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Amalfitana: Wandern im Schönheitsrausch

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Klar, Capri, Pompei und der Vesuv sind Pflicht. Am nachhaltigsten erschließt sich die bezauberndste Küste der Welt aber zu Fuß: Allein auf der Halbinsel von Sorrent gibt es etwa 200 Kilometer markierte Wanderwege.

Steil ragen die Felsen der Monti Lattari, der Milchberge, in den Himmel Kampaniens. Davor ruht azurblau das Thyrrhenische Meer. Die Frühlingssonne heizt schon kräftig ein und entlockt der Macchia, den Sträuchern und Kräutern, ihre Düfte. Wo immer die Topografie es zulässt, krallen sich schmale Terrassen in die Steil­küste; Schotterpfade winden sich durch Weinkulturen und Zitronenhaine, lange Stangen stützen die Weinstöcke und Obstbäume und bilden schattige Laubengänge.

In Amalfi, Sorrent und Ravello drängen sich die Menschen, doch hinter und oberhalb der Küste der Halbinsel von Sorrent ist finito mit Klaustrophobie. Speziell die Spitze und der Süden der Halbinsel, von Massa Lubrense bis Positano, sind dünn besiedelt und ein ideales Terrain für mediterrane Wanderun­-gen durch die blühende Macchia, durch kleine Gärten und Felder. Zum Beispiel für uns: Über das Dörfchen Nocelle erreichen wir, eine kleine Gruppe von Fiftysomethings, das 400 Meter hoch gelege­ne, zur Sarazenenzeit gegründete Montepertuso, das vom gleichnamigen Berg mit seinem Felsentor dominiert wird.

In Bomerano bei Agerola hat die erste Wanderung begonnen. Das Traumziel: Positano. Auf dem Sentiero degli Dei, dem Weg der Götter, steigt man steil hinunter in das sensationell in einer Bucht gelegene Positano. „Treppen führen bis ans Meer, die manchmal so steil wie Leitern sind“, schwärmte John Steinbeck 1953. Vor ihm waren schon deutsche Schriftsteller da, die aus Nazi-Deutschland flüchteten: Stefan Andres ließ sich 1938 in Positano nieder, Siegfried Lenz lebte jahrlang in dem Fischerdorf, beide machten Positano auch in Deutschland berühmt.

Mit seinen pastellfarbenen Häusern, die in Stufen den Berg hinaufklettern, war Positano bald auch Filmkulisse, Ziel von Stars und Künstlern. Bis 1889 war das Städtchen nur mit dem Schiff oder über Bergpfade zu erreichen. Der Bau der Küstenstraße zwischen Sorrent und Salerno, die sogenannten Amalfitana, erschloss Positano auch für den Tourismus. Ursprünglich nur für Karren und Kutschen angelegt, ist die Straße oft so eng, dass Busse in manchen Kurven reversieren müssen und die Spiegel bei Gegenverkehr einklappen.

Amalfitana ohne Capri wäre wie Wien ohne Schönbrunn – auf der Überfahrt tags darauf haben die vom Treppensteigen schmerzenden Muskeln erst mal Pause. Das Schiff ist gedrängt voll, in der Marina Grande von Capri drängen sich die Touristen.

Ausblick von der Villa Jovis

Im Konvoi geht es durch die kleinen Gassen hinauf zur Piazza Umberto I., dem ebenso frequentier­ten Zentrum. Doch auf dem steilen Gässchen bergauf zur Villa des Tiberius herrscht kaum Personenverkehr. Hoch oben auf den Felsen des Vorgebirges thront die Villa Jovis, die Palastanlage, in der Kaiser Tiberius seine letzten Jahre verbracht hat. Geblieben sind nur Mauerreste – und ein sagenhafter Ausblick über das Meer bis zur Halbinsel von Sorrent. Schauerlich hingegen der Blick 300 Meter in die Tiefe: Unliebsame Höflinge ließ Tiberius von der Felsnase in den Tod springen.

