kommunisten. Bei den Hinrichtungen halfen auch vereinzelt Teile rückwärtiger Wehrmachtseinheiten sowie Einheiten der Feldgendarmerie.

Insgesamt will die Einsatzgruppe D auf der Krim allein zwischen Mitte November und Mitte Dezember 1941 nach eigenen Angaben etwa 17.600 Juden, 2500 Krimtschaken, 820 "Zigeuner" und 210 Kommunisten beseitigt haben.

Einsatzgruppe im Einsatz, vermutlich bei Winniza (Südukraine); Wehrmachtssoldaten schauen zuDÖW/Bundesarchiv

Unterdessen beschloss das sowjetische Oberkommando in Moskau, im Zuge der fast frontweiten Winteroffensive (ihr wichtigster Schwerpunkt war vor Moskau), die am 6. Dezember richtig ins Rollen kam, auch für die Krim einen Angriff. Dort galt es, die von der 11. Armee sowie einem rumänischen Gebirgskorps eingeschlossene Festung Sewastopol zu entlasten - dort saßen etwa 115.000 Mann fest und konnten kaum versorgt werden.

Russischer Gegenschlag im Eis

Die Planung kam für die zuständige sowjetische "Transkaukasusfront" (Generalleutnant Dimitri Kozlow) gegenüber der Krim im Osten sehr kurzfristig: Sie sollte die Halbinsel Kertsch zurückerobern und bestenfalls auch Sewastopol entsetzen - dazu musste Kozlow in Verein mit der Schwarzmeerflotte unter Vizeadmiral Filipp Oktyabrsky eine in der russischen Geschichte zuvor ungekannt große amphibische Operation auf die Beine stellen, und das mitten im Winter, der in der Schwarzmeerregion ungeachtet der subtropischen Sommer extrem ungemütlich werden kann.

Sowjetische Winteroffensive, Südfront
Sowjetische Winteroffensive, Südfrontwikipedia

Am Morgen des 26. Dezember 1941 kamen Stoßtruppen der 51. Armee - im Kern eine Brigade Marineinfanterie sowie Teile einer Schützendivision - mit Landungsschiffen, Booten und Kähnen über die Straße von Kertsch und landeten am äußersten Zipfel der schmalen Halbinsel. Viele Buchten dort waren bei Temperaturen von weit unter Null Grad vereist, sodass die Soldaten oft bis zur Schulter ins Wasser springen und waten mussten.

Der Osten der Krim wurde vom XXXXII. Armeekorps der 11. Armee gehalten (das XXXXII statt XLII für "42" ist kein Fehler, so war die Schreibweise der Wehrmacht). Das Korps bestand zu dem Zeitpunkt im wesentlich nur aus der 46. Infanteriedivision (eine vorwiegend sudetendeutsche Einheit mit Heimatstandort Karlsbad, heute Tschechien) sowie aus Teilen anderer Verbände und rumänischen Artillerieeinheiten. Am Tage der sowjetischen amphibischen Landung wurden zwei rumänische Brigaden (Gebirgsjäger und Kavallerie) gen Kertsch losgeschickt, damit stieg die Stärke der Verteidiger dort auf theoretisch 20.000 bis 25.000.

Sowjetische T-34 und Infanterie greifen bei Kertsch anauf der krim
Sowjetische T-34 und Infanterie greifen bei Kertsch anPaul Carell/Der Russlandkrieg fotografiert von Soldaten

 

Sowjetische Truppen, Halbinsel Kertsch (wohl gestellte Szene)
Sowjetische Truppen, Halbinsel Kertsch (wohl gestellte Szene)allworldwars.com

Tatsächlich stemmte sich die 46. ID den ersten Landungen entgegen und konnte einige Landeköpfe eindrücken. Dann aber, gegen 4 Uhr früh am 29. Dezember, landeten Truppen der 44. sowjetischen Armee bei Feodosia.

Die Anlanderate war über viele Stunden hinweg beschämend gering: Laut späteren sowjetischen Quellen etwa zwölf Mann pro Minute, es dauerte mehr als sieben Stunden, um etwa 5500 Marineinfanteristen und Heeresschützen der ersten Welle an Land zu bringen, das ist weniger als ein Viertel dessen, was bei amphibischen Operationen solch operativer Größenordnung ansonsten "empfohlen" wird. Wegen der Schwäche der deutsch-rumänischen Garnison aber wurde Feodosia rasch erobert.

