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Ehemaliger Stasi-Offizier: "Ich bin weiß Gott kein Held"

Harald Jäger
(c) imago/Sven Lambert (imago stock&people)
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Als Stasi-Offizier traf Harald Jäger im November 1989 eine historische Entscheidung: Er öffnete den Grenzbalken in Ostberlin. Die Welt war fortan eine andere, auch seine eigene.

Zwei neongrüne Laserlichtstrahlen durchschneiden den Nachthimmel über der Berliner Karl-Marx-Allee. Vor dem Kino International ist ein roter Teppich ausgerollt, davor ein Grenzbalken errichtet, der die historische Novembernacht vor 25 Jahren evozieren soll. Für die Premiere des TV-Films „Bornholmer Straße“, der die Grenzöffnung als tragikomische Farce schildert, haben die Produzenten tief im Fundus gekramt: Vom Ende der kommunistischen Ära in Deutschland zeugen in den Vitrinen Dienstpläne des Grenzpersonals, blaue DDR-Pässe, ein rotes Telefon und Kekse der Marke Othello.

Im Rampenlicht posieren zwei Männer, der eine in salopp-professioneller Manier, der andere eher scheu und ungelenk: der Schauspieler Charly Hübner in der Hauptrolle des Oberstleutnants Harald Schäfer und Harald Jäger in hellgrauem Sakko und schwarzer Hose als Original, als Alter Ego der Filmfigur. Hin- und hergerissen zwischen Pflichterfüllung und der Panik vor einem Blutbad und nach stundenlangem Zuwarten gab 1989 der Parteisoldat Jäger als diensthabender Offizier um halb zwölf Uhr Mitternacht eigenmächtig den Befehl, die Grenze zu öffnen. „Wir fluten jetzt“, lautete die Parole in der hölzern-bürokratischen Diktion der DDR-Grenzbeamten.

Die Geschichte hat dem heute 71-Jährigen für wenige, doch entscheidende Stunden eine Hauptrolle zugewiesen, in seiner Hand lag das Schicksal einer bis dahin friedlichen Revolution. Als der Moderator den Zeitzeugen am Ende des Films – ehe eine Soljanka, eine scharfe Suppe, als DDR-Reminiszenz kredenzt wird – auf die Bühne bittet, wehrt dieser die Ovationen ab. Er hat sich einen Stehsatz zurechtgelegt. „Ich bin weiß Gott kein Held. Helden waren die, die vor uns standen.“


„Geistiger Dünnschiss.“ Nun geht ihm das recht routiniert über die Lippen, zumal ihn jedes Mauerfalljubiläum ins Scheinwerferlicht rückt. Der Film basiert nicht zuletzt auf Gerhard Haase-Hindenbergs Buch „Der Mann, der die Mauer öffnete“. „Eine Beichte“, wie Jägers Bruder meint, für ihn selbst eher so etwas wie eine Gesprächstherapie, bei der er sich alles von der Seele redete. Der Autor brachte Jäger kurz vor Antritt von dessen Pension zum Räsonieren über das DDR-System und die eigene Verstrickung als Stasi-Offizier. Dass etwas gewaltig schieflief, will er erst bemerkt haben, als er in den 1980ern von den Minen und Selbstschussanlagen an der Grenze erfahren und sein Sohn begonnen hat, kritische Fragen zu stellen.

Unscheinbar liegt die Böse-Brücke über den S-Bahn-Gleisen an der Bornholmer Straße. Heute trennt sie die Bezirke Wedding und Pankow, einst trennte sie zwei Welten. Wo 1989 die DDR-Grenzübertrittsstelle gewesen ist, breitet sich heute ein Billigsupermarkt samt Parkplatz aus, und an die ominöse Grenze erinnern einige Mauerblöcke, Schautafeln und ein Gedenkstein.

In den Abendstunden des 9.11.89 schwoll die Menge der ausreisewilligen DDR-Bürger – im Grenzerjargon „Wildschweine“ – auf 20.000 Menschen an, viele steckten im Trabistau fest. Nach der legendär-verklausulierten Erklärung des Regierungssprechers Günter Schabowski wollten sie ihr Glück versuchen, das Regime beim Wort nehmen, zusätzlich angestachelt von der Spitzenmeldung des Westfernsehens („DDR öffnet Grenze“). Im Bundestag in Bonn stimmten die Abgeordneten enthusiasmiert die Nationalhymne an.

