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Soziale Gerechtigkeit? Es ist die Wirtschaft, du Dummer!

Ungleichheit bremse das Wachstum, sagt die OECD. Ob sie damit den Streit der Ökonomen beendet? Egal: Sie lenkt die Debatte dorthin, wo sie hingehört.

Es gibt Worte, die darf man nur mit reichlich Tremolo in der Stimme intonieren, um nicht als kaltherzig und unsensibel zu gelten. Dazu zählt: Gerechtigkeit! Zwar haben sich seit Platons Zeiten die Weisen der Welt eher fruchtlos bemüht, eine gültige Formel für dieses hehre Ziel zu finden. Also ringen wir weiter, und das muss wohl so sein (bei der Schönheit ist es nicht anders: Ob Song-Contest-Schlager schön sind, darüber streiten wir so leidenschaftlich wie ergebnislos). Nur soll niemand meinen, soziale Gerechtigkeit ließe sich leichter fassen, weil Zahlen dahinter stehen. Eine große neue OECD-Studie zeigt zwar: In den meisten Industriestaaten sind die Einkommen heute deutlich ungleicher verteilt als vor 30 Jahren. Aber Österreich ist schon einmal anders: Hier ist der Gini-Koeffizient, die übliche Maßgröße, für die verfügbaren Einkommen nur wenig gestiegen. Dennoch empört man sich bei solchen Meldungen auch hierzulande über böse neoliberale Politiker, die sich vor den Karren des raffgierigen Großkapitals spannen lassen. Wie ungerecht!

Die Wahrheit ist nüchterner: Die steigende Ungleichheit liegt vor allem an der Globalisierung. Ist sie böse? In den Schwellenländern hat sie hunderte Millionen Menschen aus bitterster Armut befreit. So viel globale Solidarität werden wir wohl aufbringen, ihnen das von Herzen zu gönnen. Dazu kommt die technologische Revolution, die Schlaue in innovativen Branchen so gut verdienen lässt, dass sie den Rest abhängen. Wollen wir deshalb Großrechner zertrümmern, auf das Smartphone verzichten und gut geölte Finanzmärkte verbieten? Angenommen es stimmt, was viele Ökonomen sagen: dass ein gewisses Maß an Ungleichheit der Preis ist für eine dynamische Wirtschaft ist und davon alle profitieren, die einen mehr, die anderen weniger. Dann werden es Ärmere kaum für gerecht halten, wenn die Politik diese Dynamik bremst und sie in der Folge den Job verlieren – und damit auch das kleine Stück am Kuchen. Sicher, es gibt Grenzen: Öffnet sich die Schere zu weit, sprengt das den Zusammenhalt der Gesellschaft. Aber wo liegt diese Grenze? In jedem Land woanders, je nach Kultur, Geschichte, Mentalität. Europäer mögen es egalitär, Amerikaner fühlen sich mit weit mehr Ungleichheit wohl. Das tun sie an den Wahlurnen kund. Es ist ein Zeichen demokratischer Reife, deshalb nicht mit Schaum vor dem Mund über den Atlantik zu zeigen.


Anders ist es mit den wirtschaftlichen Folgen. Sie immer neu zu hinterfragen, lohnt sich. Denn dass Ungleichheit Wachstum fördert, ist nicht ausgemacht. Der Effekt kann auch negativ sein. Ökonomen streiten darüber seit Jahrzehnten, weil die Datenlage zu disparat ist. Nun glaubt die OECD zeigen zu können: Mehr Ungleichheit bremst das Wachstum. Also noch mehr Umverteilung, noch höhere Steuern? Nein, der Pariser Thinktank denkt in eine andere Richtung: Es geht nicht darum, dass ein paar Superreiche immer mehr verdienen. Es geht darum, dass sich die unteren 40Prozent vom ganzen Rest, auch von der Mittelschicht, abkoppeln. Sie fallen beim Humankapital zurück, also bei der Bildung. Sie schaffen es seltener auf die Uni, sind weniger Jahre in der Schule und wissen viel zu wenig, um in einer Wissensgesellschaft Erfolg zu haben. Der Trend hat seine Logik: Wenn sich Mittel- und Oberschicht immer bessere Schulen leisten könnten, steigt auch bei einem egalitären Schulsystem der Druck hin zu einer Zweiklassengesellschaft. Umso mehr muss die Politik darum kämpfen, Chancengleichheit zu bewahren oder neu zu schaffen. Daneben sprechen die OECD-Autoren auch von positiven Effekten der Umverteilung. Aber sieht man genauer hin, geht es auch hier um mehr Chancen durch „aktive“ Förderung – vor allem für Frauen: für ihre Teilnahme am Berufsleben und mehr Kinderbetreuung.

Wenn all dies zu mehr Wachstum führt, muss es ein allgemeines Anliegen sein – auch für die Mittel- und Oberschicht. „It's the economy, stupid!“, das führte schon Bill Clinton zum Erfolg. Sobald es um unser aller Geld geht, findet sich der Konsens viel leichter als bei jedem noch so flammenden Appell für mehr Gerechtigkeit. Auch wenn das Idealisten für nicht ideal halten mögen.

E-Mails an:karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2015)