Auch der Vesuv, der einzig aktive Vulkan auf dem europäischen Festland, erfordert keine Kondi­tion. Im Bus geht’s auf 1017 Meter, von hier sind es 20 Minuten zu Fuß bis zum Kraterrand. Das Magma verbirgt sich unter der erstarrten Lava, sichtbar ist nur der Dampf der Fumarolen. Der Vesuv hat zwei Gipfel: den Monte Somma (1110 m) und den Vesuvio (1281 m), der sich beim letzten Ausbruch 1944 gebildet hat, dazwischen liegt das Valle dell’Inferno. Von der alten Seilbahn, die das neapolitanische Lied „Funicoli, funicola“ besingt, sind seit dem Ausbruch 1906 nur traurige Reste zu sehen.

„1995 wurde der Vesuv als Nationalpark unter Schutz gestellt“, sagt Umberto, öffnet ein Zauntor und führt in einen – Zauberwald: Leichter Nebel umwabert die dünnen Stämme von Akazien, Flechten, Farne, Baldrianpflanzen, gel-ber Mohn und Ginster haben in der schwarzen Lava Fuß gefasst. Wie fruchtbar das erodierte Magma ist, bezeugen Wälder, Obstgärten und Weinkulturen auf den unteren Hängen des Vesuvs. „In meiner Kindheit waren die Hänge im Valle dell’Inferno nur schwarz und rot“, erinnertsich Umberto. Eine andere Wanderung beginnt in Ravello, einem Städtchen am Rande des Hochplateaus der Sorrentiner Halbinsel.

An der Piazza del Vescovado steht östlich des sehenswerten Doms San Panteleone die berühmte Villa Rufolo mit Turm und einem kleinen Säulenhof im sizilianisch-sarazenischen Stil. Unvergesslich die Terrasse mit dem Ausblick auf eine riesige Pinie über dem Meer und den runden Türmchen der Kirche Maria Assunta. Richard Wagner, auf der Suche nach Bühnenbildern für Parsifal, schrieb in das Gästebuch der Villa Rufolo: „Hier ist er, der magische Garten von Klingsor!“

Stop-and-look-Tempo

Auf Treppenwegen, im Schatten von Wein und Zitronen geht es hinunter nach Amalfi. Man wandert im Stop-and-look-Verfahren: ein paar Schritte gehen, stehen bleiben. Und schauen. Amalfi gehörte mit Genua, Pisa und Venedig bis ins zwölfte Jahrhundert zu den vier großen, reichen Seerepubliken. Handelsschiffe brachten von den Arabern die Kunst der Papierherstellung nach Italien, an den Bergbächen im Valle dei Mulini sind heute noch die Ruinen von 16 Papiermühlen zu sehen, die einst die königlichen Amtsstuben in Neapel mit Papier belieferten. In Hafennähe und auf der Piazza Duomo wimmelt es von Menschen, ebenso auf der steilen Treppe zum Dom mit seiner bunten Ornamentik, die wie die Spanische Treppe in Rom zum Sitzen einlädt. Doch biegt man in einen der weißen Treppengänge ein, wird es ruhig und leer.

Vom Hotel San Angelo im Bergdorf Pimonte sieht man bis zum Golf von Neapel, den höchs­ten Berg der Monti Lattari, den Monte Faito (1278 m), und das Ziel der letzten Wanderung, den Monte Pino mit seinem weißen Kirchlein. Vorbei an Bauernhöfen mit Viehzucht, Weinbau und Olivenhainen, geht es bergauf durch lichte Kastanienwälder. In Castello ist die Kirche mit ihrer uralten Christusfigur und der Medici-Kanzel einen Besuch wert, auf dem Monte Pino steht die Kirche Santa Maria del Pino mit ihrer großen Krypta.

Vis-à-vis der Kirche baut die Kooperative Lactaria eine lukullische Open-Air-Tafel alla Fellini auf. Antonia, unser Guide aus Pimonte, erklärt: „Die Kooperative soll die typischen Produkte der Region, die Traditionen und die Gastronomie der Monti Lattari bekannt machen.“ Und so serviert man Bruschetta mit Tomaten und würziger Salami, Bohnen mit Pas­ta, Käse mit Birnenmus, Oliven und Ricotta. Käsermeister Ciro Coticella aus Pimonte formt mit flinken Händen den Mozzarella. Amalfitanische Weine funkeln in den Gläsern, Fiano, Greco di Tufo, Taurasi. Es gibt nicht nur einen „Weg der Götter“, sondern auch ein Leben wie die Götter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2009)