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Drachen im Film: Feuer speien muss er schon

(c) Disney
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Von Gilgamesch bis „Hexe Lilli“, Drachen züngeln in allen Kulturen. Wie kommen sie in unsere Köpfe?

"Ich bin kein Dino, ich bin ein Flugdrache! Und natürlich habe ich echte Haut – was denn sonst?" So empört sich der herzige Drache Hektor in „Hexe Lilli – Der Drache und das magische Buch“, der nun erstmals verfilmten erfolgreichen Trashromanserie für Siebenjährige. Klar, Hektor ist kein Dino. Die Dinosaurier sind schließlich vor 60 Millionen Jahren ausgestorben. Hektor ist ein Drache, und Drachen gibt es überhaupt nicht, respektive nur in Mythen und Sagen (und Trashromanen für Kinder). Aber was ist ein Drache? Und wie kommt er in die Mythen und Sagen, und zwar so gut wie aller Kulturen? Marduk und Zeus, Siegfried und der heilige Georg, Baal und Beowulf, ihnen allen machen Drachen das Leben schwer. Sogar in chinesischen Mythen – in denen die Drachen meist eher Glück bringen und fast göttlichen Status haben – gibt es Drachentöter.

Das deutsche Wort „Drache“ kommt vom griechischen „drákon“, das heißt Schlange. Doch ein Drache ist keine Schlange, zumindest nur zum Teil. Schlangen haben weder Beine noch Flügel, Drachen meist schon. Aber sie sind auch keine Krokodile, obwohl ihr Maul danach aussieht, und Säugetiere schon gar nicht, obwohl ihr Kopf oft an Löwen erinnert. Sie sind einfach Drachen, und wenn man sie in die Systematik der Tiere einordnet, protestieren sie, indem sie Feuer speien ...

Es gibt drei Erklärungen für die mythische Allgegenwart der Drachen, und alle drei haben ihre Schwächen. Zunächst eine sozusagen archäologische Erklärung: Knochenfunde von riesigen Tieren – von Dinosauriern oder auch von eiszeitlichen Großsäugern – inspirierten die Menschen zur Vorstellung von Drachen.

Echse mit Mundgeruch. Der Haken daran: Viele wichtige „Features“ der Drachen – von der (gespaltenen) Zunge angefangen – lassen sich nicht aus dem Skelett ableiten. Oder sind die Drachen doch real existierenden Tieren nachempfunden? Am häufigsten genannt wird der Komodowaran, eine 70 Kilo schwere Echse mit gespaltener Zunge und ausgesprochen unsympathischen Eigenschaften. So hat sie derart bakteriell verseuchte Zähne (und entsprechenden Mundgeruch), dass sie ihr Opfer nur ein wenig beißen muss. Dann wartet sie, bis es an Vergiftung verreckt ist, und frisst das Aas. Allerdings leben die Komodowarane nur auf einigen indonesischen Inseln, und wir kennen auch keine Indizien dafür, dass sie früher weltweit verbreitet waren. Das macht sie als Drachenvorbilder unglaubwürdig, schließlich war der Indonesien-Tourismus in der Altsteinzeit noch eher unterentwickelt.

Die dritte Erklärung ist die abenteuerlichste. Vielleicht ist das fürchterliche Bild von Dinosauriern in den Genen gespeichert? Das ist nicht ganz so absurd, wie es klingt: Es gibt wohl Wissen über Formen, das quasi angeboren ist, auch bei Menschen; man denke nur an die Vorlieben für bestimmte Körperformen beim jeweils anderen Geschlecht. Und die Bedrohung durch die riesigen Echsen war für unsere Säugetiervorfahren – die damals noch klein und nachtaktiv waren – so existenziell, dass es gewiss ein Vorteil war, die Dinosaurier „instinktiv“ zu erkennen. Es ist nur sehr fraglich, ob eine solche genetische Prägung 60 Millionen Jahre „überleben“ kann, in denen die Gefahr nicht mehr real ist.

Zur Süßlichkeit verniedlicht. In der Kinderliteratur leben Drachen und Dinosaurier – wenn es nicht, siehe oben, zu beleidigenden Verwechslungen kommt – in friedlicher Koexistenz. Beide werden oft bis zur Süßlichkeit verniedlicht. Einer der berühmtesten Drachenklassiker für Minis ist „Grisu“, der seinen Vater entsetzt, weil er unbedingt Feuerwehrmann werden will; die italienische Zeichentrickfigur stammt aus dem Jahr 1975. Neuer ist z.B. „Der kleine Drache Kokosnuss“ von Ingo Siegner, ein Buch über skurrile Vorkommnisse auf einer Menschen weithin unbekannten Dracheninsel (CBJ-Verlag). CBJ ist einer der besten Kinder- und Jugendbuch-Verlage und gehört zu Bertelsmann. Gibt man auf seiner Homepage „Drachen“ ein, erscheinen 106 Titel. Gibt man „Dinosaurier“ ein, sind es nur sieben. Ein Grund: Durch Steven Spielbergs „Jurassic Park“ (1993) wurde das Dino-Feld in allen Medien weidlich abgegrast. 2010 kommt trotzdem Nr. 4 der Dino-Saga ins Kino. Ihr Star ist der supergrausige T-Rex, Tyrannosaurus Rex, böser als die bösesten Drachen, ein tolles Vieh.

