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Thailand: Angriff auf das Herz von Bangkok

Die Szenerie vor dem Erewan-Schrein im Stadtzentrum Bangkoks erinnerte an einen Kriegsschauplatz.(c) APA/EPA/RUNGROJ YONGRIT (RUNGROJ YONGRIT)
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Bei einem Anschlag auf einen Hinduschrein starben im belebten Zentrum der Hauptstadt viele Menschen. Ein verheerender Schlag gegen den Tourismus.

Bangkok. Die Ratchaprasong-Hauptverkehrskreuzung im Zentrum von Bangkok hat sich am Montagabend binnen eines Augenblicks in ein Schlachtfeld verwandelt. Kurz vor 19 Uhr explodierte vor dem Erewan-Hinduschrein eine Bombe, die offenbar an einem Motorrad befestigt war. Trümmer, Blut und Verletzte auf der Straße, Panik brach aus. Thailands Hauptstadt wurde Schauplatz des größten Anschlages, den sie je gesehen hat.

Der Erewan-Schrein liegt mitten im kommerziellen Zentrum Bangkoks. Einige der größten Shoppingmalls liegen in unmittelbarer Nähe. Der Schrein ist auch ein populäres Ziel für Touristen, vor allem chinesische. Um diese Zeit drängen sich stets Menschenmassen. Die Zahl der Todesoper war zunächst nicht klar: Erst sprachen regionale Medien von 27 Toten, später wurde diese Zahl auf 18 nach unten korrigiert, rund 80 Menschen wurden verletzt. Zwei der Toten stammten aus China, einer von den Philippinen. Anfangs war unklar, wer hinter der Tat steckt. Einigen Berichten zufolge hat die Polizei zwei weitere Sprengsätze gefunden und entschärft.

Parallele zum Jahr 2006

Es war nicht der erste Anschlag in diesem Teil von Bangkok. Erst im Februar explodierten vor einer Shoppingmall in der Nähe zwei kleine Rohrbomben, die jedoch nur geringen Sachschaden anrichteten. Am 31. Dezember 2006 detonierten überall im Stadtgebiet neun Sprengsätze, zwei von ihnen in der Nähe des Anschlagortes vom Montag. Drei Personen wurden damals getötet, etwa drei Dutzend verletzt. Die Ermittlungen nach den Tätern verliefen damals im Sande.

Der Anschlag von heute hat mit der Anschlagserie von damals gemeinsam, dass auch damals eine Militärjunta in Bangkok an der Macht war. Im September 2006 hatte die Armee den damaligen Premier, Thaksin Shinawatra, aus dem Amt geputscht. Der Staatsstreich hat das Land in Wirren gestürzt, die bis heute anhalten. Auch heute ist Thailand wieder eine Militärdiktatur. Und auch dieses Mal, im vergangenen Mai, war es eine Regierung aus dem Thaksin-Lager, die von der Armee aus dem Amt entfernt wurde.

 

Revanche für Massaker?

Vor fünf Jahren war die Kreuzung, an der sich der Anschlag am Montag ereignet hat, ebenfalls Schauplatz tödlicher Gewalt. Im Mai 2010 hat die Armee hier Massenproteste von Thaksin-Unterstützern mit militärischer Gewalt niedergeschlagen. Im Kugelhagel der Armee starben jedoch nach derzeitigem Erkenntnisstand ausschließlich unbewaffnete Demonstranten. Mindestens 91 Personen wurden bei den Unruhen damals getötet, die meisten von ihnen Demonstranten. Es wäre denkbar, dass hinter dem Anschlag gewaltbereite Gegner der Militärregierung stehen. Beobachter spekulierten am Montag ebenfalls, ob es einen Zusammenhang zu dem bewaffneten Aufstand malaiischer Separatisten im Süden des Landes geben könnte.

Seit rund zehn Jahren kämpfen in den südlichsten Provinzen des Landes schattenhafte Gruppen für eine Loslösung vom thailändischen Staat. Die Bevölkerungsmehrheit in der Region, die erst vor rund hundert Jahren ans damalige Königreich Siam angeschlossen worden ist, sind muslimische Malaien. Die Militanten gehen äußerst brutal vor: Beinahe täglich sterben dort bei Anschlägen Soldaten. Häufiger geraten auch Lehrer und buddhistische Mönche ins Visier der Separatisten. Tausende Menschen sind in den vergangenen Jahren diesen Anschlägen zum Opfer gefallen. Anschläge in Bangkok, die den Separatisten zugeschrieben werden, gab es bisher jedoch keine. Sollten die Ermittlungen ergeben, dass tatsächlich Gruppen aus dem äußersten Süden in den Anschlag verstrickt sein könnten, würde das eine gravierende Verschärfung des Konflikts bedeuten.

 

Viele Besucher aus China

Fest steht bis jetzt nur eines: Für den Tourismus dürfte der Terrorakt vom Montag verheerend sein. Schon nach dem Putsch im vergangenen Jahr ist die Zahl der Besucher aus westlichen Staaten deutlich zurückgegangen. Zugleich hat die Anzahl der Besucher aus China deutlich zugenommen. Sollten sich die Berichte bewahrheiten, wonach mehrere Chinesen unter den Opfern des Anschlages sind, könnte das einen Einbruch an Besucherzahlen zur Folge haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2015)