Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Eine Ringstraße für die Proletarier

Ein prächtiger „Volkswohnpalast“ als Machtdemonstration der Arbeiterschaft: Der Reumannhof am Margaretengürtel
Ein prächtiger „Volkswohnpalast“ als Machtdemonstration der Arbeiterschaft: Der Reumannhof am Margaretengürtel© Bruno Kreisky Archiv
  • Drucken

Ab 1919 ließ das Rote Wien hunderte Gemeindebauten errichten. Die protzigen Riesenbauten dienten auch der Machtdemonstration der Arbeiterschaft.

Zum Einzug gab es Geschenke: Blumentröge und die „erstmalige Ausstattung mit Blumen seitens der Gemeinde“, wie es 1927 in bestem Beamtendeutsch hieß. Die ersten Bewohner der neuen Gemeindebauten, die ab 1919 in Wien errichtet wurden, bekamen den Blumenschmuck aber nicht nur als nette Geste der Stadt. Hintergrund der begrünten Balkone war, wie in „Das Neue Wien“ nachzulesen ist, auch „ein einheitliches, freundliches Gepräge der Schauseiten gegen die Straße“.

Anders gesagt: Die Gemeindebauten sollten etwas hermachen, Eindruck schinden, die (aufstrebende) Macht der Arbeiterschaft demonstrieren, für die diese – ironisch „Volkswohnpaläste“, weniger freundlich „Arbeiterfestungen“ genannten – Bauten errichtet wurden.

Auch wenn der Gemeindebau nach und nach andere Bezirke erobert hat: Ausgangspunkt für den sozialen Wohnbau der Stadt war der Gürtel, hier wurden auf Margaretener und Meidlinger Seite rund um den riesigen Reumannhof, der als Herzstück gilt, tausende leistbare Wohnungen für die Arbeiter errichtet. „Hier ist ein eigenes Stadtviertel entstanden“, sagt Werner T. Bauer, „das auch damals schon mit Stolz und ein bisschen Trotz die ,Ringstraße des Proletariats‘ genannt wurde.“ „Ringstraße des Proletariats“ – so heißt auch die Sonderausstellung, die das Ehepaar Werner T. und Lilli Bauer in ihrem Museum Das Rote Wien – ebenfalls in einem mächtigen Gemeindebau, dem Karl-Marx-Hof in Döbling gelegen – kuratiert haben.

Als „Gegenentwurf“ zur „echten“ imperialen Ringstraße. Denn die wird in diesem Jahr anlässlich ihres 150-Jahr-Jubiläums ohnehin ausgiebig gefeiert. Im Museum Das Rote Wien wollen die Kuratoren den sozialen Wohnbau und die damit einhergehende Stärkung der Arbeiterklasse beleuchten.

Indirekt hängen die prachtvolle Ringstraße und jene nicht ganz so pompöse „Proletarier“-Ringstraße auf dem Gürtel zusammen: Denn ohne die Arbeiter, darunter die „Ziegelbehm“, Zuwanderer aus Böhmen und Mähren, die in den Wienerberger Ziegelwerken schufteten, hätte die Ringstraße nicht errichtet werden können. Fast alle Arbeiter lebten unter widrigen Bedingungen, in Baracken oder überhaupt obdachlos, in der Stadt. Die aktiv am Bau der Ringstraße beteiligten Arbeiter erlebten den Luxus von leistbarem, gepflegtem Wohnraum nicht mehr, wohl aber ihre Nachfahren: Zwischen 1919 und 1933 hat die Stadt 382 Gemeindebauten und damit 65.000 Wohnungen geschaffen.

