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Brennende Geschäfte im "kleinen Jerusalem" von Paris

(c) REUTERS (BENOIT TESSIER)
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In Sarcelles, einem Vorort von Paris, wurden zahlreiche jüdische Läden verwüstet. Die Politiker sind alarmiert.

Sarcelles. Der Schock in Frankreich sitzt tief, nach zahlreichen antijüdischen Beschimpfungen und gewaltsamen Zwischenfällen bei propalästinensischen Kundgebungen in Paris und den Vororten: Premier Manuel Valls bezeichnete die Gewalt als „neuen Antisemitismus“. Es sei unerträglich für die französische Republik, wenn wieder – wie in den „finstersten Stunden der europäischen Geschichte“ – einige Extremisten ungestraft „Tod den Juden“ rufen könnten. Etwas sei „kaputtgegangen“ und könne, wenn überhaupt, nur schwer repariert werden, sagt auch François Pupponi, Bürgermeister des Pariser Vororts Sarcelles mit 60.000 Einwohnern, wo vergangenes Wochenende Ausschreitungen tobten. „Das Misstrauen und die Abneigung gegen den Anderen hat sich tief in die Gesellschaft gegraben. Ich bin nicht sicher, ob das allein mit der Situation im Nahen Osten zu tun hat – oder auch mit der Krise in Frankreich zusammenhängt. Offenbar gibt es viel Verbitterung, und alle suchen einen Sündenbock. Doch niemandem nützt es, andere zum Opfer des Zorns zu machen.“

Für seine jüdischen Mitbürger seien die antisemitischen Aggressionen ein „Trauma“. Die Verantwortlichen für die Gewalt beschreibt Pupponi als „Horden von Wilden, die völlig enthemmt und skrupellos gekommen sind, um Juden anzugreifen“. Ein starkes Polizeiaufgebot, vor allem in der Nähe der größten Synagoge, konnte womöglich das Schlimmste verhindern. Verletzt wurde zum Glück niemand bei den schweren Ausschreitungen im Anschluss einer Kundgebung, die wegen bekannter Risken im Voraus von den Behörden keine Genehmigung erhalten hatte. War es richtig, diese Protestaktion zu verbieten, oder hat diese Maßnahme und der Aufmarsch der Polizei unnötig die ohnehin erhitzten Gemüter provoziert? Darüber wird nicht nur in Sarcelles weiterdiskutiert.

 

Niedergebrannte Apotheke

Einige Tage nach den Vorfällen sieht das Einkaufszentrum an der Esplanade des Flanades auf den ersten Blick völlig friedlich aus. Doch die noch stechend riechende Brandruine an der Nummer 28 der Place de France ist nicht zu übersehen. Hier stand die von allen geschätzte Apotheke der sephardischen Familie Banon. Schwer beschädigt wurden auch die darüber liegenden Wohnungen, wo eine 91-jährige Frau nur knapp dem Tod entging. Der Angriff auf die Apotheke war gezielt, denn der unmittelbar benachbarte Hallal-Fleischer La ferme de l'Afrique und der Kebab-Imbiss Norway blieben ebenso unversehrt wie der Supermarkt Istanbul gegenüber.

Gegenüber der Haltestelle der Straßenbahn wurde die Bäckerei Naouri verwüstet, die wie die meisten von rund einem Dutzend Geschäfte einer jüdischen Familie von Sarcelles gehörte. Sogar die Fassade eines Bestattungsunternehmens wurde von den Vandalen zertrümmert und ist jetzt notdürftig mit Brettern bedeckt. „Was soll das? Wem nützt es?“, meint eine sehr betagte Frau aus den Antillen kopfschüttelnd. Sie wohnt seit 55 Jahren hier und hat miterlebt, wie Sarcelles mit seinen Hochhaussiedlungen für jüdische und muslimische Einwanderer aus Nordafrika, chaldäische Christen aus Syrien und Kopten aus Ägypten entstanden ist. Die wenigen Muslime, die sich äußern, ohne ihren Namen nennen zu wollen, erklären sehr entschieden, diese Gewalt habe mit dem Islam nichts zu tun.

 

„Sonst bin ich in 48 Stunden tot“

Ein anderer Passant meint, er wisse aus Erfahrung nur zu gut, wem diese Gewalt gelte. „Ich bin 87 Jahre alt und habe Marschall Pétain und die faschistischen Milizen erlebt. Jetzt fängt das wieder an.“ Als 14-jähriger Jude wurde er im damals französischen Constantine in Algerien im Gefängnis ausgepeitscht. Er greift in seine Tasche und zeigt eine zusammengefaltete Kippa, die er aus Angst vor Aggressionen beim Gang ins Einkaufszentrum nicht trägt. Auch er will seinen Namen nicht nennen: „Sonst bin ich in 48 Stunden tot“, meint er.

Heute wirkt Sarcelles trotz dieser unterschwelligen Spannung nicht wie eine Stadt im Belagerungszustand. Nur vor dem jüdischen Zentrum Beit Abraham und vor der Synagoge an der Avenue Paul Valéry schieben ein Dutzend Polizisten Wache. Ein Mahnmal erinnert dort an die Holocaust-Opfer und eine Gedenktafel an einen Gelehrten von Sarcelles, Raphaël Yaacov Israel, der seine Nachkommen gemahnt hat: „Um Krieg zu führen, braucht es zwei. Ich werde nie der zweite sein.“

Der derzeitige Rabbiner, Laurent Berros, sucht in diesem Sinne den Dialog mit den anderen religiösen und ethnischen Gemeinschaften, um die – in früheren Zeiten immer als exemplarisch gefeierte – gemeinsame Tradition des Miteinander in Sarcelles, dem „kleinen Jerusalem“ Frankreichs, zu retten: „Der Antisemitismus und die Spaltung dürfen nicht gewinnen.“ Sarcelles erschien am vergangenen Sonntag wie ein Extremfall, jetzt wird diese Stadt zum Test. „Wenn das Modell Sarcelles zusammenbricht, ist für das ganze Land das Schlimmste zu befürchten“, prophezeit Bürgermeister Pupponi.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2014)