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György Dalos: "Von unserer Hasskultur angewidert"

(c) imago stock&people
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Der ungarische Schriftsteller György Dalos, am 4. März zu Gast im Burgtheater Kasino, liest ungarische Zeitungen nur nach dem Frühstück, damit ihm der Appetit nicht vergeht. Gegen Populismus wie dem der Regierung Orbán helfe am besten das Auslachen. Er hofft auf die bessere Seite der ungarischen Mentalität, die Skepsis und empfiehlt mehr Mut beim freien Denken.

Fidesz, die rechtskonservative Partei des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, hat eben im Parlament ihre Zweidrittelmehrheit verloren. Ist das für Sie ein gutes Zeichen, oder droht erst recht Restriktion?

György Dalos: Ich bin schon ein bisschen erleichtert. Vielleicht war diese Machtfülle selbst für die Regierung zu viel und sie kann mit weniger Macht besser umgehen. Das bedeutet: nicht nur auf die eigene Meinung zu hören, sich mehr um die massenhafte Armut als um die eigene Bereicherung zu kümmern. Diese frommen Wünsche hängen aber auch damit zusammen, dass es zurzeit keine tragfähige handlungsfähige Opposition gibt.


Wer oberflächlich über Ungarns Politik liest, glaubt, dort herrschten nur Faschisten und Kommunisten, allerlei Wendehälse. Wie sieht die Lage bei näherer Betrachtung aus?

Es gibt doch einiges dazwischen: eine demokratische Tradition und ein paar Leute, die weder herrschen noch beherrscht werden wollen.


Welche politischen Kräfte lassen konkret auf eine demokratische Erneuerung hoffen?

Ich hoffe vor allem auf die zivilen Gruppen, NGOs, aber auch Parteien, vorausgesetzt, dass sie ihre Energie nicht auf feudale Kleinkriege verschwenden. Ich hoffe auf die bessere Seite der ungarischen Mentalität, auf die skeptische Betrachtung des politischen Geschäfts, im Sinne des Spruchs aus dem 19. Jahrhundert: „Politik ist Herrenlist.“


Was ist das wirksamste Mittel gegen Hass und Populismus?

Meinerseits wirkt am besten das Auslachen und das Lächerlichmachen.


Das sind künstlerische Mittel. Aber wie kann man politisch am besten auf Populismus reagieren? Welche Rolle spielen die neuen Massenmedien bei der Formung der Politik?

Die Regierung verfügt heute über den Großteil der Medien und kann dadurch die öffentliche Meinung stark beeinflussen. Trotzdem stößt ihre populistische Propaganda allmählich an ihre Grenzen. Sie trifft nämlich immer häufiger Entscheidungen, die selbst unter der eigenen Wählerschaft Protest auslösen. So geschah es zuletzt bei dem geplanten Gesetz über die Internetsteuer. So wird es auch dem unüberlegten Beschluss ergehen, die Geschäfte am Sonntag zuzumachen, was einerseits die ohnehin labilen Kleinläden bedroht, andererseits eine Einmischung in die Freizeitgestaltung von sehr vielen Konsumenten bedeutet. Die Koketterie mit Putin, Alijew und Nasarbajew bringt auch nur zweifelhafte Erfolge. Vielleicht bin ich naiv, ich glaube aber, dass demokratische Parteien lieber mit ihren Argumenten als mit ihrer Rhetorik die Öffentlichkeit überzeugen sollen.


Welche Medien nutzen Sie, um aus Deutschland über Ungarn zu erfahren?

Ich lese jeden Morgen die Onlineversionen der ungarischen Zeitungen. Allerdings nach dem Frühstück, damit mir der Appetit nicht vergeht.


Können Sie Lektüre empfehlen, über die man Ungarn literarisch am besten kennenlernt, vor allem die gegenwärtige Situation und die Zeit der Wende?

Auf Anhieb: György Spírós Erzählungen „Träume und Spuren“ (Nischen Verlag 2013). Ich bitte aber gut ein Dutzend Autorinnen und Autoren um Verzeihung, deren Bücher auf Deutsch erscheinen und die ich unerwähnt ließ.


Wird die Ära Orbán in kommenden Werken von Ihnen eine Rolle spielen?

Diese Aufgabe würde mich überfordern. Die französische Ära Orbán hat einen Dichter wie Honoré de Balzac gefordert und hervorgebracht.


Wie kann man den Künstlern in dieser Zeit politischer Restriktionen Hoffnung geben?

Künstler haben eine einzige Therapie: das Schaffen.


Skurril wirkt es, zumindest in Österreich, dass in Ungarn die Entehrung der Stephanskrone strafbar ist. Haben Sie schon einmal dieses Schmuckstück unwürdig behandelt?

Ich habe nichts gegen die Stephanskrone als historische Reliquie. Ich möchte nur, dass sie wieder im Nationalmuseum steht und nicht im Parlament, wo sie jetzt aufbewahrt wird. Warum? Damit niemand in Versuchung kommt, sich selbst zu krönen.


Von Theatermachern hört man derzeit Missliches aus Ungarn. Es gibt kaum Subventionen für freie Gruppen und politische Einflussnahme. Wie ist Ihre Erfahrung damit?

Ausgerechnet die Theater sind in Ungarn lebendig, wenn auch verarmt und unter dem Druck einer dummen Kulturpolitik. Ich weiß nicht, ob es eine kluge überhaupt gibt. Ihre Hausautoren sind Nikolai Gogol, Molière, Georg Büchner und Bertolt Brecht – die sorgen schon für die Aktualität.