Als erster echter Gemeindebau gilt der 1920 eröffnete Metzleinstaler Hof am Margaretengürtel mit 143 Wohnungen. Die ersten Gemeindewohnungen, erzählt Lilli Bauer, waren um die 40 mgroß, bestanden aus einer Küche, einem Zimmer und eigenem WC. Viele hatten schon Zentralheizung. „Auch wenn uns die Grundrisse heute klein erscheinen mögen: Für die Arbeiter war das damals das Paradies“, sagt Werner T. Bauer. „Denn um die Jahrhundertwende hatten 90 Prozent der Wiener Bevölkerung kein Wasser, kein WC und keinen Strom in ihren Wohnungen.“

„Licht, Luft und Sonne“: Unter diesem Motto ließ die Stadt die Wohnanlagen errichten, erstmals wurde Wert auf Helligkeit, Grün- und Freiräume gelegt. Die Rahmenbedingungen dafür wurden mit einer Änderung der Bauordnung geschaffen: War es davor erlaubt, 85 Prozent eines Grundstücks zu verbauen – was die vielen dunklen Altbauwohnungen vor dem 1. Weltkrieg erklärt –, durften plötzlich nur noch 30 Prozent der Fläche, im dicht verbauten Stadtgebiet maximal 40 Prozent des Grundes verbaut werden. Das Resultat waren helle Wohnungen, „Licht, Luft und Sonne“ eben.

Wiener Krankheit. Hintergrund war dabei nicht nur, der Arbeiterklasse mehr Lebensqualität zu ermöglichen, sondern waren auch gesundheitliche Überlegungen. Galt es doch, die Tuberkulose, wegen ihrer großen Ausbreitung in der Stadt auch „Wiener Krankheit“ genannt, unter Kontrolle zu bringen. Waren in den Altbauten die düsteren hofseitigen Wohnungen wegen der erhöhten Tuberkulosegefahr die „schlechten“, galten in den Gemeindebauten plötzlich die Wohnungen in den Hof mit viel Licht und Blick ins Grüne als begehrenswert. Eine weitere Maßnahme gegen die Tuberkulose war die Errichtung der 23Kinderfreibäder, im Metzleinstaler Hof wurde auch eine Tuberkulose-Fürsorgestelle eingerichtet – ebenso ein Jugendamt mit „Mutterberatungsstelle“. Auch Kindergärten, Wäschereien oder Turnsäle waren Teil der Gemeindebaustruktur und sind es zum Teil bis heute – so mancher Kindergarten, ebenso städtische Büchereien, über die es im Magazin „Der Kuckuck“ 1930 hieß: „Im Heim des Proleten wird es freundlicher und schöner, wenn Bücher als gute Freunde Eingang gefunden haben. [...] Die Schatzkammern des Geistes, wie wir mit Recht unsere Leihbüchereien nennen dürfen, stehen offen und sind jedermann zugänglich.“

Farbkastl-Hof. Wer die (sehenswerte) Ausstellung durchwandert (oder auch die tatsächlichen Gemeindebauten), sieht, wie unterschiedlich die Architekten die Idee des sozialen Wohnbaus mit der erwünschten eindrucksvollen Fassade, der Infrastruktur (Wäscherei, Apotheke etc.) umsetzten. Hubert Gessner etwa wollte den Reumannhof weithin sichtbar machen: mit einem 40 Meter hohen Wohnturm in der Mitte. Allein, die Wiener waren schon in den 1920ern keine großen Freunde von Hochhäusern, es gab Debatten im Gemeinderat, schließlich wurde der Turm wegen „Wasser-, Feuer- und Aufzugssorgen“ abgesagt. Der Architekt Josef Frank wiederum hielt wenig von Gessners protzigen Fassaden: Er plante seine Gemeindebauten schlichter und verpasste den Stiegen ein Pastell-Farbschema, das etwa seinem Leopoldine-Glöckel-Hof den sehr wienerischen Namen „Farbkastl-Hof“ eingebracht hat.

Was all diese Wohnanlagen quer durch die Jahrzehnte eint: Trotz der unterschiedlichsten Stile erkennt man jeden dieser Bauten sofort als das, was er ist – ein Gemeindebau.

Ausstellung

Die Sonderschau „Die Ringstraße des Proletariats“ ist noch bis 20.Dezember im Museum Das Rote Wien im Karl-Marx-Hof zu sehen.
Geöffnet: Do 13–18, So 12–16 Uhr. Sommerführungen (u. a. 5., 12., 19. und 26.7., 13 Uhr, Treffpunkt U4 Heiligenstadt). Infos: www.dasrotewien-waschsalon.at od. +43/(0)664/885 40 888.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2015)