Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

„Rose de mai“: Immer der Nase nach

Erntemonat. Vier Wochen lang werden die „Roses de mai“ geerntet.
Erntemonat. Vier Wochen lang werden die „Roses de mai“ geerntet.(c) Beigestellt
  • Drucken

Auf den Feldern von Joseph Mul bei Grasse wächst jene „Rose de mai“, die aus der modernen Parfumgeschichte nicht wegzudenken ist.

Darauf, dass der weiße Flieder wieder blüht, wartet, wie bekannt sein dürfte, Romy Schneider sehnsüchtig in ihrem Filmdebüt aus dem Jahr 1953. Auf die Blüte einer ganz anderen Blume, nämlich jene der südfranzösischen Mairose (in der Botanik auch als Rosa centifolia bekannt), wartet wiederum Jahr für Jahr nicht minder ungeduldig Joseph Mul. Ob auch er sich die Zeit mit dem Trällern eingängiger Melodien vertreibt, ist allerdings nicht bekannt.

In seinem Fall hat die Ungeduld ja nicht so sehr sentimental-romantische Gründe, als vielmehr einen durchaus handfest unternehmerischen Hintergrund. Monsieur Mul nämlich herrscht über jene paar Hektar Land, auf denen die Stöcke der Rosa centifolia wachsen: Seit bald dreißig Jahren werden hier, nur im Frühling und nur vier Wochen lang, jene Blüten geerntet und in einer unweit der Blumenfelder stehenden Extraktionsanlage zu hochkonzentriertem Rosen-Absolue verarbeitet, die ausschließlich in den Extraits-de-Parfum von Chanel zum Einsatz kommen. 

Extraktion. Stundenlang werden die Blüten mit Lösungsmittel gewaschen.(c) Beigestellt


Rosenrettung. Lange bevor das auf Luxusgüter spezialisierte Unternehmen begann, Pariser Haute-Couture-Ateliers aufzukaufen, um ihren Fortbestand zu sichern, wurde auf Initiative des Chanel-Chefparfumeurs Jacques Polge ein Exklusivvertrag mit Joseph Mul als Lieferant von Tuberosen-, Jasmin- und Mairosenextrakt abgeschlossen. „Für uns liegt der Vorteil auf der Hand“, sagt Joseph Mul inmitten der üppig blühenden Felder, durch die gerade Erntehilfen, spitze Strohhüte auf dem Kopf und mit großen Taschen bestückte Schürzen tragend, schreiten. „Und Chanel wollte das Vorkommen der Rosa centifolia in Grasse sichern, wie sie schon seit dem Entstehen von Chanel N° 5 im Jahr 1921 zum Einsatz kommt.“

Die Luft auf den Feldern der Familie Mul duftet, durchweht von einer warmen Frühlingsbrise, intensiv nach Rosen. Eine fruchtige, weiche, fast zitronige Note, die ebenfalls durch die Strauchreihen flattert, ist zugleich etwas überraschend. „Wichtig ist, dass die Blüten nach der Ernte so schnell wie möglich in die Extraktionsanlage kommen“, erzählt Joseph Mul. „Wenn ein Sack mit 25 Kilogramm Blüten gefüllt ist, wird er verschlossen und alsbald abtransportiert.“ So groß wie beim Wein seien die Qualitätsunterschiede von Jahr zu Jahr bei den Mairosen nicht, fährt Monsieur Mul fort.

In der Fabrik, die unweit der Rosenfelder liegt, geht es schon eine Spur weniger poetisch zu: Die Blütenblätter werden aus mehreren 25-Kilogramm-Säcken auf fünf übereinanderliegende Metallscheiben geleert, die dann in einen Extraktorbottich versenkt werden: Hier werden die Blütenblätter mehrere Stunden lang mit einem flüssigen Lösungsmittel ausgewaschen.

Parfumstadt. Das südfranzösische Städtchen Grasse gilt als Wiege der Parfümerie.(c) Beigestellt


Versuchsanordnung. „Das Auftauchen solcher Lösungsmittel markierte im 19. Jahrhundert wie die Entwicklung synthetischer Inhaltsstoffe den Übergang zur modernen Parfümerie“, sagt Chrisopher Sheldrake, der neben Jacques Polge und neuerdings auch dessen Sohn Olivier Polge als dritter Inhouse-Parfumeur für Chanel tätig ist. Auch er  reist mehrmals pro Jahr aus Paris in die Region um Grasse: „Neben Jasmin, Mairose und Tuberosen wachsen hier auch diejenigen, die ich experimentelle Pflanzen nenne“, erzählt Sheldrake. „Seit vier Jahren probieren wir herauszufinden, ob die Region sich auch für den Anbau der Iris eignet.“ Da die Wurzeln etwa drei Jahre brauchen, bis sie fertig gereift sind und erst vor vier Jahren die ersten Irisversuche in Grasse unternommen wurden, seien die Ergebnisse noch nicht abzuschätzen.

Christopher Sheldrake hat, wie viele Parfumeure, ein besonderes Verhältnis zu dieser Region: „Als ich 18 war, kam ich hierher, um mein Französisch zu verbessern. Dann habe ich ein paar Monate in einer der kleinen Parfummanufakturen gelernt, daraus wurden dann zwei Jahre – und ich habe nie mehr aufgehört, als Parfumeur zu arbeiten.“ Noch ehe nämlich Parfumeurschulen, allen voran die Isipca in Versailles, eingerichtet wurden, führte an Grasse während der Lehr- und Wanderjahre einer angehenden Nase kaum ein Weg vorbei. Auch heute werden hier freilich Wissensschätze verwahrt, etwa in dem ausgezeichneten Musée International de la Parfumerie, das die Geschichte der Parfümerie in der Region dokumentiert – und zwar bis hin zum Niedergang vieler Produktionsstätten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Blütenmeer. Rosa-Centifolia-Absolue wird nur im reinen Parfum von Chanel genutzt.(c) Beigestellt


Allerdings können kundige Museumsführer heute auch Geschichten über die Revitalisierung von Produktionsanlagen erzählen, die von dem einen oder anderen Konzern gekauft wurden. Und dass auch solche Episoden sich in der Region zutragen,  ist wiederum ein tröstlicher Hinweis darauf, dass die Rosenstöcke von Joseph Mul hoffentlich nicht die letzten sein werden, deren Blüte hier sehnsüchtig erwartet wird.