Fußballrasen: Ohne Gatsch und dreckige Stutzen?

Bei der Euro wird auf Naturrasen gekickt, bei der WM will die Fifa ausschließlich auf Kunstrasen spielen lassen. Was ist besser, fragte die „Presse“ den Boku-Biologen Florin Florineth.

WIEN. Naturrasen oder Kunstrasen fürs Fußballspiel? Für den Ingenieurbiologen und Fußball-Puristen Florin Florineth ist es als würde man die italienische gegen die österreichische Nationalmannschaft antreten lassen: Ein klares 1:0 für den Naturrasen.

Auch der europäische Fußballverband Uefa gibt dem Naturrasen den Vorzug. Aus diesem Grund musste im Salzburger Stadion Wals-Siezenheim – wo Titelverteidiger Griechenland seine Vorrundenspiele absolviert – auf den bestehenden Kunstrasen ein Naturrasen verlegt werden. Naturrasen hat aber auch seine Nachteile: Er benötigt sehr viel Pflege – und gehört damit in die Hände eines versierten Platzwarts, neudeutsch „Greenkeeper“ genannt.


Wenn die Spieler mal grätschen

Damit die Spielfläche nicht an einen Kartoffelacker erinnert, müssen „zunächst einmal Bodenaufbau und Unterbau passen“, erklärt Florineth. „Je wasserdurchlässiger, desto weniger zusätzliche Drainageschichten sind notwendig.“ Bei Neuanlagen wird Rasen meist gesät, während sich Rollrasen für Sanierungen gut eignet.

Dann beginnt die Routinearbeit des Platzwartes: Der Biologe empfiehlt, das Rasengrün „alle zehn bis 14 Tage sehr stark zu beregnen (20-25 Liter/m), damit die Graswurzeln weit nach unten austreiben.“ Je tiefer die Wurzeln gehen (optimal sind zehn bis 15 Zentimeter), desto höher ist die Scherfestigkeit: Sie sorgt dafür, dass der Rasen stabil bleibt und sich nicht vom Boden löst, wenn die Spieler mal grätschen.

Laut Florineth wird die Arbeit der Platzwarte dadurch erschwert, dass Architekten bei der Planung des Stadions nicht auf die Bedürfnisse der Pflanzen achten. „Das Stadion muss von Anfang an so geplant sein, dass genügend Licht einfällt und die Luft zirkulieren kann – Eigenschaften, die ja auch für die Besucher ganz angenehm sind.“ Hier wünscht er sich ein besseres Zusammenspiel zwischen Architekten und Vegetationstechnikern. „Planer und Architekten rücken die Zuschauer näher ans Geschehen heran. Bei geschlossenen, kesselförmigen Konstruktionen mit steilen Tribünen fehlt es der Grünfläche allerdings an Licht und Luft.“


Rasen auf Sommerfrische

In Holland wurden mobile Belichtungsanlagen entwickelt, die sogar im Winter Wurzelwachstum garantieren sollen. Anderswo, so Florineth, werden riesige Ventilatoren eingesetzt, damit die Luft zirkulieren kann. Auf „Sommerfrische“ geht der Spielfeldrasen der deutschen Veltins-Arena: Zwischen zwei Matches wird das Grün mittels Schienen nach draußen geschoben um Sonne und Luft zu tanken.

Der Normalfall sieht anders aus: Um den Boden ausreichend mit Luft zu versorgen, bohrt der Platzwart zentimetertiefe Löcher in die Erde und füllt diese mit Sand auf. Eine verwandte Maßnahme ist das Vertikutieren: Die Grasnarbe wird angeritzt, um Moos und Mulch zu entfernen. Damit ist es freilich nicht getan. Der Rasen muss geschnitten, mit Nährstoffen gedüngt und von Schädlingen befreit werden. Bei gröberen Mängeln kommt Nachsäen, Tiefenlockern, Tiefenbohren und Schlitzen dazu. Derart gehegt und gepflegt kann der Rasen – je nach Spielintensität – etwa 20 Jahre bespielt werden.

Eine andere Strategie verfolgt der internationale Fußballverband (Fifa): Er forciert die Verbreitung des künstlichen Grün – die WM 2010 soll ausschließlich auf Kunstrasenplätzen ausgetragen werden. Der Kunstrasen sei pflegeleichter und habe seine Kinderkrankheiten, wie Verbrennungen an der Haut und Abschürfungen, überwunden, heißt es als Begründung.

Bloß einmal pro Woche muss der Platz gebürstet werden, damit sich das Gummigranulat gleichmäßig verteilt. Bewässert werden muss der Kunstrasen lediglich in sehr heißen Sommern. Dazu kommt, dass der künstliche Rasen auch bei schlechter Witterung bespielbar ist und Stadien besser ausgelastet werden können. Damit macht der Einsatz von Kunstrasen vor allem unter bestimmten klimatischen Bedingungen Sinn: Etwa in nordischen Ländern, die einen sehr langen Winter haben.

Freilich stehen auch kommerzielle Interessen hinter dem Fifa-Plan: Die mit Sand- und Gummigranulat aufgefüllten Polyethylenfaser sind zum forschungsintensiven Hightech-Produkt mit starker Lobby geworden.

Nicht zu vergessen ist die ökologische Seite: Die Produktion von Kunstrasenfasern kostet viel Energie und der Rasen selbst versiegelt knapp einen Hektar Boden – dadurch kann keine natürliche Transpiration stattfinden kann, der Kunstrasen heizt sich auf. „Außerdem kann man Kunstrasen nicht kompostieren, somit fallen pro Spielfeld 90 Tonnen Sondermüll an,“ so der ehemalige Fußballspieler Florineth. Und was passiert, wenn Kunstrasen Feuer fängt? „Bei einem Brand können gefährliche Dioxine frei werden.“


Geduld und Pflege lohnen

Noch ein Grund warum sich Geduld mit und Pflege von Naturrasen durchaus lohnen: das subjektive Empfinden der Spieler. Einige Fußballer sind überzeugt, dass sich der Ball auf Kunstrasen anders verhält. Und was ist schon Fußball ohne den Geruch frischer Gräser, ohne Gatsch und dreckige Fußballstutzen?

Wenn Florin Florineth das Spiel Österreich – Deutschland verfolgt, kann er sich wenigstens auf eines verlassen: die siegreichen Torschützen werden Wiesenrispe küssen und nicht Polyethylenfaser.