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Frauenförderung: „Lieber Quotenperson als Golfplatzperson“

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FH-Gleichbehandlungsbeauftragter Martin J. Gössl über Sinn und Unsinn von Quoten und darüber, wie viel am sozio-ökonomischen Status hängt.

Die Presse: Ein Mann als Gleichbehandlungsbeauftragter – das klingt für viele wie ein Widerspruch. Warum ist es keiner?

Martin J. Gössl: Weil es immer um Machtfragen geht. Diesen Kampf können nicht Frauen alleine führen. Und es ist natürlich wichtig, dass beide Geschlechter dorthin schauen, wo Ungleichstellungen die größten Nachteile mit sich bringen – also zu den Frauen. Genauso wichtig ist aber die Frage, wo die Machtsphären sind. Wo stehen die Männer? Wie sehen ihre Netzwerke aus? Denn wenn die einen etwas bekommen sollen, muss man es auf der anderen Seite irgendwoher nehmen.

Wie kommen Frauen in die Netzwerke hinein? 

In Netzwerke hineinzukommen ist durchaus eine Herausforderung – egal, ob es Netzwerke sind, die sich an Heterosexualität orientieren, an Hautfarbe oder an Geschlecht. Das größte Netzwerk ist das Geschlechternetzwerk. Und hier sind eben Männer in den hohen Positionen, die bewusst oder unbewusst geschlechtersolidarisch agieren. Das zu durchbrechen braucht harte Instrumente.

Harte Instrumente bedeutet: eine Frauenquote?

Ich dürfte einer der wenigen Männer sein, die explizit für Quoten eintreten. Der Punkt ist: Die Frauenbewegung hat in vierzig Jahren mit vielen Gesprächen, mit viel Bewusstseinsarbeit auf weichem Boden viel erreicht. Aber sobald es um Geld, Macht und Status geht, hat das zu wenig bewirkt. Da setzt die Quote an: Sobald man keinen Mann mehr nehmen darf, wird der Blick automatisch erweitert.

Gegen die Quote gibt es sehr viel Widerstand. Und Häme.

Vielleicht haben ja in hundert Jahren Frauen Machtpositionen inne und wir brauchen eine umgekehrte Bewegung. Aktuell ist es anders. Ich sehe es so wie viele meiner Kolleginnen: Ob ich eine Position bekomme, weil ich am Golfplatz viele Freunde habe oder durch eine Quote ist eigentlich egal. Da bin ich lieber Quotenperson als Golfplatzperson. Beweisen muss ich mich dann so oder so.

Erfüllt sich die Erwartung, dass diese Frauen dann den Weg für andere freischaufeln?

Bei assimilierten Frauen, die sich in Machtpositionen befinden aber einen männlichen Habitus übernommen haben, ist der Effekt gering: Die ziehen oft keine Frauen nach. Wichtig ist, dass sie das System für ihre Geschlechtsgenossinnen öffnen. Und es kann genauso spannend sein, einen schwulen Mann in einer bestimmten Position zu haben, um ein bestehendes hartes, eindimensionales Netzwerk aufzuweichen. Und nicht jeder Mann ist ein Gewinner oder Antifeminist. Es gibt nicht nur eine, sondern viele Männlichkeiten.

Konsequent gedacht bräuchte es Quoten für alle möglichen benachteiligten Gruppen – oder?

Jetzt kommen wir zur Gretchenfrage. Dann bräuchte ich eine Quote für den schwulen Mann, die lesbische Frau, den Menschen mit Behinderungen oder mit einem Migrationshintergrund. Ab einem gewissen Punkt ist das Instrument der Quote nicht mehr umsetzbar, das ist klar. Was man sagen kann: Geschlecht hat eine besondere Wirkung, weil es jeden betrifft. Daher macht der Quote und Geschlecht Sinn. Und: Vieles ist scheinbar ein Problem, kann aber auf eine Kategorie zurückgeführt werden: den sozioökonomischen Status.

Sie meinen also: Wenn man hier ausgleichende Maßnahmen setzt, wird auch Diversität einfacher?

Der sozio-ökonomische Status beeinflusst in unserer aktuellen Gesellschaft vieles an Möglichkeiten. Durch die Finanzierung von Assistenzleistungen sind für Menschen mit Behinderungen viele Barrieren überwindbar, wodurch sich ein weiteres Möglichkeitsfeld ergibt; auch im Bildungsbereich. Oder Migration: Bildung und eine faire Teilhabe am Bildungssystem schafft Perspektiven und folglich einen erfolgreichen und wertschätzenden Weg in die Gesellschaft. Dies gilt auch für Kinder aus bildungsfernen Familien.

Und bei der Geschlechterfrage?

Auch. Ein gesicherter sozio-ökonomischer Rückhalt gibt allen Menschen in einem Familienverband größere Möglichkeiten der individuellen Entwicklung. Der sozio-ökonomische Status beeinflusst Möglichkeiten der Lebensführung und der Entwicklung. Hier könnte man mit staatlichen Maßnahmen viel bewirken.

In Großbritannien wurde vor einiger Zeit eine Studentenquote für weiße Arbeitersöhne diskutiert. Ist das etwas, was auch bei uns nötig sein könnte?

Sobald Hochschulen Studiengebühren verlangen, steigt die Verantwortung, gerechte Maßnahmen zu setzen um der Gesellschaft Rechnung zu tragen. Bei einem offenen Zugang, wie er größtenteils in Österreich zu finden ist, kann man sich ein wenig um diese Verantwortung drücken. Denn scheinbar kann eh ein jeder oder eine jede, wenn sie oder er möchte. Das Instrument der Quote würde meiner Meinung nach hier schnell ad absurdum geführt werden.

Was dann?

Bildung benötigt für alle egalitäre Maßnahmen. Egal welche Hautfarbe, Geschlecht oder eben sozio-ökonomischer Status, junge Menschen müssen Möglichkeiten geboten werden, einen Bildungszyklus zu durchschreiten. Dies kann meiner Sicht nach vor allem durch Förderung passieren, um eben gesellschaftliche Benachteiligung auszugleichen. Das kann bei Deutschkursen beginnen und bei einem akademischen Frauen-Mentoring Programm enden. Bildung und die Förderung von Bildungschancen muss ein höheres Budget und größere Aufmerksamkeit entgegen gebracht werden.

Was müssen die Hochschulen tun, um dem Anspruch an Diversität gerecht zu werden?

Ich glaube drei Dinge sind elementar: Hochschulen müssen sich dem Thema widmen. Der gesellschaftlichen Diskurs um Vielfalt muss durch Fachpersonen und WissenschafterInnen angestoßen, geführt, gesucht und vorangetrieben werden. Und als letztes: Es braucht die themenbezogene Forschung, nicht nur um neue Erkenntnisse zu vielfältigen Themen zu gewinnen, sondern gleichsam um international gesellschaftspolitische Beiträge zu leisten. Die Welt wird enger und damit Vielfalt sichtbarer und spürbarer. Es braucht Erkenntnisse im Gender/Queer/Diversity uvm. Bereich, um dieser Herausforderung gewachsen zu sein.