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Bohème-Bleibe als Durchschnitts-Hotel

The Chelsea Hotel
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Das New Yorker Bohème-Hotel Chelsea soll renoviert werden. Die Dauergäste fürchten nun das Ende der legendären Künstler-Bleibe.

Es bedarf nicht unbedingt eines Abrisstrupps, um einen Mythos zu zerstören. Manchmal reicht eine gründliche Generalüberholung. Prominente Künstler, Exzentriker, blutige Verbrechen und wilde Partys haben das Hotel Chelsea in New York zur Legende werden lassen. Doch über die Jahrzehnte ist der mächtige Backsteinbau brüchig geworden. Eine neue Direktion will das gammelige Rock'n'Roll-Hotel von Grund auf sanieren - und löste damit wütende Proteste der Bewohner aus.

"Die Barbaren stehen vor den Toren, das ist das Ende einer Ära", seufzt Debbie Martin, die seit zwölf Jahren im Chelsea lebt. Sie ist eine Dauerbewohnerin - so wie zwei Drittel der Gäste. Sie verleihen dem Chelsea seine einzigartige Atmosphäre zwischen Boheme und Irrsinn.

In den 60er und 70er Jahren war das Hotel das Zentrum der New Yorker Untergrundkultur. Der Pop-Künstler Andy Warhol ging ein und aus, der Literat Dylan Thomas starb hier den Alkoholtod. Der Ruf des Hotels als Hort für Freigeister zog Künstler und Intellektuelle an. Der Schriftsteller Arthur Miller residierte hier, ebenso der rebellische Punkrocker Sid Vicious von den Sex Pistols. 1978 wurde seine Freundin Nancy erstochen in seinem Zimmer aufgefunden. Vicious, unter Tatverdacht, beendete sein Leben mit einer Überdosis Drogen. Die Bluttat im Chelsea war eines der größten Dramen der Popkultur. Hoteldirektor Stanley Bard saß es aus - wie so viele andere Skandale seit dem Zweiten Weltkrieg auch.

Damit ist es nun vorbei: Die Eigentümergemeinschaft des Hotels hat den inzwischen 73 Jahre alten Bard entmachtet. Das Unternehmen BD Hotels soll für ein modernes, professionelles Management sorgen - und für ein saubereres Ambiente. Dauergast Debbie Martin wirft den neuen Chefs vor, mit der Renovierung "eine hygienische Version" des Chelsea anzustreben. "Das ist eine Schande, weil sich hier wirkliche Geschichte ereignet hat." Stanley Bard will sich nicht einfach so abschieben lassen: "Seit 50 Jahren bin ich hier, das Hotel ist mein Leben. Ich werde für die Gäste kämpfen, die schließlich zu den spannendsten und kreativsten der Welt zählen." Andy Warhols Muse Viva, die lange hier lebte, bestärkt ihn: "Mit Stanley verliert das Hotel seine Seele."

1000 Dollar im Monat, knapp 500 pro Nacht.


Viele Dauergäste fürchten vor allem, dass sie nach der Renovierung durch höhere Mieten aus dem Chelsea gedrängt werden. Derzeit zahlen die Langzeitbewohner nur etwa tausend Dollar (735 Euro) pro Monat für ein kleines Zimmer - für New Yorker Verhältnisse ist das unschlagbar billig. "Ich sorge mich um die alten Gäste", sagt Debbie Martin. "Es ist kein Geheimnis, dass manche schon jetzt Probleme mit den Mietzahlungen haben." Martin glaubt, dass New York ohne die kreativen, aber finanzschwachen Bewohner des Chelsea ärmer wäre. Viele Künstler haben Manhattan ohnehin schon den Rücken gekehrt und sind in billigere Stadtteile wie etwa Brooklyn ausgewichen. Denn New Yorks Zentrum zählt zu den teuersten Pflastern der Welt.

Zuletzt lebte das Chelsea vor allem von seinem alten Mythos. Durchreisende Touristen mussten zwischen 235 und 485 Dollar pro Nacht zahlen - ein stolzer Preis für ein schmuddeliges Ambiente. Die Miteigentümerin Marlene Krauss versucht, die alten Bewohner zu beruhigen. Eine Modernisierung sei unumgänglich, argumentiert sie. Der "historische Charme" des Hotels solle aber bewahrt werden. Dank seiner kreativen Bewohner ist das alte Chelsea ohnehin unsterblich geworden: Jack Kerouac verewigte es in seiner Literatur ebenso wie Bob Dylan, Leonard Cohen oder Joni Mitchell in ihren Liedern. (Ag.)