Antisemitismus zeigt sich in Europa neuerdings wieder verstärkt. Bekommen Sie das auch persönlich zu spüren?

Wenn jemand 1943 geboren ist, wie ich, hat er schon ein gewisses Training. Im Ausland lebend, kann ich mir allerdings manche Alltagserlebnisse ersparen. Ich fühle mich aber nicht nur als Jude, sondern auch als Ungar von unserer Hasskultur angewidert.


Von manchen Politikern wird 1989 als „Systemwechsel“ bezeichnet. Was ist Ihrer Meinung nach in Osteuropa passiert, seit mit dem Zusammenbruch des Ostblocks vom Ende der Geschichte fantasiert wurde?

„Ende der Geschichte“ – ich glaube, das ist eine der hohlen Phrasen, die nichts über diesen Prozess aussagen. Die schockierenden Veränderungen im Leben von einigen hundert Millionen Menschen – was ist das, wenn nicht die Geschichte selbst?


Wie haben Sie konkret dieses Jahr 1989 erlebt? Hat Sie die Entwicklung überrascht?

Ich habe diese Entwicklung erwünscht und erwartet, in meinem Aufsatz „Die Befreiung der Sowjetunion von ihren Satelliten“ 1985 im ironischen Stil sogar vorausgesagt. Weniger vorbereitet war ich auf die ungemeinen Schwierigkeiten des Übergangs zur Marktwirtschaft, auf das allzu lange Klopfen an die Tür der EU und auf den Ausbruch der neuen Nationalismen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Ich wollte die Grenzen nicht revidieren, sondern sie überflüssig machen.


Als fast noch junger Mann gehörten Sie in KP-Zeiten zu den oppositionellen Reformern. Und Sie hatten Probleme wegen Mao. Welche Art von Subversion würden Sie jungen Menschen denn heute empfehlen?

Ich habe eine ausgesprochene Nostalgie für meine Jugendsünden. Viele in meiner Generation fühlen so. Damals haben wir mutiger gedacht als gesprochen, heute ist das Reden freier als das Denken.


Wodurch wird dieses Denken beeinträchtigt? Liegt das Unkritische an der Oberflächlichkeit der Konsumgesellschaft?

Wir sind zum Teil der westlichen Gesellschaftsordnung geworden und teilen dadurch auch deren Problematik: den ruhelosen Wachstums- und Konsumdrang sowie deren fatale Auswirkungen auf Ökonomie, Ökologie und Kultur. Während der Diktatur erschien es viel leichter, eine andere, offenere Welt zu denken, als die reale Demokratie mit Inhalten zu füllen, die sie lebenswerter machen.


Was halten Sie von Griechenlands neuer Regierung? Bedeutet sie die neue linke Hoffnung oder noch mehr Populismus?

Griechenlands Arme haben Hoffnungen und finden diese in der Syriza verkörpert. Damit trägt die griechische Linke eine enorme Verantwortung. Es ist klar, jede Regierung hat das Recht, die Interessen ihrer Wähler auch gegenüber ausländischen Partnern zu vertreten. Die inneren Probleme Griechenlands – es gibt verblüffende Ähnlichkeiten mit den ehemaligen Ostblockstaaten – müssen auch angepackt werden. Und obwohl der Euro allein nicht glücklich macht, ist die Rückkehr zur Drachme keine Lösung. Griechenland ist gebrechlich. Und Europa ist es auch.


Haben Sie manchmal Heimweh nach Ungarn? Fühlen Sie sich wie im Exil?

Nein, im Exil war und bin ich nicht – selbst zu schlechten Zeiten meines Publikationsverbots in Ungarn war ich zu Hause – in der Sprache.


Können Sie etwas Nettes, Persönliches über Viktor Orbán sagen?

Ich lernte Viktor Orbán in den späten Achtzigerjahren kennen, da waren wir beide viel jünger und hatten einiges vor. Ich lebte damals in Wien und verfolgte die ungarische Politik aus dieser Ferne. Einmal, während meines Aufenthalts in Budapest, erblickte ich bei der roten Ampel einen Pkw. Darin saß Viktor Orbán, damals fulminanter jungliberaler Parteiführer. Er öffnete das Fenster seines Autos und sagte zu mir freundlich-vorwurfsvoll: „Gyuri, du bist irgendwie verschwunden!“ Manchmal möchte ich ihm dasselbe sagen.

Herr Dalos, darf man Sie auch fragen . . .

1 . . . ob Sie gelegentlich noch im „Kapital“ lesen oder zumindest im „Geist der Utopie“?
Das „Kapital“ von Marx habe ich zuletzt als Student gelesen, es wirkte auch wie ein Gemälde von Bosch, faszinierend und bedrückend. Von Bloch habe ich „Freiheit und Ordnung“ ins Ungarische übersetzt, 1986 – ein Produkt der späten Rehabilitierung des Philosophen in der DDR. Allerdings dauerte das Lektorat zu lange, die Wende stand vor der Tür. Das Buch erschien nie.
2 . . . ob Sie heute noch gerne nach Budapest fahren, wo Sie 1943 geboren wurden?
Sehr gerne sogar. Ich habe dort die Donaubrücken, die Vergangenheit und auch meine Enkelin Julia, acht Jahre alt.
3 . . . was Ungarn nach Ihrer Erfahrung am meisten von Österreich unterscheidet?
In meiner Kindheit gab es den Neid meiner Landsleute auf das Nachbarland, die Sehnsucht nach der Neutralität. Fünfzig Jahre später landete die Republik Ungarn in der Nato – Geschichte als Glück und Pech.