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Bluttat in Grazer Partykeller: "Er wollte eine Bombe basteln"

(c) APA/ERWIN SCHERIAU (ERWIN SCHERIAU)
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Hat sich das Verbrechen unter Teenagern, bei dem Ende Juni ein 16-Jähriger in Graz erschossen wurde, schon vorher angekündigt? Nun wird Kritik gegenüber dem Jugendamt laut.

Graz. Es war 2009, als sich seltsam grausige Gerüchte rund um „Gabis Privatkindergarten“ verdichteten. Ein Meerschweinchen sei auf unnatürliche Art ums Leben gekommen. Jemand habe ihm in der Nacht einen Bleistift durch die Augen gestoßen und es danach auf besonders brutale und sadistische Weise getötet, erzählten sich die Eltern unter der Hand. Bemerkenswert daran sei, dass es keine Einbruchsspuren gebe: Der Unbekannte musste sich mit einem Schlüssel Zugang verschafft haben.

Kurz darauf machte ein neues Gerücht die Runde: Jemand habe Glühbirnenscherben in den Sandkasten gelegt, wo die Kinder spielten. Eine Gaspistole liege auch im Haus herum. Eines Tages kam der kleine Sohn von Astrid F. (Name geändert) nach Hause und berichtete: „Wenn wir draußen sind, müssen wir gegen einen großen Vogel kämpfen, der uns mit Steinen bewirft.“ Die Mutter stocherte nach und brachte schließlich die Wahrheit ans Licht: Auf dem Balkon stehe ein Bub mit einer Steinschleuder, der auf die Kinder ziele. „Für uns war klar, dass es sich dabei nur um den Sohn der Betreiberin handeln konnte“, sagt Astrid F.

 

Eltern warnten

Fünf Jahre später wurde im selben Haus ein junger Mensch erschossen. Der Fall ist inzwischen hinlänglich bekannt: Sebastian S., nun 16 Jahre alt, soll am 22.Juni im Partykeller seines Elternhauses einen gleichaltrigen Villacher erschossen haben. Zuvor soll er ein 14-jähriges Mädchen vergewaltigt haben. Der Großvater des Buben, dem die Tat gebeichtet wurde, soll ihm daraufhin geholfen haben, ihn ins ungarische Rabafüzes zu bringen, wo die Leiche im Wald verscharrt und am vergangenen Dienstag von den Ermittlern gefunden wurde. Sebastian S. und sein Großvater sitzen inzwischen in U-Haft. Der junge Mann ist geständig. Zur Rekonstruierung des Tathergangs warten die Ermittler auf die Aussage des Vergewaltigungsopfers. Das Mädchen ist traumatisiert, noch nicht ansprechbar.

Astrid F., deren Sohn längst den Kindergarten verlassen hat, fragt sich, ob das Verbrechen hätte verhindert werden können, wenn die Behörden ihr und anderen Eltern mehr Glauben geschenkt hätten. „Es ist wichtig aufzuzeigen, dass damals nichts passiert ist.“ Gemeinsam mit anderen Eltern hat sie zahlreiche Eingaben beim steirischen Jugendamt und bei der zuständigen Fachabteilung der Landesregierung gemacht. Einige dieser Briefe liegen der „Presse“ vor.

„Gefahr im Verzug“, betitelte ein besorgter Vater am 1.Juli 2009 seine Eingabe bei der für Kindergärten zuständigen Fachabteilung 6e, in der er auf den Vorfall mit dem toten Meerschweinchen aufmerksam machte. In einem anderen Schreiben ging er auf das „auffällige Verhalten“ des Buben ein, der die kleinen Kinder drangsalieren würde. „Er gibt an, eine Bombe basteln zu wollen, die den ganzen Kindergarten in die Luft sprengt.“ Gemeinsam mit seiner Frau sei er mehrfach persönlich in der Fachabteilung vorstellig geworden. Sie erinnert sich an die damaligen Gespräche: „Man hat uns gewarnt, mit Unterstellungen vorsichtig zu sein.“

Gehör fanden die Eltern bei der Grazer FPÖ-Gemeinderätin Ingrid Benedik. Sie griff den Fall auf und wandte sich an die „Kleine Zeitung“, die über den „Problemkindergarten“ groß berichtete. In der Folge wurde der Kindergarten auf Druck der Behörden geschlossen, später auch zwei dazugehörende Kinderkrippen. Der Sohn der Betreiberin durfte den Kindergarten nicht mehr betreten. Inzwischen wird die Einrichtung von der GIP-Gesellschaft geführt, die mit der früheren Betreiberin nichts mehr zu tun hat.

 

Jugendamt muss schweigen

Was damals allerdings offenbar nicht geschah: Das Jugendamt hat sich, so lautet der Vorwurf, weder den Buben noch die Familie genauer angesehen. Astrid F. versteht das bis heute nicht: „Ich wundere mich heute wie damals, warum das Jugendamt in diesem Fall nicht hellhörig geworden ist.“ Immerhin würde das geschilderte Verhalten nicht nur auf eine schwere Verhaltensauffälligkeit hinweisen. Auch die Familienverhältnisse, die der Großvater dominierend bestimmt habe, seien höchst problematisch gewesen.

Beim Grazer Jugendamt verweist man auf die Verschwiegenheitspflicht: „Selbst wenn ich wollte, ich dürfte mich zu dem Thema nicht äußern, weil das Jugendamt inzwischen die Vertrauensperson des beschuldigten Jugendlichen ist“, sagt Wolfgang Gruber, Leiter des Referates für offene Kinder- und Jugendarbeit. Bei der Fachabteilung 6 gibt es keine öffentlichen Auskünfte zu dem Fall, man verweist auf das politische Büro von Kindergarten-Landesrat Michael Schickhofer. Der habe das Amt erst seit 2013 inne, sagt Sprecher Jörg Schwaiger: „Aber wir haben uns den Fall angesehen. Soweit wir das überblicken können, haben die Behörden umgehend reagiert.“

CHRONOLOGIE

Was bisher geschah. Der Anlassfall soll sich am 22. Juni in einem Partykeller folgendermaßen zugetragen haben: Im Lauf einer spontanen Feier, bei der auch harte Drogen konsumiert worden sein sollen, hat ein 16-Jähriger eine 14-Jährige mit vorgehaltener Gaspistole vergewaltigt. Danach zwang er einen gleichaltrigen Freund, es ihm gleichzutun. Letzterer holte in der Folge ein Kleinkalibergewehr seines Großvaters und erschoss den ersteren –
aus Rache oder um das Mädchen zu „befreien“. Der Großvater soll dem Schützen geholfen haben, die Leiche nach Ungarn zu bringen und dort zu vergraben. Nicht nur der Großvater,
auch die Mutter des Schützen soll
in die Tat involviert gewesen sein. Am Dienstagvormittag wurde im ungarischen Szentgotthard-Rabafüzes die Leiche gefunden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2014)