„Der physische Druck der Massen war enorm“, erinnert sich Jäger im Interview – und der psychische lastete nicht minder auf ihm: „Jetzt bist du allein, jetzt musst du handeln.“ Ihn habe die Angst getrieben, dass einer seiner Leute die Nerven verlieren würde. „Alles schien möglich in dieser Nacht.“ Es herrschten heillose Konfusion und Anarchie, die Menschen skandierten: „Tor auf! Wir wollen rüber!“ Um das Ventil zu öffnen, ließ Jäger zunächst nur einige wenige passieren, was den Volkszorn erst recht zum Kochen brachte.

Im Film – wie in der Realität – plagen den damals 46-Jährigen arge Blähungen, was im Publikum für Heiterkeit sorgt. Als Jäger die Worte Schabowskis zu Ohren kamen, tat er dies noch als „geistigen Dünnschiss“ ab. Im Lauf des Abends, erzählt er, habe er sich nach hektischen Anrufen aber von den Vorgesetzten zunehmend im Stich gelassen gefühlt. Sie seien abgetaucht gewesen. „Da brach für mich alles zusammen. Ich war vom System schwer enttäuscht. In jener Nacht lernte ich mehr als in den Jahren zuvor bei allen Schulungen.“


Erst einmal nach Bornholm. Wie die meisten seiner Landsleute hat auch Harald Jäger die Reisefreiheit ausgekostet. Als Erstes fuhr er auf die dänische Insel Bornholm, dann nach Norwegen, Österreich und in die Türkei: „Es ist gut, dass es so gekommen ist.“

Die Euphorie, die grenzenlose Freude, der überschäumende Jubel, die Sektlaune überwiegen in seiner Erinnerung. Als er all dies am nächsten Morgen brühwarm seiner Frau erzählte, hielt sie ihn für verrückt. Der DDR weine er keine Träne nach, die schönen Momente mag er indessen nicht missen. „Es hat zehn, zwölf Jahre gedauert, bis ich mich mit der Bundesrepublik identifiziert habe.“ Dass im Kapitalismus nicht alle auf die Sonnenseite fallen, war ihm aber von Anfang an klar.

Er hat seinen Frieden mit sich und der Welt gemacht, im Schrebergarten in Werneuchen, ein wenig außerhalb von Berlin, den er noch zu DDR-Zeiten beantragt hat und in dem er sich so wohlfühlt. Der ehemals so beflissene Stasi-Mann, der an die Verheißungen des Sozialismus glaubte, wollte in seiner Rente nichts wie raus aus dem Plattenbau in Hohenschönhausen, weg aus der Stadt und „dem ganzen Getriebe“ – durchaus auch aus finanziellen Gründen: Die Miete wurde zu teuer.

Erst einmal gehört er zu den „Wendeverlierern“: „Alles war Neuland.“ Der Degradierung und Versetzung zu den Grenztruppen folgen fast zwei Jahre Arbeitslosigkeit. „Wer nimmt schon einen Stasi-Offizier? Das war ein Absturz ins Bodenlose. Es ging rauf und runter.“ Jäger rappelt sich auf, schlägt sich als Zeitungs-, Eisverkäufer durch, übernimmt einen Kiosk und endet – ironischerweise – als Wachmann einer Sicherheitsfirma, ehe er sich mit einer kleinen Rente zur Ruhe setzt. Sein Fazit: „Ich habe mehr gewonnen als verloren. Ich bin ganz zufrieden mit meinem Leben.“

Von den Genossen, den Kollegen von einst habe er sich distanziert, sagt er. Die Ideale hat der gebürtige Sachse aus Bautzen, Sohn eines glühenden Kommunisten, indes nicht ad acta gelegt: „Mein Herz schlägt links.“ Inzwischen gilt seine Sympathie jedoch fast mehr den Grünen als der Linkspartei.

LEXIKON

9. November 1989
Mit einer gewundenen Erklärung über die neue Reisefreiheit für DDR-Bürger bei einer Pressekonferenz in Berlin stiftete DDR-Regierungssprecher Günter Schabowski am Abend heillose Verwirrung. „DDR öffnet die Grenze“, lautete die Spitzenmeldung im Westfernsehen.

Bornholmer Straße Vor dem Grenzübergang Bornholmer Straße im Ostberliner Stadtteil Prenzlauer Berg drängten sich 20.000 Menschen. Um 23.30 Uhr hob sich der Grenzbalken, der diensthabende Offizier, Harald Jäger, ordnete an: „Wir fluten jetzt.“ Der TV-Film „Bornholmer Straße“ erzählt die historische Nacht als Farce (ARD, 5.November, 20.15Uhr)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.11.2014)