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Was US-Militärberater in der Ukraine (wieder) lernen können

Ein Ukrainer zeigt einem Amerikaner, wie man eine Panzerhaube à la russe anlegt
Ein Ukrainer zeigt einem Amerikaner, wie man eine Panzerhaube à la russe anlegtEPA/MYKOLA TYS
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Die rund 300 Ausbildner der US Army, die seit Monaten ukrainische Soldaten unterrichten, stellen fest, dass sie im Vergleich zu ihren Schülern teils grobe Wissensmängel haben - vor allem in der konventionellen Gefechtsführung.

Seit April schon sind US-Soldaten und Offiziere dabei, im Raum Lemberg hart an der polnischen Grenze Einheiten des ukrainischen Militärs und der Nationalgarde nach West-Standards auszubilden. Die Aktivitäten der etwa 300 US-Soldaten - Fallschirmjäger der 173. Luftlandebrigade der US-Armee - im Vorhof des mächtigen Nachbarn Russland sind diesem erwartungsgemäß ein Dorn im Auge, auch wenn Russland seinerseits die Aufständischen in der Ostukraine ziemlich eindeutig unterstützt, das aber bestreitet.

Andererseits hat die Lehrtätigkeit der Amerikaner etwas vermutlich nicht ganz Unerwartetes aufgezeigt: Diesmal können nämlich die "Schüler" - ukrainische Soldaten und Nationalgardisten - ihren Lehrern von der Supermacht so einiges beibringen: Nämlich Dinge, die diese verlernt oder gar nicht erst erlernt haben.

Wie kämpft man nochmal auf klassische Art?

Das gibt etwa Hauptmann Zachary Savarie, einer der US-Ausbildner, zu: Obwohl er, wie das US-Militärmagazin "Stars and Stripes" unlängst berichtete, schon zwei Auslandseinsätze im Mittleren Osten absolviert gehabt hatte, muss er zugeben, durch die Arbeit mit den teils kampferprobten Ukrainern große Lücken in seinen militärischen Fähigkeiten entdeckt zu haben - womit er stellvertretend für die Masse des US-Militärs stehen dürfte: Nach mehr als einem Jahrzehnt Aufstandsbekämpfung und Guerillakrieg (etwa Irak, Afghanistan) haben die meisten US-Soldaten - vor allem Mannschaften und untere Offiziersränge - keine Erfahrung dabei, wie man mit einem professionellen, technisch entwickelten, schwer bewaffneten, in großen Verbänden organisierten, ja schon durchaus konventionell auftretenden Gegner kämpft - was allerdings eigentlich traditionell die Kernaufgabe jedes staatlichen Militärs sein sollte.

Tatsächlich war auch der bisher letzte "klassische" Feldzug des US-Militärs, 2003 im Irak, praktisch nur formal ein solcher gewesen: Iraks zerfallende Armee leistete kaum Widerstand und die Sache wurde sofort zum Guerillakrieg.

"Ich war noch nie in einer Situation, wo ich etwa auf feindliche Drohnen getroffen wäre", muss Captain Savarie nun beispielsweise zugeben. Oder: "Ich hab's auch noch nie erlebt, dass wir schwerem und präzisen indirekten Feuer (Artilleriebeschuss, Anm.) ausgesetzt waren."

US-Ausbildner und Ukrainer im Raum Lemberg
US-Ausbildner und Ukrainer im Raum LembergStars and Stripes/Jad Sleiman

 

Die ukrainischen Soldaten hingegen sehen sich im abtrünnigen Osten seit langem mehr und mehr in ein regelrecht konventionelles Gefechtsfeld verstrickt. Die Rebellen, die für herkömmliche irreguläre Truppen ungewöhnlich regulär organisiert, bewaffnet (Kampfpanzer, Panzerhaubitzen, schwere Flugabwehrraketen, etc.) und oft auch gekleidet sind, demonstrieren in Auftritt, Taktik und operativem Vorgehen Anleihen an der sowjetrussischen Kriegsschule: Truppen werden entlang langer Fronten und in Wellen massiert; massiver und vorbereitender Einsatz von Artillerie; Panzerkeile begleitet von mechanisierten Schützenabteilungen; kaum eine größere Panzereinheit ohne motorisierte Flugabwehrbegleitung.

