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"Amour fou": Kleists geschwätziger Freitod

CANNES, Amour fou
Anämisch: Birte Schöink als Henriette Vogel in Jessica Hausners „Amour fou“.(c) APA/EPA/CANNES FILM FESTIVAL / H (CANNES FILM FESTIVAL / HANDOUT)
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67. Filmfestspiele Cannes. Jessica Hausners österreichischer Beitrag erzählt Heinrich von Kleists Doppelselbstmord als „romantische Komödie“. Die Reaktionen waren gespalten.

„Wollen Sie mit mir sterben?“, fragt der Mann eine Dame beim Gespräch im Salon und kann seine Enttäuschung nicht verhehlen, als sie das Angebot ablehnt. Mit der Pistole würde es doch ganz schnell gehen: Erst werde er sie erschießen, dann sich selbst. Der des Daseins überdrüssige Mann ist Heinrich von Kleist (gespielt von Christian Friedel), und die offensichtliche Absurdität seines Ansinnens – eine Frau mag mit ihm in den Tod gehen, aber sterben muss er dann doch allein – ist wohl der Grund, warum Jessica Hausners „Amour fou“ im Katalog der Filmfestspiele von Cannes als „romantische Komödie“ angekündigt wird, wenn auch unter Anführungszeichen.

Ein Doppelselbstmord-Projekt ist der österreichischen Filmemacherin Hausner („Lourdes“, „Lovely Rita“) schon länger vorgeschwebt, im Freitod von Kleist und Henriette Vogel fand sie schließlich den Aufhänger für ihr Sujet. Präsentiert ist der Stoff wieder im Pokerface-Modus ihrer vorherigen Filme – als romantische Komödie ist es weniger ein Film zum Lachen als zum Auskosten von Ironien. Die verheiratete Mutter Vogel (anämisch: Birte Schöink) ist nicht einmal die Erste, die Kleist mit seinem Suizidansinnen anspricht, und sie akzeptiert es vermutlich, weil bei ihr eine tödliche Krankheit diagnostiziert wird, die sich in einer weiteren Ironie als Fehldiagnose entpuppt.

Die Hunde sind hier das Lebendigste

Arrangiert ist „Amour fou“ als Serie von Tableaus vivants, in denen die Menschen oft wie Wachsfiguren wirken, würden sie nicht fast ununterbrochen reden: In klaren, digitalen Bildern (Kamera: Martin Gschlacht) positioniert Hausner die Charaktere und das (oft sehr hübsche) Dekor als in etwa gleichberechtigte Bildbeiträge, bei refrainartig wiederkehrenden Szenen von Gesangsunterhaltung in den Bürgerzimmern und anderswo akzentuiert sie die Starre mit einem weiteren ironischen Element, indem sie häufig Hunde ins Bild setzt, die entschieden das Lebendigste im Film sind. Die Guckkasten-Anordnungen erinnern dabei fast an einen Stummfilm, nur das die trockenen Wortkaskaden (teils nach originalen Kleist-Briefen modelliert) weiterpurzeln – Vogels letzter Satz ist: „Was ich noch sagen wollte . . .“

Bei der Pressevorführung Freitagnachmittag in Cannes führte die frontale Strategie Hausners zunächst zum Abmarsch eines Teils des Publikums, während sich der angesagte komödiantische Aspekt in vereinzelten Lachern niederschlug – am Ende gab es aber milden Applaus, der auch etwas länger anhielt, als es die reine Höflichkeit gebot.

Hausners Film ist heuer der einzige österreichische Beitrag in Cannes: Hausner ist mit „Amour fou“ bereits zum wiederholten Male im Zweitwettbewerb „Un Certain Regard“, der mit der pointierten Simenon-Verfilmung „La chambre bleue“ von und mit Mathieu Amalric (tatsächlich eine Amour-fou-Geschichte) auch den bisherigen Höhepunkt in Cannes geliefert hat. Dabei hat das heurige Festival, das bereits zur Eröffnung mit „Grace of Monaco“ die herbsten Verrisse seit langer Zeit einstecken musste – was Direktor Thierry Frémaux gewohnt nonchalant ignoriert –, eigentlich einen guten Auftakt hingelegt: Im Wettbewerb hat „Timbuktu“, Abderrahmane Sissakos (etwas zu sanfte) Anklage gegen islamische Fanatiker viele Fürsprecher gefunden; Mike Leighs „Mr. Turner“, eine ambitionierte Filmbiografie über die letzen 25 Jahre im Leben des britischen Malers, ist ein interessanter Kontrapunkt zu Hausners Kleist-Lektüre.

William Turner grunzt guttural

Der renommierte britische Regisseur Leigh erzählt anekdotisch und im Stile eines klassischen Historienstücks, aber auch bei ihm spielt Komik eine große Rolle: Denn bei ihm drückt sich William Turner bevorzugt durch gutturales Grunzen aus. Darsteller Timothy Spall leiht seine knorrige Stimme und seine massive Präsenz dem Porträt des Künstlers zwischen Brummbärigkeit und Anarchie – einmal stürzt er zum Entsetzen der Umstehenden in der Royal Academy of Arts auf ein Gemälde zu, um kurzerhand einen roten Farbtupfer ins Meeresblau zu pinseln. Ein andermal lässt er sich im Schneesturm an einen Mast binden, um die Elemente zu erfahren und entsprechend malen zu können. Kameramann Dick Pope hat in solchen Momenten Gelegenheit, atemberaubende Turner-Lichtstimmungen zu komponieren; bei allen karikaturistischen Zwischentönen kann sich „Mr. Turner“ aber letztlich nicht ganz vom Geniekult lösen. Man wird sehen, ob sich das am Samstag bei der Modezaren-Filmbiografie „Saint Laurent“ ändert, die mit Abel Ferraras vom Festival abgelehnten Film über Dominique Strauss-Kahn konkurriert: Der soll parallel am Markt groß lanciert werden. Die „Presse am Sonntag“ wird berichten.

Indes droht momentan überhaupt der parallel stattfindende Markt mit seinen Hunderten von Filmen das offizielle Festival ein wenig zu überschatten: Während man da abgesehen von Nicole Kidman zur Eröffnung den großen Star-Glamour vermisst, soll am Sonntag eine Veranstaltung zum Actionfilm „The Expendables 3“ stattfinden, für das sich eine alternde Star-Riege von Arnold Schwarzenegger bis Sylvester Stallone einfinden soll – als Clou wurde annonciert, dass die Actionhelden Sonntagabend mit einem Panzer von ihrem Hotel zur Party fahren werden!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2014)