Fall Marco: Urlaubsflirt mit unabsehbaren Folgen

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17-jähriger Deutscher sitzt noch immer im Gefängnis von Antalya – Vorwurf der Vergewaltigung aufrecht.

BERLIN. Seit sieben Monaten sitzt Marco Weiss nun schon in Antalya im Gefängnis, gezeichnet vom Trauma der Haft, abgemagert und von Neurodermitis geplagt. Der mutmaßliche Vergewaltiger bemalt Schüsseln in der Keramikwerkstatt, lernt ein wenig Türkisch und liest viel Fantasy-Literatur.

Sehnlichster Wunsch des 17-jährigen Deutschen und seiner Eltern ist es, dass er Weihnachten zu Hause im Kreis der Familie verbringen möge, im niedersächsischen Uelzen. Angehörige und Freunde tun alles dafür, dass sich dieser Traum erfüllt. Einmal pro Woche besuchen die Eltern abwechselnd ihren Sohn.


Britin bekräftigte Aussage

Zehn Minuten bleibt ihnen hinter der Trennwand der Glasscheibe, ihn moralisch aufzurichten. Seine Freunde werden dieser Tage eine Mahnwache vor dem Brandenburger Tor in Berlin abhalten. Und die Anwälte haben wegen der unverhältnismäßig langen Untersuchungshaft eine Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht.

Aber die Hoffnungen auf eine Freilassung oder zumindest eine Abschiebung nach Deutschland haben sich vorerst in Luft aufgelöst. Nicht nur, dass die türkische Justiz den Antrag des Richters nach seiner Ablöse zunächst abgelehnt hat. Jetzt hat auch noch das mutmaßliche Opfer, die 13-jährige Britin Charlotte M., ihre Aussagen in einem Videoprotokoll bekräftigt, was in der Nacht des 11. April im Zimmer 5350 im „Club Voyage Sorgun Select“ in Side vor sich gegangen sein soll – ein Urlaubsflirt mit schwerwiegenden Folgen.

Wie der „Spiegel“ zitiert, besteht das Mädchen – vermutlich auf Drängen ihrer Mutter – auf den Vorwurf der „versuchten Vergewaltigung“. Sie sei durch einen starken Schmerz im Unterleib aufgewacht, erzählte sie demnach den britischen Ermittlern. Heftig und lautstark habe sie sich gegen den Versuch Marcos gewehrt, in sie einzudringen. Ihre Schwester und eine Freundin, die ebenfalls anwesend waren, wollen davon jedoch nichts mitbekommen haben.

Marcos Version steht die von Charlotte gegenüber. Er behauptet steif und fest, sie habe sich als 15-Jährige ausgegeben und ihn zum Petting aufgefordert. Eine Ejaculatio praecox, ein vorzeitiger Samenerguss, habe das Vergnügen jedoch rasch beendet. Eine gynäkologische Untersuchung stützt die Jungfernschaft Charlottes, sie stellte lediglich vier tote Spermien fest. Damit könnte die Justizgroteske zu Ende sein – bliebe nicht der Anklagepunkt des „schweren Kindesmissbrauchs“.

Längst hat sich die Causa im Dickicht zwischen britischem, deutschem und türkischem Recht verfangen. Zeitweise hat sich der Fall sogar zu einem Politikum um das türkische Rechtssystem und einen EU-Beitritt der Türkei ausgewachsen. Inzwischen schweigen die Politiker, die Diplomaten sondieren. Trotz flehentlicher Appelle von Marcos Eltern weigert sich Charlottes Mutter, samt Tochter vor Gericht zu erscheinen, um sich ins Kreuzverhör nehmen zu lassen.

Etliche Fragen sind noch offen, mehrere Zeugen noch nicht einvernommen. In Antalya verstreicht ein Gerichtstermin nach dem anderen – ohne Ergebnis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2007)