Der Rückzugsbefehl des Generals

Nun geriet die 46. ID in Gefahr, aus Feodosia heraus abgeschnitten zu werden. Die rumänischen Eingreifreserven rannten sich an dem neuen Landekopf, wo mehrere Sowjetdivisionen ankamen, blutig. Insgesamt brachten die 44. und 51. Armee etwa 60.000 Mann (nach anderen Quellen 42.000) ins Feld, dazu viele T-34-Panzer, an denen damals noch viele deutsche und vor allem rumänische Panzerabwehrwaffen scheiterten.

General von SponeckBundesarchiv

Der Kommandeur des XXXXII. Armeekorps, Generalleutnant Hans Graf von Sponeck, ein Spross aus badischem Adel, zog nun entgegen der Befehle der 11. Armee sowie des Oberkommandos der Wehrmacht die 46. ID von Kertsch zurück: Die meisten der nur noch etwa 10.000 bis 12.000 Mann der nur beschränkt motorisierten Division (deutsche Infanteriedivisionen hatten, jedenfalls in den ersten Kriegsjahren, eine planmäßige Sollstärke von 17.000 bis 18.000 Mann) mussten zwei Tage und Nächte bei Temperaturen von mehr als -30 Grad und Schneesturm nach Westen marschieren und das Gros des schweren Geräts, vor allem Geschütze, zurücklassen.

Die Lazarett-Massaker

Die Division bezog zusammen mit rumänischen und deutschen Verstärkungen (etwa der 170. ID) eine neue Verteidigungslinie nördlich und westlich Feodosias, an der sich der russische Vorstoß schon in den ersten Jännertagen dauerhaft festlief.

Rumänen in MG-Stellung
Rumänen in MG-Stellungallworldwars.com

Doch die Konsequenzen waren fatal.

In Feodosia nämlich begann der zweite Akt des Massakers, diesmal begangen von sowjetischen Truppen. In mehreren Lazaretten der Stadt - sie waren unter anderem in einem Palais, im Krankenhaus und in einem Gebäude, das hernach als "moscheeähnlich" beschrieben wurde - lagen etwa 160 (die Zahl wird durch die Bank am häufigsten genannt) Schwerverwundete und Kranke, die nicht transportfähig waren und zurückgelassen wurden. An ihrer Seite blieben eine Handvoll deutscher und russischer Ärzte und Pfleger zurück. Zudem wurden mehrere Dutzend Deutsche gefangen und eingesperrt.

Erschlagen, verstümmelt, lebendig eingefroren

Nach Aussagen russischer Pfleger, Ärzte sowie überlebender Deutscher trug sich bis etwa zum 17. Jänner folgendes zu: Betrunkene russische Marinesoldaten drangen in die Lazarette ein, erschossen viele der Pfleger und Ärzte (auch der russischen) und begannen danach, die Verwundeten auf grausamste Art zu massakrieren, wie es etwa am Beginn dieser Geschichte beschrieben wurde. Aus dem Hauptlazarett gleich am Ufer wurden Verwundete durchs Fenster ins Freie geworfen und Felsen hinab gestürzt, oder ins Freie getragen, verstümmelt und solange mit Wasser überschüttet, bis sie von Eis wie durch eine Glashülle umgeben wurden, heißt es.

Im folgenden sollen nur zwei Bilder der grausamen Vorfälle gezeigt werden, eines davon (das erste) ist das bekannteste Motiv. Am Ende des Textes befindet sich ein Link zu einem Kurzfilm mit damaligem Material zum Lazarett-Massaker. Es sei ausdrücklich betont, dass das filmische Material überaus hart und erschütternd ist. 

Erschlagene Deutsche vor dem Hauptlazarett an der Küste
Erschlagene Deutsche vor dem Hauptlazarett an der KüstePaul Carell/Der Russlandkrieg fotografiert von Soldaten

Ein Stabsarzt namens Rudolf Burkhardt berichtet von einem Sandhügel am Strand vor dem Lazarett:

"Nach der Entfernung einer etwa handbreiten Sandschicht stellte ich fest, daß darunter aufeinandergehäufte Leichen lagen. (etwa 55, Anm.). Ich konnte einwandfrei feststellen, daß es sich bei den Leichen um Schwerverwundete meines Lazaretts handelte. Die Leichen trugen zum großen Teil noch Gipsverbände und Schienen. (...) Bei vielen Leichen waren Erfrierungen ersten, zweiten und dritten Grades an den unbedeckten Gliedmaßen festzustellen, also müssen die Schwerverwundeten bei Lebzeiten am Strand gelegen haben und der Kälte ausgesetzt gewesen sein."

