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10 Jahre Tsunami: Als die Flut den Konsum brachte

Raphael Barth hat einen ganzen Film über die Folgen der Tsunami-Hilfe für die Nikobaren gedreht – ohne die abgeschotteten Inseln je zu betreten.
Raphael Barth hat einen ganzen Film über die Folgen der Tsunami-Hilfe für die Nikobaren gedreht – ohne die abgeschotteten Inseln je zu betreten.Die Presse
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Filmemacher Raphael Barth hat einen Film über die Nikobaren gedreht – und darüber, was falsche Hilfe anrichten kann.

Die Nikobaren: Manche wissen gar nicht, wer, was oder wo das ist. Für Raphael Barth waren die Inseln im Golf von Bengalen seit jeher ein Traumland. „Das Verborgene, wo ich immer gerne hingefahren wäre, wo man aber nicht hinkommt.“

Bis heute war der Filmemacher nicht dort – und das, obwohl er gerade nach siebenjähriger Arbeit einen Film über die Nikobaren und ihre Bevölkerung fertiggestellt hat. Das verwundert nur auf den ersten Blick. Denn auf die Nikobaren darf man nicht reisen, sie wurden von der indischen Regierung gesperrt, um die Urbevölkerung vor der Zivilisation zu schützen.

Doch die Zivilisation ließ sich nicht aufhalten, sie kam 2004 mit dem Tsunami: Die katastrophale Welle brachte nicht nur Tod und Verwüstung, sondern in der Folge auch einen Schwall an NGOs. Und mit ihnen kamen all die Dinge, die die Nikobaresen vorher nicht gebraucht haben: Geld etwa, Plastikflaschen, Fast Food – neben vielem anderen, das nur im ersten Moment hilfreich schien. Wellblech als Ersatz für die schilfgedeckten Hütten – bei 35 Grad. Oder jede Menge Decken – bei 35 Grad.

Dabei, sagt Raphael Barth, hatten die Nikobaresen sogar formuliert, welche Art von Hilfe sie gebraucht hätten: nämlich Werkzeug, Schutz vor dem Monsun und ihre üblichen Nahrungsmittel. Stattdessen kamen Produkte, die sie nicht kannten, und illegale Händler. „Die Nikobaresen“, sagt Barth, „wurden zu Konsumenten gemacht – ohne die Möglichkeit, das nötige Geld zu erwirtschaften.“ Vor dem Tsunami hatten die Menschen nur eine Stunde am Tag gebraucht, um ihre Bedürfnisse zu decken – und jede Menge Zeit für ihre vielfältige Kultur.

Bezug zu Österreich haben die Inseln schon lang: 1878 bis 1883 waren sie Österreichs erste und einzige Kolonie. Heute lebt hier einer ihrer besten Freunde: Seit er 1999 nach Wien ans Institut für Soziale Ökologie kam, hat der indische Anthropologe Simron Jit Singh die Nikobaren erforscht, hatte als einer der ganz wenigen Zutritt. Nach dem Tsunami bat man ihn um Hilfe, seine Aufzeichnungen sind wichtige Dokumente einer teils weggeschwemmten Kultur. 2006 brachte Singh mit dem Journalisten Oliver Lehmann eine Bilddokumentation über Alltag und Riten der Nikobaresen heraus – auch als eine Art Handbuch für sie selbst.

Filmemacher Barth stieß kurz nach dem Tsunami dazu. Für das von André Heller initiierte Künstlerhilfsprojekt „Austria for Asia“ produzierte er etwa das Musikvideo. Mit seinem Film wollte er ursprünglich die fremde Kultur „auf Augenhöhe porträtieren“. „Aber Simron hat mich überzeugt, dass das brennendere Thema die fehlgelaufene Hilfe ist.“ Die ist nun, zehn Jahre nach dem Tsunami, abgeschlossen. „Jetzt beginnt die Zeit, in der sich die Nikobaresen selbst helfen.“ Inklusive der Frage: Wieder aussteigen – oder eine eigene Wirtschaft entwickeln?

Gearbeitet hat Barth mit Bildmaterial von Simron Jit Singh; auf den benachbarten Andamanen traf er Nikobaresen. Für den Filmemacher berührt der Film „das Grundthema meines Lebens, nämlich Selbstbestimmung“. In Deutschland startet gerade seine Produktion „Everyday Rebellion“, die gewaltlosen Widerstand gegen Diktaturen porträtiert. „Wir haben viele solcher Themen, weil es uns wichtig ist, in der Gesellschaft etwas zu bewegen.“ Immer schon, erzählt er, wollte er lieber die Menschen filmen. Seine erste Dokumentation, über Sonnenfinsternis in Rumänien, drehte er mit Arash T. Riahi, der heute sein Partner in der Produktionsfirma Golden Girls ist. Der Name stammt noch aus der gemeinsamen Zeit beim ORF – als man als Junger bei den Cuttern nur nachts Chancen hatte, während Wiederholungen alter Serien liefen.

Am Dienstag feiert „Aftermath“ nun im Weltmuseum Österreich-Premiere. Von hier aus soll es weitergehen, weltweit wurde Interesse signalisiert. „Mein Ziel ist es, eine öffentliche Diskussion loszutreten, in welcher Art kulturell adäquate Hilfe möglich ist.“

ZUR PERSON

Raphael Barth wurde in München geboren und lebt seit 1987 in Wien. Er hat Biologie studiert, in der Jugendredaktion des ORF gearbeitet und dessen Onlineredaktion mit aufgebaut. 2000 bis 2007 produzierte er Musikvideos und Werbung, seit 2007 für Kino und TV-Langformate. Gemeinsam mit Arash T. Riahi führt er die Produktionsgesellschaft Golden Girls. Zu deren jüngeren Projekten zählen neben „Aftermath“ u. a. „Mama illegal“ von Ed Moschitz, „Everyday Rebellion“ oder demnächst „Global Shopping Village“. www.aftermath-diezweiteflut.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2014)