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Wir Laborratten der finanziellen Repression

Negativzinsen stellen den Markt auf den Kopf und führen ins Finanzchaos.

Schwer verschuldete, reformunfähige Staaten haben verschiedene Möglichkeiten, um sich auf Kosten ihrer Bürger zu sanieren: Am wirksamsten ist eine überfallsartige Währungsreform. Die verursacht aber hohe Wellen und gefährdet in einer Demokratie die Wiederwahl. Inflation ist eine bewährtere Methode, weil den Leuten da nicht auffällt, dass sie geschoren werden.

Europa hat sich jetzt aber ganz offenbar für die dritte Methode entschieden: finanzielle Repression. Man drückt die Zinsen massiv in den negativen Bereich. Fein heraußen sind dann alle, die Schulden haben. Enteignet werden alle, die Finanzvermögen (und sei es nur ein kleines Sparbuch) besitzen. Auch so kann man Pleitestaaten eine Zeit lang über die Runden bringen.

Die Chancen, dass das gut geht, sind freilich minimal. Man bläst damit ja nicht nur Aktien- und Immobilienmärkte sinnlos auf (und provoziert damit die nächsten Wirtschaftskrisen), man nimmt dem Geld mit Negativzinsen auch die wichtigste Steuerungsfunktion, nämlich seinen Preis. Der sorgt in normalen Märkten dafür, dass es dorthin fließt, wo es sinnvoll investiert werden kann, also rentiert.

Dass das seit einiger Zeit nicht mehr der Fall ist, kann man mit freiem Auge beobachten. „Der Kapitalismus schleicht sich auf leisen Sohlen davon“, kommentiert die „NZZ“. Und: „Die unsichtbare Hand wurde aus dem Markt genommen.“

Ohne diese Steuerungsfunktion drohen aber Fehlallokation und Chaos. Und wir müssen uns noch auf einiges gefasst machen. Der Harvard-Ökonom Larry Summers, ein leibhaftiger Ex-US-Finanzminister, hat ja schon vor einem Jahr gefordert, das Bargeld weitgehend abzuschaffen. Nur so könne verhindert werden, dass Sparer ihr Geld zu Hause im Safe horten, und damit der finanziellen Repression mittels Negativzinsen ein Schnippchen schlagen. Ganz ernsthaft, im Rahmen einer IWF-Veranstaltung, ohne dass ihm einer den Vogel gezeigt hätte.

Wir müssen also mit verschärfter finanzieller Repression rechnen und auch damit, dass das Experiment, dessen Laborratten wir sind, schiefgeht. Schöne Aussichten sind das nicht!

josef.urschitz@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2015)