Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Ski & Co: Lieber alles selbst gestalten

Clemens Frankl und Dominic Haffner (v. l.) bauen Skier im 15. Bezirk in Wien.
Clemens Frankl und Dominic Haffner (v. l.) bauen Skier im 15. Bezirk in Wien.Die Presse
  • Drucken

Unikat statt Massenware, selbst designt statt vorgegeben. In einer Welt, in der Individualität mehr zählt als Gruppengeschmack, verkauft sich auch das Anpassen von Konsumgütern.

Das Gefühl völliger Freiheit, für einen Moment alles zu vergessen, nur das unendliche Weiß der Piste liegt vor einem: So stellt man sich den Anfang eines perfekten Skitags vor, wenn man kurz davor ist, in Richtung Tal zu brettern. Eine Portion Vertrauen gehört dazu, in sich selbst und in das Material, das einen sicher nach unten bringen soll. „Bei meinen eigenen Skiern weiß ich, was drin ist, denen vertraue ich voll“, sagt Dominic Haffner.

Haffner betreibt mit seinem Kollegen Clemens Frankl das Start-up Ünique Skis. Ihre Werkstatt befindet sich keine drei Minuten von der U-Bahn-Station Gumpendorfer Straße entfernt, wo sie seit nunmehr vier Jahren maßgefertigte Ski selbst herstellen. Vorausgesetzt man findet die Werkstatt im Hinterhof eines Backsteinhauses im 15. Bezirk.

Ünique Skis setzt damit auf einen Trend, der in den vergangenen Jahren immer mehr Anhänger gewonnen hat: Meist eher jüngere und internetaffine Menschen, die schon etwas besser verdienen, sind bereit, Geld in die Hand zu nehmen, um sich Waren personalisieren zu lassen. Damit werden nicht nur (vom Aussterben bedrohte) Handwerksberufe wiederbelebt, auch darf man sich selbst für kurze Zeit Designer nennen und sein Produkt mitgestalten. Ob maßgefertige Ski, selbst gestaltete Schuhe, Jeans, T-Shirts oder gar ganze Autos – alles soll den persönlichen „Touch“ erhalten.

Das haben auch Haffner und Frankl erkannt, als sie sich vor vier Jahren mit ihrer Idee selbstständig gemacht haben. Als Physiker, der als Patentanwaltsanwärter gearbeitet hat, ist Haffner beruflich gesehen noch näher am Fachgebiet dran als sein Mitgründer, Clemens Frankl, der seinen PR-Job für den Wintersport aufgegeben hat. Die Idee dafür wurde aus beider Leidenschaft für Skier geboren: Die Idee lag auf der Hand, nachdem die beiden seit früher Kindheit befreundet und über die Leidenschaft zum Skisport verbunden sind.

Nachdem sie ihre gesamten Ersparnisse in die Anschaffung einer Fräse gesteckt hatten, gab es keinen Weg zurück. Seither beschäftigen sie sich damit, Ski nach Maß selbst zu produzieren. Erst jetzt beginnen sie aber, ihre Arbeit zu bewerben.

Seit einer Woche kann man nun auf ihrer Website über den Online Konfigurator seine persönlichen Ski in Auftrag geben. Dieser wird an die eigenen Bedürfnisse angepasst, weshalb der Wintersportler auch weniger Kraft aufwenden muss, um die Bretter zu kontrollieren. Produziert werden die Skier nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch für Unternehmen: „Mit deren Logo für Gewinnspiele zum Beispiel“, so Frankl. Das Handwerk haben sie mit Hilfe von zwei Snowboardern erlernt. Die beiden stellen alles selbst her, sogar die Maschinen haben sie teilweise eigenhändig zusammengebaut. Drei ganze Tage benötigen sie, um ein Paar Ski fertig zu stellen. Das Design ist schlicht. Die Oberfläche besteht aus einem Holzfurnier und wirkt unheimlich retro.

 Welche Farbe hat der Daumen? Ünique Ski ist freilich nicht der einzige Betrieb in Wien, der auf die Individualität seiner seiner Kunden setzt. Dominik Thor hat mit seiner „Company of Glovers“ Anfang Dezember einen Online-Shop aufgemacht, in dem sich jeder Lederhandschuhe selbst gestalten kann. Vom Modell über die Farbe, das Material bis zu Nähten und Verzierung. Auf die Idee gebracht hat ihn sein Bruder, der spezielle Handschuhe für ein Kostüm gesucht, aber keine gefunden hat. „Kauf sie doch im Internet, da gibt es eh alles“, hat Thor, damals noch als Private Banker tätig, seinem Bruder geraten. „Hab ich schon, das gibt es nicht“, habe der geantwortet.

Das hat den heute 33-Jährigen zum Nachdenken gebracht. Wieso gibt es keine individuell gefertigten Handschuhe online zu kaufen, wo doch gerade der Online-Modehandel zu den boomenden Branchen zählt – mit jährlichen Wachstumsraten im zweistelligen Bereich?

Für Thor, der auch heute noch mit seinem Anzug als Private Banker durchgehen könnte, hat auch die Zeit gut gepasst. Der gebürtige Wiener war damals eher unzufrieden, nach sieben Jahren in der Bank sei es „Zeit für einen Wechsel gewesen.“ In eine ganz andere Richtung. „Als Private Banker verkauft man halt Produkte, die keiner angreifen kann“, sagt er. Jetzt sei es einmal ein gutes Gefühl, ein Produkt tatsächlich in der Hand zu halten.

