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"Christopher Clark kann man nicht ernst nehmen"

Der Historiker Dragoljub Zivojinovic von der Serbischen Akademie der Wissenschaften will, dass "für alle Zeiten" klar sei, dass Serbien keine Schuld am Attentat von Sarajewo und damit am Ersten Weltkrieg trage.

Der Erste Weltkrieg ist nach wie vor für heiße Debatten gut. Das haben auch die jüngsten Historiker-Konferenzen in Belgrad gezeigt. Warum?

Dragoljub Zivojinovic:  Ich möchte eines Voraussschicken: Wir wollten die Konferenz frei von Politik halten, das war uns wichtig. Nun, manche Dinge sind eben für gewisse Leute, für gewisse Revisionisten, ein Problem. Auf der Konferenz der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste wollten wie ein für alle Mal wissen: Wer ist verantwortlich für den Krieg. Wir behaupten, Serbien als Staat ist es nicht, vielleicht gewisse Individuen, aber die repräsentieren ja nicht Serbien, die stehen nur für sich selbst. Diese Individuen haben die Jungbosnier mit Waffen ausgestattet. Aber Serbien selbst hatte damit nichts zu tun, das sollte allen klar sein. Und das hat unsere Konferenz bestätigt, das sollte jetzt für alle Zeiten bekannt sein. Revisionisten wie Christopher Clark behaupten noch immer, dass Serbien verantwortlich ist, aber Clarke kann man ja nicht ernst nehmen. Als er hier war, sagte er die nettesten Dinge über Serbien und die Serben, und als er wieder aus dem Land war, beschuldigte er uns, ein genozidäres, mörderisches Volk zu sein. Nein, er ist nicht ernst zu nehmen. 

Sie sagten, sie wollten die Konferenz frei von Politik halten. In den Reden der Präsidenten Nikolic und Dodik war dann aber doch ziemlich viel Politik.

Das sind Politiker, und sie haben über Politik gesprochen. Sie waren natürlich nicht eingeladen, um über Geschichte zu sprechen. Ich konnte auch nicht die Rede des Präsidenten schreiben, aber während der Konferenz selbst, haben wir 60 Fachleute die politischen Fragen überhaupt nicht angerührt. Es ist das Recht und Privileg der Politiker, zu sagen, was sie wollen. Nikolic und Dodik wollten beide kommen, und wir konnten ihnen ja nicht gut absagen.

Sie sagten einmal, es gebe politischen Druck im Westen auf Historiker, damit die Geschehnisse im Vorfeld des Ersten Weltkriegs heute anders interpretiert werden. Wie meinen Sie das, wer übt diesen Druck aus? 

Aber das wissen wir ja, und das sollten Sie auch wissen. Deutschland hat die ganze Zeit seit dem Vertrag von Versailles verschiedene Gruppen unterstützt, auch mit Geld aus dem Außenministerium, um dieses ganze Kapitel umzuschreiben. Es gab verschiedene Individuen, die sich an diesem Bemühen beteiligten, darzustellen, dass Deutschland angeblich nicht beschuldigt werden könne für den Ausbruch des Kriegs. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber kam Fritz Fischer, und der sagte: Ja, Deutschland war verantwortlich. Heute versuchen viele deutsche Historiker, Fischer Arbeit als etwas abzustemplen, das nicht mehr gültig ist. Nun, es wird immer Leute geben, die die Geschichte revidieren wollen, und wenn es aufrichtig gemacht wird, verbessert eine Revision ja unser Verständnis der Geschichte, man kommt der Wahrheit näher. Aber alle diese Staaten, die den Ersten Weltkrieg verloren haben, waren Revisionisten, und Deutschland war da führend. Wie gesagt, Revisionismus ist an sich gut, aber nicht, wenn er politisch getrieben ist.

Dann müsste man aber doch auch die serbische Rolle im Vorfeld des ersten Weltkriegs revidieren können.

Natürlich, wenn jemand solche Dokumente hätte, die das zeigen würden.....

Was bedeutete der Erste Weltkrieg für Serbien?

Vieles: Zunächst die physische Zerstörung des Staates, den Verlust von 1,2 Mio. Menschenleben, und nach der Bildung des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen das Verschwinden von der politischen Landkarte Europas. Für andere kann es bedeutet haben, dass Serbien gewisse Territorien bekommen hat, die ihm nicht gehören, beziehungsweise Nationalitäten, die nicht zu diesem Köngreich gehören sollten: die Deutschen und Ungarn der Vojvodina, die Italiener in Dalmatien und Istrien.

War der SHS-Staat den der Staat von dem Gavrilo Princip geträumt hat?