Und: "Die Gipsverbände waren zum Teil zerbrochen. Aus den Bruchspalten war Blut und Eiter herausgetreten. Etwa 50 m von dem Hügel entfernt lag die Leiche eines Verwundeten, die von Sand überspült war. 10 Meter weiter lag eine weitere deutsche Leiche, die durch fortgesetztes Überspülen mit Meerwasser in eine Glasschicht gehüllt war. Auf einem russischen Friedhof wurden noch über 100 Leichen deutscher Soldaten gefunden, die in ein Haus zusammengetragen und von mir besichtigt wurden. Dabei waren ca. 60 bereits ärztlich behandelte Verwundete, was man an den Verbänden und Schienen erkannte. Diese ca. 100 Leichen wiesen deutlich Merkmale auf, die den Schluß rechtfertigten, daß sie mit stumpfen Gegenständen erschlagen worden sind."

Körper am Ufer (Filmausschnitt)
Körper am Ufer (Filmausschnitt)Wehrmachtsfilmstelle

Weitere Verwundete wurden, Berichten zufolge, tagelang auf der Straße liegen lassen, bevor man ihnen ins Gesicht schoss. Einige waren aus Rotkreuzwagen geschmissen worden. Von den unverletzten deutschen Gefangenen wurden die meisten erschossen, meist von sowjetischen Politkommissaren, ganz wenige überlebten mit Glück.

Genickschuss überlebt

Etwa ein Gefreiter namens Anton Niedermair: Er sollte so wie andere in einem Kellerraum erschossen werden, überlebte aber den Schuss in den Nacken, die Kugel verfehlte die Wirbelsäule und trat im Gesicht wieder aus. 23 seiner Kameraden sollen getötet worden sein, gab er an, mit sieben weiteren habe er sich einige Tage verstecken können, bis deutsche Truppen Feodosia am 18. Jänner zurückeroberten.

(Anmerkung: Die erwähnten Zeugenaussagen stützen sich auf das Buch "Die Wehrmachts-Untersuchungsstelle" des US-Völkerrechtlers und Historikers Alfred-Maurice de Zayas (*1947), seit 2012 UN-Sonderberichterstatter für die Förderung einer demokratischen und gerechten internationalen Ordnung. De Zayas ging in dem 1979 erschienenen Werk Kriegsverbrechen der Alliierten nach, großteils basierend auf Berichten und Ermittlungen deutscher Behörden und Militärs. Das trug ihm später auch Kritik ein, man warf ihm fragwürdige Methodik vor, und dass er sich unkritisch auf NS-Quellen gestützt habe. Spätere Bücher und Debattenbeiträge trugen ihm von mancher Seite den Ruf eines "Rechtsaußen"-Historikers ein, der "Revisionismus" fördere.)

Die Rede Stalins in der U-Bahn-Station

Dass sowjetische Soldaten Gefangene misshandelten und umbrachten (so wie auch vice versa) kam zwar seit Beginn des Russlandfeldzugs vor. Der Fall Feodosia war aber eine bis dahin neue Kategorie. Als Begründung gab der russische Arzt Jury Dimitrijew, der in Feodosia geblieben war, folgendes an: Er habe während der vorübergehenden Rückeroberung Feodosias Offiziere und Politkommissare auf die Übergriffe angesprochen. Diese hätten sich auf einen Befehl des Frontkommandos vom 1. Jänner 1942, keine Gefangenen zu machen, berufen, sowie auf Diktator Josef Stalin selbst: Der hatte nämlich am 6. November 1941 in seiner "Durchhalterede" in der Majakowski-U-Bahn-Station vor den Moskauer Sowjets sowie Deputierten der Partei und anderer Organisationen laut offiziellem Redeprotokoll gesagt:

"Wenn die Deutschen einen Vernichtungskrieg wollen, so werden sie ihn bekommen. Von nun an wird es unsere Aufgabe, die Aufgabe der Völker der Sowjetunion, die Aufgabe der Kämpfer, der Kommandeure und der politischen Funktionäre unserer Armee und unserer Flotte sein, alle Deutschen, die in das Gebiet unserer Heimat als Okkupanten eingedrungen sind, bis auf den letzten Mann zu vernichten. Keine Gnade den deutschen Okkupanten! Tod den deutschen Okkupanten! (...) Es gilt, alle deutschen Okkupanten (...) bis auf den letzten Mann auszutilgen."

Stalin in der U-Bahn-Station Majakowski, 6.11.1941
Stalin in der U-Bahn-Station Majakowski, 6.11.1941Paul Carell/Der Russlandkrieg fotografiert von Soldaten

Tags darauf, am 7. November, schlug Stalin bei einer Parade auf dem Roten Platz die gleichen Töne an: Man müsse die deutschen Eindringlinge vernichten und völlig zerschmettern, ihnen bleibe nur der Tod. Also, so der Arzt Dimitrijew, hätten die Kommissare es für völlig in Ordnung, ja befohlen befunden, selbst die wehrlosen feindlichen Verwundeten zu töten.

