Mittags beten auf der Dhau

OMAN TOURISM
(c) EPA (Mike Nelson)

Oman. In der Exklave Musandam tummeln sich im badewannenwarmen Wasser eines Fjords Schnorchler – und Dutzende Delfine.

I ch habe meiner Freundin Lilly Delfine versprochen“, sagt Catherine aus London, die seit einem halben Jahr in Dubai für eine Versicherung werkt und eigens die dreistündige Autofahrt für einen Tagesausflug mit ihrer Freundin nach Khasab unternommen hat. Lilly, Catherine plus vier deutsche Damen zwischen 25 und 50 einerseits, Kapitän Khaled, 33, und der 68-jährige Mohammed andererseits: Zwei Stunden tuckern sie bereits auf einer Dhau den Khor Shamm entlang, doch bis jetzt lässt sich kein Delfin blicken, dabei liege die Chance bei 99 Prozent, erklärte vorab ein Touristenführer, der für Musandam Sea Travels, den Veranstalter, arbeitet. Stattdessen: Inseln aus Steinbrocken, Felswände, die 1000 Meter zwischen dem dunklen Blau des Meeres und dem hellen Blau des Himmels emporragen. Khor Shamm ist mit 16 Kilometern der längste Fjord Musandams, einem ehemaligen militärischen Sperrgebiet, das zum Oman gehört. Reiseveranstalter beschreiben Musandam gern als das „Norwegen der arabischen Halbinsel“.

Landschaftlich erinnert Musandam tatsächlich an die zerklüftete norwegische Küste, mit 16 Kilometern ist das Khor (dt. „Lagune“ oder „Bucht“) sogar einen Kilometer länger als der legendäre norwegische Geirangerfjord. Mit dem kleinen Unterschied, dass das Meer um Musandam badewannenwarm ist, tropische Kaiserfische beheimatet und das Khor geologisch kein echter Fjord ist. Im Gegensatz zu Norwegen wächst angesichts von Tagesdurchschnittstemperaturen bis zu 37 Grad Celsius auch kein Baum, kein Strauch, statt auf Grün blickt man auf beige Steine auf beigem Grund. Der erste Schnorchelstopp folgt kurz nachdem die Dhau Telegraph Island passiert hat, eine Insel, die die Briten im 19. Jahrhundert eigens aufschütteten, um darauf eine Telefonleitung samt Verteilerstation vom Irak nach Indien zu verlegen. Wer genau hinschaut, erkennt Mauerreste auf der Insel.

Der erste Sprung ins Wasser. Mohammed bleibt an Bord, die Damen schnorcheln im Bikini, Khaled schwimmt mit langer dunkler Badehose sowie weißem T-Shirt und bringt von seinen Tauchgängen frische Jakobsmuscheln an Bord. Er hebelt sie mit einem Messer auf, entfernt die Eingeweide, beträufelt das etwa zwei Zentimeter im Durchmesser große Fleisch noch in der rötlichen Schale mit Zitronensaft und serviert sie den zunächst misstrauischen Gästen. Köstlich.

 

Muslime und Bikinifrauen

Noch immer sind keine Delfine in Sicht, stattdessen zelebrieren Mohammed und Khaled ein Mittagessen aus gegrilltem Fisch, Reis und Gemüse. Zwei Muslime bedienen sechs Westeuropäerinnen, die sich nun in Wickelrock und Bikinioberteil auf dem Boot bewegen. Beide Männer lösen die für sie ungewohnte Situation mit Noblesse, Mohammed kommt immer wieder mit Tee und Datteln, verhätschelt die Frauen, als wären sie Kinder.

Als das Mittagessen serviert ist, rollt Mohammed, von den anderen zunächst unbemerkt, einen kleinen gemusterten Teppich neben dem Steuerknüppel aus, kniet sich mit dem Rücken zu den Frauen und betet ganz leise sein Mittagsgebet. Die Gäste essen und schauen neugierig. Etwa zehn Minuten später signalisiert er Khaled, dass er fertig ist. Nun betet der jüngere. „Das finde ich cool, dass die hier einfach so beten, gibt's das auch bei anderen Religionen?“ fragt eine 25-jährige Lehramtsstudentin im neonpinkfarbenen Bikini. Sie ist mit einer gleichaltrigen BWL-Studentin und deren Mutter an Bord gegangen.

Die Fahrt geht weiter, vorbei an Fischerdörfern mit Namen wie Nadifi und Qanah, die Gewässer Musandams gelten als außergewöhnlich fischreich. Plötzlich steht Mohammed auf, pfeift und schnalzt mit der Zunge. „Hier sind sie“, ruft die Studentin. Khaled gibt Gas, die Delfine passen sich dem Tempo der Dhau an, einmal sind sie rechts, dann wieder links der Dhau. Für die Meeressäuger ist es ein Wettschwimmen, für die Menschen ein Wettfotografieren. Für Catherine ist es ein eingelöstes Versprechen.

DELFINE UND DEN „KLEINEN IRANISCH-OMANISCHEN GRENZVERKEHR“ BEOBACHTEN

Anreise: Flug ab Wien über Istanbul mit Turkish Airlines ab 467 € nach Maskat. Von Maskat kostet der einstündige Flug mit Oman Air nach Khasab und zurück etwa 110 € (einmal tägl.). Alternativ ist Musandam als Tagesausflug von Dubai aus möglich. turkishairlines.com; omanair.com

Veranstalter: Der Reiseveranstalter SKR aus Köln bietet Musandam als Bestandteil einer 13-Tage-Rundreise in den Oman und die VAE ab 2799 € p. P. an, skr.de

Schlafen: Für Individualreisende bietet sich das Vier-Sterne-Hotel Atana Hotel Khasab (vormals Golden Tulip) etwas außerhalb in schöner Lage direkt am Meer an. atanahotels.com

Essen und Trinken: Gute und preiswerte Fischgerichte, Lammkoteletts sowie Currys bietet das Al-Shamaliyah Grill & Restaurant im Stadtzentrum (einfach fragen, kennt jeder, da sehr populär bei den Einheimischen). Ein üppiges Hauptgericht kostet maximal zwölf Euro. Auch frische Säfte. Alkohol nur in der Hotelbar des Golden Tulip.

Tipp: Unbedingt die Festung in Khasab besuchen, im Inneren befindet sich ein Geschichtsmuseum. Wer Zeit hat, suche frühmorgens den Hafen auf, um den omanisch-iranischen „kleinen Grenzverkehr“ (= Schmuggel) zu beobachten.

Infos: omantourism.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2015)