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Europas Tourismus ist stark wie nie zuvor

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2013 nächtigten in Europa so viele Menschen wie noch nie. Vor allem der Süden profitiert davon. Doch Nordeuropa holt auf.

Wien. Der Tourismus ist zwar eine Branche, die die Auswirkungen von politischen und wirtschaftlichen Krisen sehr unmittelbar zu spüren bekommt. Allerdings auch eine, die sich sehr schnell wieder erholt.

Das zeigt die Entwicklung des Nächtigungsaufkommens in Europa seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise 2008. Zwar gab es von 2008 auf 2009 einen deutlichen Rückgang der Nächtigungen in Europa, Mitte 2010 befand sich deren Zahl aber bereits wieder auf Vorkrisenniveau. Und seitdem steigt sie ungebrochen an (siehe Grafik). Im vergangenen Jahr haben die Nächtigungen in den EU-28 laut Eurostat mit 2,6 Milliarden einen neuen Höchststand erreicht. Von diesen Zuwächsen profitieren die Länder Süd-, Ost- und Nordeuropas gleichermaßen, fast überall gab es 2013 ein Plus, außer in Italien (minus 4,6 Prozent). Spanien, eines der Länder, die die Wirtschaftskrise am härtesten getroffen hat, gehörte mit 387 Millionen Nächtigungen 2013 im vergangenen Jahr zu den beliebtesten Reisezielen in Europa.

Auch für 2014 schaut es sehr gut aus, im ersten Halbjahr verbuchte Spanien bei den Nächtigungen laut European Travel Commission ein Wachstum von rund zwölf Prozent. Der Tourismus in Spanien ist mit rund elf Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt einer der solidesten Grundpfeiler der Wirtschaft. Österreich, das in den Jahresstatistiken der vergangenen Jahre einen Nächtigungsrekord nach dem anderen gesprengt hat, gehört 2014 übrigens bisher zu den touristischen Verlierern Europas. Schuld ist vor allem der schneelose Winter.

Tourismuseinnahmen stagnieren

Tourismusexperten warnen davor, die Entwicklung in den südeuropäischen Krisenländern zu positiv zu bewerten. „Die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus in Südeuropa wird generell überschätzt“, sagt Egon Smeral von Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO). Auch die steigenden Nächtigungszahlen seien zu relativieren: „In Europa stagnieren die Tourismuseinnahmen seit etwa zehn Jahren“, sagt Smeral. „Das Reiseverhalten der Menschen hat sich durch die wechselnden wirtschaftlichen Krisen sehr verändert. Die Leute stellen die Ausgaben für Reisen gegenüber notwendigen Gütern zurück.“ Das bedeute nicht, dass sie weniger verreisen. „Aber der reale Aufwand pro im Urlaub verbrachter Nacht hat deutlich abgenommen“, sagt Smeral. Das heißt, die Leute wählen billigere Unterkünfte und geben auch sonst im Urlaub weniger aus. Dazu kommt, dass die durchschnittliche Aufenthaltsdauer pro Urlaub sinkt. Das bekommen die klassischen Sommerdestinationen in Europa, wo viele ihren Haupturlaub verbringen, zu spüren. Viele verbringen nur mehr eine Woche am Strand statt wie früher zwei. Nordeuropa profitiert von dieser Entwicklung, der Reisekuchen wird gleichmäßiger verteilt. „Früher hatten wir ein Nord-Süd-Gefälle. Die Bewohner der nördlichen Quellenländer haben ihren Urlaub in Südeuropa verbracht.

 

Urlaub im Norden lautet die Devise

Das scheint sich jetzt umzudrehen. „Der Süden verliert Marktanteile, der Norden gewinnt“, sagt Smeral. So liegt etwa Litauen bei den Nächtigungszuwächsen im ersten Halbjahr 2014 mit 14 Prozent deutlich vor Spanien. Schweden und Dänemark liegen noch vor Kroatien und Malta. Und was die Steigerung der Gästeankünfte betrifft (die aber im Vergleich zu den Nächtigungen wirtschaftlich weniger aussagekräftig sind), führen die Destinationen Island, Lettland und Litauen das Ranking an und übertrumpfen damit ganz Südeuropa.

Da ist natürlich die Hauptreisezeit für die südeuropäischen Länder, der Sommer, noch nicht eingerechnet. Dennoch zeigt diese Entwicklung, dass viele Europäer ihr Reiseportfolio diversifizieren und für den klassischen Strandurlaub weniger Zeit einplanen. Die größten Zuwächse bescheren den europäischen Ländern Touristen, die nicht aus Europa kommen, sondern etwa aus China. Doch Europa bleibt ein wichtiger Markt. 85,4 Prozent der EU-Bürger wählen für ihren Urlaub ein Reiseziel in Europa.

Abkehr vom Nahen Osten

Profitiert haben die südeuropäischen Destinationen zumindest phasenweise von der politisch instabilen Lage im Nahen Osten und in Nordafrika. Urlauber, die den Sommer gern in Mittelmeerraum verbringen, dürften durch die unsichere Sicherheitslage in Destinationen wie Ägypten und Tunesien auf Länder wie Griechenland und Spanien ausgewichen sein. Der Arabische Frühling hatte mit Sicherheit einen viel stärkeren Effekt auf den Tourismus als die Wirtschaftskrise in den südeuropäischen Ländern ab 2009. Im Jahr 2010 – also ein Jahr vor dem Arabischen Frühling, der zu politischer Instabilität führte – besuchten beispielsweise Ägypten 14,5 Millionen Touristen. Im Jahr darauf reduzierte sich diese Zahl laut Angaben von Eurostat um etwa ein Drittel. Nach einer kurzen Erholung im Jahr 2012 sorgte der Militärputsch im Sommer 2013 erneut für ein Absacken auf 9,5 Millionen Touristen. Für Anfang 2014 meldeten ägyptische Behörden und Reiseveranstalter wieder einen Einbruch. Von den aktuellen Traumzahlen Griechenlands und Spaniens ist man in Nordafrika somit meilenweit entfernt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2014)