C.G.Jung, Freuds Gegenspieler mit Hang zu Mythen und Märchen, hätte seine Freude an T-Rex als Vorbild des Drachen, galt ihm dieser doch als Symbol für das Ungezähmte, Böse im Menschen. In der Esoterik, die sich aus dem Reservoir der Mythen und Märchen unterschiedlichster Kulturen, von den Hopi-Indianern bis zum Fernen Osten, bedient, hat der Drache seinen festen Platz – wobei die berühmte „Gefiederte Schlange“ von den Azteken kommt: Quetzalcoatl ist deren Schöpfergott – nach ihm benannten Zoologen einen Flugsaurier. Wieder ein Konnex zwischen Dino und Drache.

In christlichen Legenden hat der Drache nie etwas Gutes. Erzengel Michael tötete den Drachen – und damit wohl das gefährliche Ungezähmte: Verdrängung, auch nicht das Wahre.

Räucherstäbchen und Kerzenständer. Das Selbstbewusstsein stärken soll die „Reise auf dem goldenen Drachen“, eine Meditation für Kinder, genauso im Esoterikverlag Schirner erschienen wie das „Große Buch der Drachen“. Wer es plastisch will, kann sich seinen Drachen im Internet bestellen, als Halterung für Räucherstäbchen (22 Euro), als Buchstütze (26 Euro) oder als Kerzenständer (25 Euro). Die Adepten der Esoterik sind oft dieselben wie die Fans der Fantasy-Literatur. Dort ist der Drache ein Fixpunkt in vielen Geschichten. Die berühmteste der jüngeren Zeit ist „Eragon“ von Christopher Paolini, der ähnlich wie Potter-Schöpferin Joanne K. Rowling – in ihrem Epos ist der Drache nur eine Randfigur – ein eigenes Fantasieland entworfen hat. Dessen Schauplätze kann man im Internet anklicken, falls man keine Zeit hat, die dickleibigen Wälzer zu lesen; es gibt auch einen Film – und bald „Eragon“, Band vier.

Wer kulturgeschichtlich von der Drachologie profitieren möchte, greife zu Büchern wie „Der Rubindrache“ vom Briten Peter Ward (schon wieder CBJ) mit farbigen Schilderungen über Drachen im alten China. Oder zu „Hüterin des Drachen“ von der Australierin Carole Wilkinson (dtv junior): Sie erzählt von einem armen, geschundenen Sklavenmädchen, das zur Drachenhüterin wird, ein Beruf, der gewöhnlich eher Männern vorbehalten ist.

Wie man Drachen aufspüren und zähmen kann, vermittelt eine in der ars-edition erschienene, schön gestaltete Mappe zu einer Serie von Drachenbüchern. Hier tritt ein Drachenforscher namens Ernest Drake auf, der tatsächlich gelebt haben soll. In der Mappe ist auch ein 3-D-Drachenmodell, das echte Drachen anlocken soll, was ahnen lässt, dass der Verstand von Drachen ausgesprochen schlicht sein muss. Den entzückendsten Drachen aber gibt es im Animationsschlager „Shrek“, produziert von Disney-Flüchtling Jeffrey Katzenberg. Der Film macht sich über sämtliche Märchen und Mythen lustig – und hält das Individuum hoch, egal wie es ausschaut: So verliebt sich, konträr zu ihrem furchterregenden Erscheinungsbild, eine Drachendame in Shreks nervigen Freund, den Esel.

Mittler zwischen den Welten. „Die Engländer hatten schon immer die besten Kindergeschichten, das gilt auch für die Fantasy“, sagt Buchhändlerin Sigrid Ilgner-Pacher. „Britische Autoren wollen, anders als deutsche, keine Moral vermitteln, sie zeigen Probleme, wie sie sind, das Unlösbare und das Komische.“ Die gebürtige Berlinerin betreibt im achten Wiener Bezirk das „Pädagogik Buch-Zentrum“ und liest viele Kinder- und Jugendbücher: „Der Drache ist ein wichtiger Mittler zwischen der magischen und der realen Welt. Sein Charakter kann ebenso gut wie böse sein. Manchmal ist er auch wie Luzifer, der gefallene Engel.“ Die meisten Drachenbücher sind von sieben Jahren aufwärts zu haben, seltsam, geht doch eben in dieser Zeit die magische Phase im Leben der Kinder zu Ende. Doch irgendwann kehren sie wieder, die alten, die guten und die bösen Drachen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2009)