Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Missy, Pop und das F-Wort

(c) Missy
  • Drucken

Warum die Journalistin Sonja Eismann gemeinsam mit zwei Kolleginnen ihr eigenes Pop- und Lifestyle-Magazin gegründet hat.

Genervt hat es Sonja Eismann schon lange: Wenn sie als Pop-Aficionada in ihren Lieblingsmagazinen die immer gleiche alte Geschichte von der Frau als der großen Unbekannten des Popbusiness präsentiert bekam. Diese Fragen, die Künstlerinnen gemeinhin gestellt werden: Wie ist das so, als einzige Frau zwischen lauter Männern? Stimmen Sie Ihre Gitarre eigentlich selbst? Klischeehaft fand sie das, und noch schlimmer: langweilig.

Gemeinsam mit den beiden freien Journalistinnen Chris Köver (29) und Stefanie Lohaus (30) hat Eismann, Jahrgang 1973, nun ein eigenes Magazin gegründet. Das „Missy Magazine“ soll Missverständnisse über Frauen im Pop beseitigen: Als Hochglanzzeitschrift, die über Pop und Lifestyle aus feministischer Sicht berichtet.

„Wir sind alle in der Popkultur sozialisiert, aber waren traurig, dass niemand zu uns spricht“, sagt Kulturwissenschaftlerin Eismann, die vier Jahre lang Redakteurin bei der Kölner Musikzeitschrift „Intro“ war. Sie glaubt, dass es vielen jungen Frauen, die sich in zeitgenössischen Musikszenen bewegen, ähnlich gehe.

Weibliche Popvorbilder gebe es für diese Generation en masse: Topstars wie Madonna, Missy Elliott oder Björk, aber auch weniger bekannte Underground-Bewegungen wie die punkig-anarchischen Riot Grrrls der frühen Neunziger. Allein die Berichterstattung, so die Kritik, hinke der weiblichen Popbelegschaft hinterher.

Missy will nun versuchen, diese Lücke zu füllen – ohne erhobenen Zeigefinger und Betroffenheitsschreibe, wie Eismann betont, sondern mit Witz und Ironie. Auch die Verniedlichung „Missy“ möchte Eismann nicht girliehaft-süß verstanden wissen: „Es ist eine Ironisierung von diesem ganzen „Young Miss“-Kram“, meint sie, „und ein Rekurs auf afroamerikanische Frauen, die sich selbst ganz cool als ,Missy‘ ansprechen.“ Vorbilder – nicht nur für die offensive Namenswahl – gibt es: Auf dem US-amerikanischen Zeitschriftenmarkt tummeln sich seit einigen Jahren ähnliche Publikationen, deren grelle Namen – „Bust“ (Oberweite) oder „Bitch“ (Schlampe) – ein entsprechendes Selbstverständnis anklingen lassen.

Berührungsängste mit Tabuthemen der Frauenbewegung kennen Eismann und Kollegen nicht – und so wird es in „Missy“ statt Verteufelung auch Modestrecken und Schminktipps geben – wenn auch „alternative“.

Klingt nach Minderheitenprogramm? Nein, meinen zumindest die Herausgeberinnen. Ihren Vertrieb, Gruner+Jahr, konnten sie von der Unternehmung überzeugen. Produziert wird das 100-Seiten-Heft in Eigenregie im selbst gegründeten Verlagshaus. Am 20. Oktober wird die Zeitschrift erstmals in Österreich, Deutschland und der Schweiz an größeren Kiosken erhältlich sein. Wenn das Anzeigengeschäft läuft, künftig viermal jährlich.

Was einige erstaunen dürfte: In Missys Welt gibt es auch Platz für Männer. Etwa in „Das andere Geschlecht“, einer Kolumne, in der „vorbildliche“ Männer vorgestellt werden, wie (offenbar) Dietmar Dath, Poptheoretiker und Exchefredakteur der Musikzeitschrift „Spex“. Männliche Autoren können für Missy schreiben, solange sie in die Quote passen: Für 80 Prozent des Heftes sollen Frauen verantwortlich sein. „Genau umgekehrt als sonst“, erklärt Eismann, die diese Prinzipien nicht altmodisch, sondern notwendig findet.

In einem anderen Punkt sind die Popfeministinnen ganz von der alten Schule: Warum überhaupt ein Magazin – ganz traditionell auf Papier? Eismann: „Wir glauben eben an den Printjournalismus.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2008)