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"Die Teuerung kommt früher oder später"

Ronald Stöferle, Mark Valek
(c) Die Presse - Clemens Fabry
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Die Fondsmanager Ronald Stöferle und Mark Valek erzählen von Lektionen aus dem Dotcom-Bust, von Bankern, die nichts von Geldtheorie verstehen– und sehen Gemeinsamkeiten zwischen Rapid Wien und dem Goldpreis.

Die Presse: Herr Stöferle, Sie gelten als Anlage- und Goldexperte. Wann ist Ihnen erstmals aufgefallen, dass Geld eine Rolle spielt?

Ronald Stöferle: Im zarten Alter von 13, als ich meine ersten Aktien gekauft habe ...

Was waren das für Aktien?

Stöferle: Das war die IFE, ein Wiener Nebenwert. Das Interesse hat mein Vater geweckt, der sich für Aktien interessiert hat. Dann habe ich mich intensiv damit beschäftigt, war beim Dotcom-Boom dabei, habe meine Lektion gelernt im Dotcom-Bust. Neben der Uni habe ich in Banken gearbeitet und dann im Research der Erste Bank begonnen. Dort habe ich das Handwerk der Analyse gelernt, um dann selbst ins Asset-Management zu gehen.

Wie viel haben Sie in die erste Aktie gesteckt?

Stöferle: 10.000 Schilling. Für einen 13-Jährigen war es gar nicht wenig. Ich habe immer viel gespart. Vielleicht sind das auch meine schwäbischen Wurzeln.

Herr Valek, waren Sie auch beim Dotcom-Boom dabei?

Mark Valek: Ich bin 1999 im Handelsraum der Raiffeisen Zentralbank gesessen und habe die Orders von euphorischen Privatanlegern an die Börse weitergereicht. Da habe ich alle möglichen Dotcom-Namen kennengelernt. Ich war besonders gescheit und musste auch zugreifen, obwohl bereits jeder gewarnt hat. Aber die Verlockung war so stark, dass ich meinen ersten Bausparer in diese Aktien gesteckt habe. Ich bin mit einem blauen Auge davongekommen. Das war eine lehrreiche Zeit.

Herr Stöferle, als Sie Analyst bei der Erste Bank waren, haben Sie für Gold ein Kursziel von 2300 Dollar gesehen. Jetzt sind es 1200. Ist Ihre Prognose gescheitert?

Stöferle: Nein, ich stehe weiter zu diesem Kursziel. Ich habe erstmals 2006 Gold empfohlen bei einem Kurs von 500 US-Dollar. Ich bin kein radikaler Goldfundamentalist. Ich glaube nur, dass Gold in jedes Portfolio gehört. Wir empfehlen zumindest fünf bis zehn Prozent. Auch hat sich die Stimmung gedreht. Das stimmt mich aus antizyklischer Sicht positiv.

Es stimmt Sie positiv, dass die Leute kein Gold kaufen wollen?

Stöferle: Es stimmt mich zuversichtlich, dass sehr viel Euphorie ausgepreist ist.

Sie werden sicher oft im Bekanntenkreis gefragt, wann der Goldpreis endlich Ihrer Prognose folgt. Nervt Sie das?

Stöferle: Nein. Ich bin Fan von Rapid Wien und Leiden daher gewöhnt. Beim Gold ist es ebenso. Es sind schwierige Zeiten, und es werden wieder bessere kommen.

Haben Sie selbst Gold?

Stöferle: Natürlich. Ich habe auch für jede meiner zwei Töchter zur Taufe Gold gekauft. Das bekommen sie, wenn sie 18 sind. Ich bin überzeugt, dass die Kaufkraft von Gold dann signifikant höher sein wird.

Haben Sie mehr als fünf bis zehn Prozent?

Stöferle: Ich persönlich habe schon mehr. Einen Großteil meines Vermögens habe ich aber in den eigenen Fonds investiert. Die Amerikaner nennen das „skin in the game“.

Wie sind Sie zu Ihrer Anlagephilosophie gekommen?

Valek: Ich habe Fonds bei Raiffeisen Capital Management gemanagt und war auch zuständig für die Selektion von Drittfonds. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, wie Geld entsteht, desto mehr habe ich festgestellt, wie wenig Ahnung die Praktiker, die sehr viel Geld verwalten, von der theoretischen Komponente haben. Zudem habe ich mich mit dem Studium der Österreichischen Schule der Nationalökonomie beschäftigt und gemerkt, dass es keinerlei Anlagephilosophie gibt, die in der Praxis diese Gedanken berücksichtigt.

Jetzt müssen Sie in Österreich erklären, was die Österreichische Schule der Nationalökonomie ist.