Rache folgt auf Rache

Es folgte, wie zu erwarten, des Massakers dritter Akt: Nach der erneuten Eroberung Feodosias am 18. Jänner 1942 rächten sich die geschockten deutschen Truppen, diesfalls der Wehrmacht, indem sie viele Gefangene erschossen und die restlichen lokalen Juden und andere "Verdächtige" auch noch töteten.

Deutsche Truppen vor der Wiedereinnahme Feodosias
Deutsche Truppen vor der Wiedereinnahme Feodosiasallworldwars.com

Die Front blieb darauf stabil, erst im Mai rollte Manstein in einer Blitzaktion die zwei russischen Armeen auf und nahm die Halbinsel Kertsch zurück; Anfang Juli fiel die Festung Sewastopol.

Deutsche MG-Schützen in Feodosiaallworldwars.com

Fatal waren die Konsequenzen aus Feodosia indes auch für General von Sponeck, Chef des XXXXII. Armeekorps. Der Karriereoffizier (*1888) wurde am 31. Dezember vom Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd, Generalfeldmarschall Walter von Reichenau (*1884 in Karlsruhe), abgesetzt.

Demütigung und Todesstrafe

Reichenau, einer der "schärfsten" und Hitler-treusten Feldmarschälle, bestrafte auch die 46. ID von Generalleutnant Kurt Himer (*1888 in Cottbus) als ganzes: Wegen "schlappen Zufassens" bei der Landung der Russen und dem "übereilten Rückzug" sprach er ihr "die soldatische Ehre ab" und ließ bis auf weiteres alle Beförderungen und Auszeichnungen in ihr sperren.

Himer (s. Foto unten links) hatte übrigens während der weitgehend kampflosen Besetzung Dänemarks im April 1940 vor Ort in Kopenhagen die Besetzung der Stadt und den Angriff auf die Zitadelle koordiniert sowie mit König Christian X. verhandelt.

General Himer (li.) in Kopenhagen, rechts: Cécil von Renthe-Fink, Gesandter bzw. Reichsbevollmächtigter in Dänemark
General Himer (li.) in Kopenhagen, rechts: Cécil von Renthe-Fink, Gesandter bzw. Reichsbevollmächtigter in Dänemarkmymilitaria.it

Ende Jänner kam Sponeck in Berlin vor ein Kriegsgericht unter Vorsitz Hermann Görings und wurde wegen Ungehorsams im Feld zum Tod verurteilt; er war der erste wirklich hohe Offizier, der Hitlers Haltebefehl angesichts der sowjetischen Winteroffensive eklatant missachtet hatte, da half auch seine gute Begründung, eine Division gerettet zu haben, nichts.

Hitler wandelte das Urteil in sechs Jahre Haft in der Festung Germersheim (Rheinland-Pfalz) ab. Nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 zog sich dennoch die Schlinge um Sponeck zu: Er hatte zwar keinen Kontakt zum Widerstand, wurde aber dennoch auf Befehl von SS-Chef Himmler am 23. Juli kurz nach 7 Uhr früh von einem Exekutionskommando erschossen. "Ich sterbe in der Hoffnung auf ein besseres Deutschland", soll er zuletzt gesagt haben.

Sponeck war einst als Chef der 22. (Luftlande)Division im Mai 1940 während des Westfeldzugs an der Einnahme der stark verteidigten Flugfelder von Den Haag gescheitert und wäre fast von den Holländern gefangen worden. Es wäre unterdessen unrichtig, ihn zu einem "Helden" gegen die Naziführung zu küren: Tatsächlich ließ er keine Einwände gegen die Vernichtungs- und Unterjochungspolitik der NS-Ideologen erkennen. Kurz vor Beginn des Angriffs auf die UdSSR am 22. Juni 1941 gab er seiner Division (es war wieder die 22. LL-Div.) den Befehl, jüdische Kriegsgefangene auszusortieren. Später ordnete er Kooperation mit SS und Sicherheitsdienst bei der Identifizierung jüdischer Zivilisten an.

Die Rückkehr der Sowjet-Normalität

Im April und Mai 1944 eroberten weit überlegene Sowjettruppen die Krim endgültig zurück, Städte wie Feodosia wurden zu beliebten Sommerdestinationen für Sowjettouristen und später deren Nachfolger in Russland und anderen Staaten der GUS. Da ist Feodosia dann nicht mehr ganz so ruhig und die kiesigen Strände knirschen unter Sandalen, Flipflops und bloßen Füßen. In der Umgebung wird auch ein brauchbarer, wenngleich für österreichische Gaumen etwas zu süßer (manche sagen auch: "zu dreckiger") Wein gekeltert.

