Kinderwunsch: Warten, bis es zu spät ist

(c) Clemens Fabry

Österreicherinnen bekommen weniger Kinder und schieben den Kinderwunsch gern auf. Eine von Familienministerin Karmasin präsentierte Studie zeigt ein nüchternes Bild der heimischen Kinderplanung.

Wien. Österreich ist kein ideales Land für Familien, und Frauen sehen ihre Chancen mit Kindern verschlechtert. Das sind zwei Ergebnisse des „Generations & Gender Programme", das von Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) präsentiert wurde. 2000 Männer und 3000 Frauen wurden dafür in den Jahren 2009 und 2013 vom Österreichischen Institut für Familienforschung und dem Vienna Institute of Demography befragt. Die Studie wurde in 19 Vergleichsländern abgehalten. Wie ist es tatsächlich um die Familienentwicklung in Österreich bestellt? Sechs Thesen zu einem kinderunfreundlichen Land.

1. Wir bekommen weniger Kinder - und diese immer später

Es ist eine seit Jahren bekannte Entwicklung: Frauen bekommen immer später weniger Kinder. Das dürfte sich auch in den nächsten Jahren nicht ändern, mit einem Unterschied: Die Entwicklung scheint sich abzuflachen. „Manche Demografen glauben sogar, der Wert wird nicht weiter sinken", sagt Wolfgang Lutz vom Vienna Institute of Demography. Derzeit bekommt eine Frau im Durchschnitt 1,6 Kinder. (Die Statistik Austria kommt durch eine andere Berechnungsmethode auf 1,4.) Was auch damit zu tun hat, dass Frauen immer später Kinder bekommen. So lag 2012 das durchschnittliche Alter der Frauen bei der Geburt des ersten Kinds bei 28,7 Jahren.
Der Trend zur Ein-Kind-Familie ist aber nicht sichtbar. 40 Prozent der Befragten (und damit die größte Gruppe) hatten zwei Kinder, etwa ein Viertel hatte nur ein Kind. 18 Prozent der Befragten im Alter von 40 dürften auch in Zukunft kinderlos bleiben.

2. Österreich ist kinderunfreundlich. Mit Kind wird geringere Zufriedenheit erwartet

„Norwegen ist der Superstar, wir spielen in einer anderen Liga", sagt Norbert Neuwirth vom Österreichischen Institut für Familienforschung. So wurde für die Studie Österreich mit anderen Ländern in Hinblick auf die erwartete Verbesserung der Lebensumstände (wie Job, soziale Anerkennung, finanzielle Situation) der Eltern verglichen. Laut Studienautoren liegt Österreich dabei so gut wie immer auf den letzten drei Plätzen. So glauben nur 22 Prozent der Österreicherinnen, dass sich ihr Leben mit Kind verbessern wird. Im Gegensatz dazu sind es in Norwegen 90 Prozent und in Italien 88 Prozent. Nur der Blick der Deutschen ist noch düsterer. Hier erwarten sich nur 17 Prozent der Frauen persönlich mehr Lebenszufriedenheit.

3. Arbeiten und Kinder? Frauen sagen: „Mit einem Kind geht es mir schlechter"

Job und Kinder? Das halten viele Frauen nach wie vor für unvereinbar: Rund 88 Prozent gehen davon aus, dass ihre beruflichen Chancen mit Kind sinken, während nur 13 Prozent der Männer damit rechnen. Zum Vergleich: In Norwegen glaubt nicht einmal ein Prozent der Frauen, dass sie durch ein Kind einen Nachteil haben könnten. In Italien (auf Platz zwei nach Norwegen) sind es immerhin 50 Prozent.

4. Wir wünschen uns zwei Kinder, bekommen diese aber nicht (immer)

Zwei Kinder, diese Zahl wird in Österreich als ideal angesehen. Nur setzen etwa ein Drittel der Frauen mit dementsprechenden Kinderwunsch diesen dann nicht um. Als Grund nennt Studienautorin Maria-Rita Testa „äußere und innere Einflüsse". Etwa die ungleiche Aufteilung der Kinderbetreuung (62 Prozent werden von der Mutter getragen), das Alter sowie Unsicherheit in der Beziehung mit dem Partner. Auch steigt bei Frauen die Lebenszufriedenheit mit einem Kind, bei jedem weiteren nimmt sie aber ab (bei Männern ist sie mit zwei Kindern am höchsten). Ohnehin gibt es die Tendenz, nicht so viele Kinder zu bekommen, wie man sich wünscht. So revidierten rund 40 Prozent der Befragten nach vier Jahren ihren anvisierten Kinderwunsch nach unten.

5. Wir verschieben so lange, bis es zu spät ist. Ab 35 bleibt der Kinderwunsch oft unerfüllt

Es ist nicht so, dass wir keine Kinder wollen, „wir verschieben auf später", sagt Studienherausgeberin Isabella Buber-Ennser. Nur 43 Prozent der Frauen haben im Befragungszeitraum ihren angestrebten Kinderwunsch tatsächlich auch umgesetzt. Sind die Frauen dann schon über 35 Jahre alt, bleibt der Kinderwunsch meist unerfüllt. „Dieses Aufschieben wird völlig unterschätzt", sagt Studienautor Neuwirth. „Denn die Situation wird ja im höheren Alter nicht leichter."

6. Geldtransferleistungen regen weniger an, sich für Kinder zu entscheiden, als Sachleistungen

Am Beispiel Erhöhung der Familienbeihilfe: Demnach scheinen Geld- und Steuerleistungen (wie Kindergeld) zwar einen positiven Einfluss auf die Fertilitätsrate zu haben, nicht aber einen so großen wie Sachleistungen (etwa ein gutes Kindergartenangebot). „Es scheint also nicht ausschließlich das Geld zu zählen", sagt Karmasin. Im internationalen Vergleich sind in Österreich die Geldleistungen weitaus höher als die Serviceleistungen. Als Ergebnis der Studie will Karmasin Österreich nun kinderfreundlicher machen. Abgesehen von der (bereits beschlossenen) Anhebung der Familienbeihilfe und dem Ausbau der Betreuung von unter Dreijährigen seien „bewusstseinsbildende Maßnahmen" (Infokampagnen) und mehr Männerbeteiligung bei der Kinderbetreuung notwendig. Eine geplante Arbeitsgruppe soll nun über einen Bonus (Geld, Anrechungszeiten, Gutscheine etc. ) für engagierte Männer nachdenken.