Er sagte immer, auch im Gericht von Sarajewo, dass er für ein Jugoslawien kämpfe. Er war aufrichtig für Jugoslawien, auch wenn er ein Serbe war. Das waren junge Idealisten, die glaubten, gewisse Dinge mit ihren eigenen Methoden zu erreichen, und diese Methoden waren Bomben und Gewehre. Aber das Töten von politischen Führern, Kaisern, Königen, war nichts besonderes zu dieser Zeit, schon gar nicht am Balkan; Italiens König wurde 1900 getötet, der russischer Zar Alexander III, Sissi wurde ermordet, in Serbien König Alexander Obrenovic. Das war war nichts Neues, Anarchisten aller Art glaubten, es wäre die einzige Möglichkeit, diejenigen loszuwerden, die sie als Tyrannen betrachteten. Sogar Woodrow Wilson hat gefragt: Was hat Österreich-Ungarn eigentlich in Bosnien gesucht? Franz Ferdinand wurde in seinem eigenen Staat von seinen eigenen Staatsbürgern getötet. Das war ziemlich klar, aber in Wien und Berlin hat man diese Situation einfach ausnützen wollen, um den Krieg anzufachen. Es war einfach eine gute Gelegenheit, wobei Serbien, was auch der britische Außenminister Gray sagte, ja fast alle Forderungen Wiens akzeptiert hatte. Österreich-Ungarn wollte diesen Krieg. Serbien nicht.

Und Apis, der Chef des serbischen Militärgeheimdienstes, der Führer der Schwarzen Hand?

Apis hat nur provoziert und gegen das Gesetz gehandelt, aber man kann nicht für das, was Apis getan hat, Serbien anklagen. Nur ihn und seine Gefolgsleute, nicht den Staat, da sollte man schon einen Unterschied machen. Es war eine Gruppe unverantwortlicher Leut, die diesen extremen serbischen Nationalisten, diesen entschlossen Feinden Österreich-Ungarns ermöglicht hat, zu schießen. Serbien hatte damit nichts zu tun. Premier Pasic warnte sogar den österreichisch-ungarischen Finanzminister Billinski in Wien, dass etwas passieren könnte, aber der hat das nicht ernst genommen. Man könnte fast den Eindruck bekommen, dass der Thronfolger absichtlich nach Sarajewo geschickt wurde, um ihn allen möglichen Risiken auszusetzenj. 1910 war Franz Josef auf Besuch dort gewesen, und damals stand ein Soldat Schulter an Schulter mit dem nächsten. Niemand konnte sich dem Kaiser auch nur nähern. Man könnte auch sagen, dass die Sicherheitsdienste Österreich-Ungarns schuld sind, weil sie ihn nicht ausreichend schützten.

Nach all den von Ihnen angeführten Folgen des Attentats von Sarajewo für Serbien - warum wird dann Princip eigentlich in weiten Kreisen hier als Held gesehen? Verstehe ich irgendwie nicht.

Man kann das nicht in Zusammenhang bringen. Princip war ja noch ein Schüler, er konnte nicht glauben, dass er die Politik des Staates so beeinflussen würde, ja sogar das gesamte Europa. Er wollte das nicht, und er wusste es nicht. Er konnte nicht einmal ahnen, dass in der Folge all die Kaiserreiche verschwinden würden.

Ja, aber das waren nun mal die Konsequenzen, die kann man nicht leugnen.

Vor allem in Bosnien ist er ein Nationalheld, aber auch hier. Seine Tat ist eine Art Beginn des Befreiungskampfes der Serben, die unter Österreich-Ungarn lebten

Aber laut eigener Aussage wollte er ja nicht nur die Serben befreien, sondern auch die Kroaten und Muslime.

Ja, er wollte die Befreiung aller Südslaven. Warum werden Leute überhaupt Nationalhelden? Warum wurde Kraljevic Marko ein Nationalheld? Das passiert in den Köpfen der Leute. Vielleicht weil er als junger Mann ins Gefängnis geworfen wurde, zu lebenslanger Haft verurteilt und unter schlimmsten Umständen gestorben ist. Die Österreicher haben nicht daran gedacht, dass das solche Auswirkungen haben kann. Mein Professor an der Universität, Vaso Cubrilovic, war einst auch ein Mitglied der Verschwörer. Er war 16, das waren junge Leute, die wussten kaum, wie man Waffen verwendet. Sie glaubten, dass das eine heroische Tat wäre.

Und was bedeutet der Erste Weltkrieg für Serbien heute?

Ich kann nur für mich sprechen. Vielleicht ist es ein Punkt, der alle Serben zusammengebracht hat, in diesem Ringen, in dem sich das serbische Volk befand, in Bosnien, Kroatien, in Monetenegro, in einem Geist der Einheit.

Aber, im Gegensatz zu Princip, nicht einer Einheit mit Kroaten und Muslimen.

Nein, unter den Serben. Um in einer besseren Position zu sein, um sich zu verteidigen gegen das Eindringen der Kroaten, der Muslime, der Albaner und der anderen.

Sie reden jetzt von der Gegenwart?

Ja, natürlich.