Valek: Die Österreichische Schule der Nationalökonomie entstand vor knapp 150 Jahren und ist leider in Vergessenheit geraten. Sie wurde gegründet von Carl Menger, weitergeführt von Eugen von Böhm-Bawerk, der auch auf dem 100-Schilling-Schein abgebildet war, Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek. Die haben sich mit dem Thema Geld auseinandergesetzt, welche Effekte es hat, wenn Geld aus dem Nichts geschöpft wird. Viele Probleme haben sie auf Facetten des damaligen Geldsystems zurückgeführt, die im heutigen Geldsystem noch viel ausgeprägter sind.

Wie schlägt sich das nieder in Ihrer Anlagestrategie?

Stöferle: Wir haben im Moment ganz klar mit systemischen Problemen zu kämpfen. Was Politik und Notenbanken machen, ist reine Symptombekämpfung. Ein wesentlicher Aspekt ist, dass man den Cantillon-Effekt verstehen muss ...

Das müssen Sie auch erklären.

Stöferle: Dass die Geldschöpfung nie neutral ist. Hayek hat das verglichen mit einem Honigpfropf, der sich langsam verteilt, und diejenigen, die zu Beginn den Honig bekommen, profitieren davon. Die außen sitzen, erhalten den Honig erst spät zu den gestiegenen Preisen. Wir verstehen Inflation nicht als gestiegene Preise an der Tankstelle, sondern als Ausweitung der Geldmenge. Wir schauen, wie viel monetäre Inflation in die Finanzmärkte und wie viel in die Realwirtschaft geht. Wenn man– wie im Moment– Disinflation (sinkende Teuerungsraten, Anm.) sieht, tun sich Gold und Silber schwerer. Deswegen sind wir in solchen Phasen auch in Cash. Derzeit gäbe es eine stark deflationäre Systemreinigung, wenn die Notenbanken nicht massiv intervenierten. Die Interventionen führen vorerst zu Vermögensinflation bei Aktien, Kunst und Immobilien. Die Preisinflation, also die Teuerung, wird früher oder später auch kommen.

Die derzeitige Situation, dass die monetäre Inflation nicht auf die Preise überspringt, hält schon sehr lange an. Warum?

Valek: Das Bankensystem ist seit 2008 lädiert. So bleibt die Liquidität hängen und kommt nicht an als Kredite bei Unternehmen. Aber die niedrigen Zinsen haben den Effekt, dass Anleger massiv nach Rendite gieren und über ihre Risikotoleranz hinaus in Anlageklassen strömen und diese aufblasen.

Was würde sich ändern, wenn die Anleger das alles wüssten und danach handeln würden?

Stöferle: Man sieht bereits, dass die Leute vieles hinterfragen. Die Österreichische Schule, die konträr ist zu den Keynesianern, die erlebt ihren Aufschwung. Wir haben Anfragen von überall aus der Welt. Bei Unternehmern ist die Österreichische Schule oft intuitiv präsent, da sie wissen, dass man sich nicht reich konsumieren kann, sondern dass Sparen und Investition die Basis für Prosperität sind.

Valek: Es ist so, wie Henry Ford gesagt hat: Wenn die Leute wüssten, wie das Geldsystem funktioniert, gäbe es eine Revolution. Wenn die Leute verstünden, wie sie über das Geldsystem sukzessive enteignet werden, wäre ihnen bewusst, dass man das Geldsystem ändern muss.

Müssen wir Angst vor der Zukunft haben?

Valek: Gar nicht, wir können uns darauf freuen. Wir diskutieren erstmals Themen, die wir in der Schule nicht gelernt haben: Wie entsteht Geld? Allein das Thema Bitcoin hat viele zum Nachdenken bewegt. Bitcoin ist eigentlich nichts wert, aber dann kommt gleich die Frage: Was ist unser normales Geld wert?

Stöferle: Klassische Investments werden in den nächsten 20 Jahren anders aussehen als in den letzten 20 Jahren. Wenn man sich ein ausgewogenes Portfolio anschaut, besteht das aus 80 Prozent Staatsanleihen und 20 Prozent Aktien. Da würde ich mir auf Sicht der nächsten 20 Jahre nicht den großen Anlageerfolg erwarten. Wenn man das Bewusstsein hat, kann man von systemischen Krisen profitieren.

ZUR PERSON

Ronald Stöferle (zuvor Analyst für Gold und Öl bei der Erste Group) und

Mark Valek (zuvor Raiffeisen Capital Management) sind Partner der Incrementum AG und betreuen seit heuer den Austrian Economics Golden Opportunities Fund. Gemeinsam haben sie auch ein Buch geschrieben: „Österreichische Schule für Anleger“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2014)