Vor ihm liegen an diesem Tag fast zwanzig Damen- und Herren-Handschuhe in den unterschiedlichsten Farben auf dem Tisch: rosa, violette, graue, weiße, schwarze, braune. Viele sind zweifarbig (blau-grün) manche sind mit Nieten oder Swarovski-Steinen verziert.

Über sechs Millionen Möglichkeiten haben seine Kunden, wenn sie sich einen Handschuh selbst gestalten wollen. Zur Auswahl stehen Modelle mit Fingern und ohne, verschiedene Abschlussnähte, Prägungen und Verzierungen, Innenfutter aus Kaschmir, Seide, Samt oder Kaninchenfell. Sowohl die Vorderseite als auch die Hinterseite der Handschuhe können in verschiedenen Farben gestaltet werden, ebenso der Daumen und die Fingerseitenteile. Als Material wird nur Lamm-Nappaleder und Veloursleder verwendet, ein Paar kostet je nach Ausführung zwischen 90 und 150 Euro.

 Alles wird von Hand genäht. Produziert werden die Stücke dann in Tschechien, von wo auch der Lederlieferant kommt. Alle Handschuhe sind handgefertigt. Manche mit der Maschine, manche Stich für Stich händisch genäht. „Wir haben auch probiert, in Österreich zu produzieren, aber es gab entweder kein Interesse oder nicht die Möglichkeiten“, erklärt Thor. Seit 1. Dezember ist die Konfigurationssoftware nun online, die ersten Handschuhe hat er schon verkauft. Sowohl an Herren als auch Damen, wobei letztere die primäre Zielgruppe sind.

Dem Start ist fast ein Jahr Arbeit vorausgegangen. Das Schwierigste, sagt Thor, sei es gewesen, das Online-Design-Tool herzustellen. 12.000 Fotos mussten dafür verknüpft werden: Wenn eine Fläche angeklickt wird, dann muss sich anderswo die Farbe ändern. Eine Innsbrucker Firma hat diese Arbeit übernommen.

Nächstes Jahr sollen die Handschuhe dann nicht nur von den Kunden selbst gestaltet, sondern auch nach Maß geschneidert werden. Thor und seine Kollegen arbeitet dafür an einer iPad-App, mit der eine Hand vermessen werden kann. Derzeit kümmert er sich um diverse Kooperationen. Für Autofahrer sollen die Handschuhe interessant sein, ebenso für Reiter. Auch ein Showroom ist geplant, und eine Online-Galerie, wo Menschen ihre Handschuhdesigns ausstellen können.

Eine Firma, die bereits Erfahrung mit Maßanfertigung hat, ist das Schuh-Start-up Natalie Rox. Der kleine Familienbetrieb hat Anfang 2013 in der Zollergasse in Wien eröffnet – nachdem Gründerin Natalie Stando ihren Freund (und jetzigen Geschäftsführer)  Alexander Wulff heiraten wollte. Das Problem vor der Hochzeit: Stando fand zwar rasch ein Kleid, aber keine Schuhe dazu. 300 Euro hat sie schließlich für ein Paar bezahlt, gefallen hätten sie ihr aber nicht. Was folgte, war der eigene Shop in der Zollergasse und das Angebot an die Kunden, sich ihre Schuhe selbst zu designen: Von High Heels über Stiefel bis zu über Stiefeletten, in verschiedenen Farben und Materialien.

Selbst gestalten unerwünscht? Eineinhalb Jahre später läuft der Shop gut, allerdings hat er sich etwas anders entwickelt als geplant. Am besten verkaufen sich bei den Damen nämlich nicht die selbstgestalteten Schuhe, sondern die von Stando entworfenen, die sie ebenfalls unter dem Label Natalie-Rox verkauft. Nur bei besonderes Anlässen wie Hochzeiten werden selbstgestaltete Schuhe gerne in Auftrag gegeben. „Wien ist halt eher nicht so die Modedrehscheibe“, mutmaßt Alexander Wulff, warum seine Kunden die Label-Schuhe bevorzugen. „Frauen nehmen die Schuhe dann wohl doch einfach lieber gleich mit, anstatt vier Wochen darauf zu warten.“

Vom individuellen Schuhdesign will man trotzdem nicht lassen, ändert aber das Angebot. In Zukunft können Schuhe nicht nur selbst designed werden, sondern werden auch nach Maß angefertigt. Vor allem bei Herrenschuhen sei die Nachfrage sehr groß gewesen, erklärt Wulff. Der Betrieb wird bei den Damenschuhen gerade umgestellt, bei den Herren ist der Umstieg bereits erfolgt. Wer will, kann in den Natalie-Rox-Shop gehen, sich dort den Fuß in einem 3D-Scanner vermessen lassen, und bekommt dann einen Code mit. Damit er zuhause die Schuhe selbst gestalten kann.

 

angepasst

Ski. Ünique Skis produziert in Wien Skier nach Maß. www.unique-skis.com

Handschuhe. Selbst designte Handschuhe können in der Company of Glovers bestellt werden. www.companyofglovers.com

Schuhe. Damen und Herrenschuhe nach Maß (und selbst gestaltet) gibt es bei Natalie Rox in der Zollergasse. www.natalie-rox.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2014)