Am Strand von Feodosia
Am Strand von Feodosia/wikipedia

Das Nachspiel: Otto Ohlendorf, Chef der Einsatzgruppe D, war bei den Nürnberger Prozessen ein Hauptzeuge der Anklage und sagte laut Beobachtern wahrheitsgemäß, ungerührt und buchhalterisch-kalt-korrekt aus. Im "Einsatzgruppen-Prozess" wurde er 1948 zum Tod verurteilt und Juni 1951 in Landsberg am Lech (Bayern) durch den Strang hingerichtet.

Ein verhängnisvoller Waldlauf bei -40 Grad

Obersturmbannführer Alois Persterer, Leiter des Sonderkommandos 10b, war ab Sommer 1942 wieder Sicherheitschef in Salzburg und zeitweise im heutigen Slowenien. Er wurde am 30. Mai 1945 nahe Saalfelden von US-Soldaten erschossen, als er sich der Festnahme widersetzte. Sein Grab befindet sich noch heute auf einem Friedhof einer kleinen Gemeinde des Pinzgaus. Ein Foto von ihm konnte "Die Presse" nicht finden, auch nicht in den Archiven der Stadt bzw. des Landes Salzburg.

GFM Walter v. Reichenau(c) Bundesarchiv

Generalfeldmarschall von Reichenau erlitt am 15. Jänner 1942 im Kampfgebiet im Raum Poltawa (Ostukraine) bei einem Waldlauf bei -40 Grad einen Schlaganfall. Er starb zwei Tage später auf dem Lufttransport Richtung Deutschland; die Maschine legte überdies aus bis heute nicht ganz geklärten Gründen nahe Lemberg eine Notlandung in einem Acker hin.

Der neue Chef der Heeresgruppe Süd, Generalfeldmarschall Fedor von Bock, rehabilitierte die 46. Infanteriedivision und sprach ihr seine Anerkennung für die Abwehrkämpfe in der Landenge nahe Feodosia aus.

Der kommandierende General der 46. ID, Kurt Himer, wurde Ende März 1942 durch Kanonenbeschuss von russischen Kriegsschiffen schwer verletzt und starb am 4. April im Lazarett der Krim-Hauptstadt Simferopol.

Der Sohn des Generals

Und da war bzw. ist noch Hans-Christof Graf von Sponeck: Geboren 1939 in Bremen, ist er einer von drei  Söhnen des hingerichteten Generals Hans von Sponeck. Er studierte Jus und Geschichte und arbeitete von 1968 bis 2000 als UN-Diplomat, vor allem im Rahmen des UN-Entwicklungshilfeprogramms UNDP.

1998 wurde er in Bagdad Koordinator des humitären Hilfsprogramms und hatte dabei auch das "Oil for food"-Programm unter seiner Ägide - jenes, wie sich zeigte, hochgradig korruptionsanfällige System, wonach der Irak unter Saddam Hussein humanitäre Hilfsgüter gegen Öllieferungen bekam. Anfang 2000 nahm Sponeck enttäuscht und verbittert seinen Hut, er nannte das anhaltende UN-Embargo gegen den Irak "Völkermord" und warf dem UN-Sicherheitsrat vor, am Sterben hunderttausender Kinder mitschuld zu sein.

Hans-Christof Graf von Sponeck
Hans-Christof Graf von SponeckVolker Münch

Seit 2006 lehrt er an der Universität Marburg (Hessen) und ist Autor mehrerer Bücher. Eines davon - "Irak - Chronik eines gewollten Krieges" (2003) - verfasste er gemeinsam mit dem deutschen Journalisten Andreas Zumach (*1954 in Köln), dem Korrespondenten der "Presse" im schweizerischen Genf.

Rebell und Verweigerer

Sponecks älterer Halbbruder Hans-Curt (1911-99) war im Zweiten Weltkrieg Jagdpilot, ein zweiter Halbbruder, Hans Wilhelm Otto (*1913), fiel im Juli 1942 im Zuge der deutschen Sommeroffensive am Don.

Hans-Christof indes war anders - wohl auch ob der sogenannten Gnade der späten Geburt: 1957 war er einer der ersten Kriegsdienstverweigerer der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland.

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>>>>>> Kurzfilm zum Lazarett-Masasaker (Achtung: Sehr drastische Bilder).