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Blockadia! Wie Naomi Klein den Klimawandel nützt

Naomi Klein
Naomi Klein(c) EPA (Pawe Kula)
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Buch der „No Logo“-Autorin. In „This Changes Everything“ gibt es für den Planeten nur einen Ausweg: das Aus für den deregulierten Kapitalismus.

Hier in Europa kennt man Nature Conservancy kaum, in Amerika ist die Organisation mit der respektgebietenden Internetadresse nature.org ein Urgestein des Umweltschutzes. In den 1990er-Jahren schenkte eine Ölfirma Conservancy ein Stück Land in Texas, Heimat einer besonders gefährdeten Prairiehuhnart. Später stellte sich heraus, dass Nature Conservancy einem Öl- und Gasunternehmen erlaubt hatte, auf eben diesem Stück Land nach fossilen Ressourcen zu bohren. Außerdem fand Naomi Klein im Finanzbericht 2012 der Firma noch 22,8 Millionen Dollar Zuwendungen an Energiefirmen (im nicht Erneuerbare-Energie-Sektor).

„Big Green“ gehört zu den nicht ganz so erwarteten Zielscheiben von Naomi Kleins vor zwei Tagen auf Englisch erschienenem Buch „This Changes Everything“, zumindest nicht in dieser Heftigkeit. Kaum eine der großen amerikanischen Umweltorganisationen habe wirklich „saubere Hände“, wenn es um das Verhältnis zur fossilen Industrie geht, zeigt die kanadische Journalistin und Aktivistin. Sie seien verwickelt und abhängig, durch Spendengelder, Partnerschaften, personelle Überlappungen. „Weite Teile der Umweltbewegung bekämpfen diese Interessen nicht – sie sind mit ihnen verschmolzen.“

Den erwarteten Feind in „This Changes Everything“ verrät schon der Untertitel: „Capitalism and the Climate“. Es ist der deregulierte Kapitalismus, den Naomi Klein, eine Ikone der amerikanischen Linken, schon in „No Logo“ bekämpft hat. 14 Jahre ist sie nun schon alt, diese Bibel der Globalisierungskritiker über die Sünden der großen Konzerne, wie die Verlagerung der Arbeit auf Ausbeuterbetriebe in den Billiglohnländern.

 

Neue Waffe im Kampf um Gerechtigkeit

In ihrem zweiten Buch, „The Shock Doctrine“, attackierte Klein die „marktradikalen“ Thesen Milton Friedmans, und wie sie nach Krisen für großflächige Privatisierungen genützt würden. Hat die kanadische Journalistin und Aktivistin nun das Thema gewechselt, hin zu Klima und Natur? Nicht wirklich. Eher erscheint das Thema Klimawandel als eine neue Waffe im alten Kampf. Klein verbirgt das auch kaum: „Mich hat die Wissenschaft der globalen Erwärmung schon lange Zeit sehr beschäftigt – aber ich wurde zum Teil deshalb tiefer hineingezogen, weil ich erkannte, dass sie ein Katalysator für Formen sozialer und wirtschaftlicher Gerechtigkeit sein könnte, an die ich schon lange glaubte.“ Der Klimawandel also als „historische Gelegenheit“, um den „Marktfundamentalismus“ zu beseitigen, die Kluft zwischen Arm und Reich zu bekämpfen und das Leben der Menschen zu verbessern.

Wie das? Kleins Rezept lautet „Blockadia“. So nennt sie eine transnationale Protestbewegung, die aus lauter kleinen „Zellen“ besteht und sich überall dort bilden soll (und zum Teil schon bildet), wo sich Einheimische gegen die Ausbeutung fossiler Ressourcen auf ihrem Terrain zur Wehr setzen.

Zugleich ruft Klein zur radikalen Bürgerbewegung gegen den „Marktfundamentalismus“ auf, bei der es jetzt nicht mehr nur um ein gutes Leben geht, sondern offenbar ums Leben überhaupt. In der „Schlacht zwischen dem Kapitalismus und dem Planeten“ schließt das eine das andere aus. Das Klima lässt sich ausschließlich dann retten, wenn „die fundamentale Logik des deregulierten Kapitalismus“ ausgehebelt wird.

Solchen Argumenten kann man freilich nur noch folgen, wenn man sie als nicht beweisbedürftig akzeptiert. In „This Changes Everything“ benutzt Klein scharfsinnig und schreiberisch brillant den Klimawandel, um ihre sozialen, politischen und wirtschaftlichen Anliegen noch dringlicher zu machen. Es gab schon viel weniger sympathische Instrumentalisierungen. Aber sympathisch oder nicht: Der Klimawandel wird doch zum Vorwand für eine ganz andere Agenda.

DIE AUTORIN

Naomi Klein, geboren 1970, stammt aus einer jüdischen Familie in Kanada; sie lebt heute in Toronto. Ihr Buch „No Logo“ machte sie als Globalisierungskritikerin berühmt und wurde als neues „Kapital“ tituliert. Klein engagierte sich gegen den Irak-Krieg, als Kritikerin israelischer Politik und zuletzt zunehmend im Umweltbereich. [ Suzanne DeChillo/„The New York Times“]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2014)