Die Taliban in Afghanistan oder die Rebellen im Irak hingegen waren/sind weitaus leichter bewaffnet und operierten/operieren stets guerillatypisch, also so gut es geht verdeckt, ohne Uniformen, in kleinen Verbänden ohne nennenswerte Feuerunterstützung, dafür mit Hinterhalten, Sprengfallen, Scharfschützen und Selbstmordanschlägen.

"Undenkbare" taktische Lagen

Sergeant (Wachtmeister) Jacob Hurt, Ausbildner der 173. Airborne, erzählt, dass er es bei seinen zwei Einsatzperioden in Afghanistan nie mit gepanzerten Einheiten des Gegners zu tun gehabt habe. Das überrascht natürlich nicht, aber deutet auf wachsenden systemischen Erfahrungsmangel im US-Militär (und nicht nur dort) hin. Genau den hätten seine ukrainischen Schüler aber nicht: "Ein ukrainischer Unteroffizier schilderte, wie er auf 15 Meter Entfernung in ein Gefecht mit einem BMP-Schützenpanzer verwickelt wurde. Die haben den auf zehn, 15 Meter Abstand mit Panzerfäusten beschossen. Das ist etwas, von dem wir unseren eigenen Leuten beigebracht haben, dass es absolut unnötig sei, weil sie in so eine Lage gar nicht erst kommen würden."

Sprich: Der typische GI und US-Marine von heute geht mittlerweile davon aus, dass es schwere gegnerische Einheiten gar nicht erst in seine Nähe schaffen würden, weil Flugzeuge, weitreichende Panzerabwehrraketen, Artillerie etc. sie schon lange vorher zerstört haben würden. 

Ukrainische Nationalgardisten
Ukrainische NationalgardistenStars and Stripes/Jad Sleiman

Und so vermitteln die Ukrainer ihren US-Ausbildnern tatsächlich allerhand Wissen über konventionelle Kampfführung - gerade auch unter Artilleriebeschuss: Die Feuerkonzentration, die die sogenannten Rebellen in der Ostukraine an den Tag legen können, hat westliche Beobachter nämlich überrascht, etwa bei der Schlacht von Debalzewe im Februar: Die Regierungstruppen in der Stadt waren damals im Wesentlichen nicht durch Infiltrationstaktik und "Nadelstiche" zum Abzug gezwungen worden, sondern durch schweren Artilleriebeschuss und Panzervorstöße mit Infanteriebegleitung. Erst als die Ukrainer abzogen, geriet ihr Konvoi in guerillatypische Hinterhalte und wurde zerhackt.

"Keiner von uns war unter Artilleriebeschuss"

Generalleutnat Ben Hodges, Oberkommandierender der US Army in Europa (USAREUR), sagte erst kürzlich, dass die Ukrainer seinen Männern vor Ort in dieser Hinsicht einiges beibrächten. "Keiner von uns war je unter russischem Artillerie- und Raketenfeuer so wie die Ukrainer." Das mit dem "russischen" war wohl nicht ganz unabsichtlich gesagt, denn Indizien und Beweise für die Teilnahme russischer Soldaten in der Ostukraine, regulär oder im Rahmen ihrer "Freizeit", wie es mitunter sogar aus Moskau heißt, gibt es zahlreiche - auch wenn das in der Regel dann doch wieder dementiert und "Fälschung", "atlantische Propaganda" etc. genannt wird.

"Die Russen unterstützen die Separatisten im Osten ganz klar", sagt Vlad, ein ukrainischer Offizier, der nicht genannt werden will. "Jede Rebelleneinheit, der wir gegenüberstehen, ist für gewöhnlich von einer Kompanie russischer Regulärer begleitet, die als ,Freiwillige´ gelten." Behauptet jedenfalls besagter Vlad.

US-Ausbildner und Ukrainer
US-Ausbildner und UkrainerEPA

Sollten sich US-Truppen irgendwann auf einem konventionellen Schlachtfeld wiederfinden, könnte es sehr gut eines sein, auf dem sowjetrussische Taktiken praktiziert würden, hieß es kürzlich aus dem US-Thinktank der RAND Corporation. Allerdings könne man annehmen, dass angesichts der US-Luftmacht das Gefechtsumfeld doch anders sein werde als jetzt jenes in der Ostukraine: Dort ist die schwache ukrainische Luftwaffe nur zu einzelnen punktuellen Einsätzen in sehr kleinem Rahmen imstande. Anhaltende intensive und koordinierte Angriffswellen, um etwa mechanisierte Kolonnen (noch dazu von Luftabwehr begleitet) aufzureiben, sprengen ihre Fähigkeiten.