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Bella Donnas betörend trauriger Vogelgesang

Donna Tartt
Donna Tartt(c) EPA (Bas Czerwinski)

„Der Distelfink“ von Donna Tartt (50) wird von der Jury für die vorzügliche Charakterzeichnung gelobt. Der Roman führt in die sinistre Welt der Kunst und in die Abgründe der Seele eines Heranwachsenden.

Sie könne einfach nicht schnell schreiben, sagte Donna Tartt geraume Zeit nach ihrem Romandebüt 1992, das sie auf einen Schlag berühmt gemacht hatte. Ihre Fangemeinde war längst nervös. Das neue Jahrtausend hatte begonnen – noch immer war nach dem stilbildenden, in zwei Dutzend Sprachen übersetzten Bestseller „The Secret History“ kein zweites Buch von Tartt erschienen. Die 1963 im tiefen Süden der USA, in Greenwood, geborene Tochter eines Lokalpolitikers, die in einem alten Herrenhaus in Grenada, Mississippi, aufwuchs, im Delta des großen alten Stroms, ist offenbar dafür bestimmt, nur ein Mal im Jahrzehnt ein Werk zu schreiben. Das passt zur Atmosphäre ihrer Heimat. Auch in den Bayous gibt es scheinbar wenig Bewegung, aber zuweilen demonstriert der Mississippi dann doch seine ganze Macht.

Tartts Bücher haben es in sich. 2002 veröffentlichte sie „The Little Friend“, 2013 „The Goldfinch“. Für diesen 784 Seiten langen Roman, der sogar noch etwas voluminöser ausfiel als die Werke zuvor, erhielt sie soeben einen Pulitzerpreis. Es wurde aber auch Zeit! Denn sie zählt seit ihrem Erstling zu dem Spannendsten, was die USA auf dem Feld der Fiktionen zu bieten hat. Tartt nimmt ihre Leser gefangen wie in besten Zeiten der Schauergeschichten. Dem unheimlichen Sog ihrer Erzählung kann man schwer entkommen, da ergeht es einem wie im Mahlstrom Edgar Allan Poes – am besten lässt man sich einfach mitreißen, zu Bacchanalien, Kriminalfällen.

Die Jury rechtfertigte ihre Entscheidung für den neuen Roman bei der Verleihung in New York damit, dass er wunderschön über das Erwachsenwerden schreibe, dass seine Charaktere vorzüglich gezeichnet seien. „Der Distelfink“, das ist auch das barocke Gemälde des Rembrandt-Schülers Carel Fabritius. Theo Decker, ein Dreizehnjähriger aus New York, nimmt es an sich, nachdem seine Mutter bei einem Attentat in einem Museum getötet worden ist. Sein Schicksal ist nun mit diesem wertvollen Bild verbunden, das der Zerstörung knapp entkommen ist. Aber ist auch der junge Mann, der den „Distelfink“ 13 Jahre versteckt hält, unbeschädigt geblieben? Auf die traumatische Erfahrung des Verlusts folgt ein Abstieg, der in die geheimnisvolle Welt der Kunst und die gefährliche Nähe des Verbrechens führt. Es beginnt eine Reise voller Freundschaft, Tod, Verrat und Sehnsucht.


Buchkritiken in der „Presse“: 23. März und 5. April 2014.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2014)