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Der 7-Stufen-Plan der Jihadisten

(c) REUTERS (STRINGER)
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Radikale Islamisten schrieben vor zehn Jahren auf, wie sie bis 2020 den „Sieg“ erringen wollen. Das Pamphlet der Terroristen.

Wien/Istanbul. „Der einzige große Gewinner des Arabischen Frühlings ist al-Qaida“, verkündete Omar Bakri vor zwei Jahren lauthals in seinem luxuriösen Appartement in der libanesischen Stadt Tripolis. „Alles läuft nach Plan“, fügte der 55-jährige radikale Islamprediger hinzu und lehnte sich süffisant grinsend in seinem Sessel zurück. Dann hob er plötzlich drohend den Zeigefinger und rief laut, als stehe er auf einer Rednerbühne: „Wir werden zu euch nach Hause kommen und euch aus euren Häusern holen! In Istanbul, Rom, Paris, London und Berlin, wir kommen!“

Heute sitzt Agitator Bakri, Fan von Osama bin Laden und dem jordanischen Schlächter Abu Musab al-Zarqawi, im libanesischen Gefängnis wegen Unterstützung von Terrorismus. Ihm macht das wenig aus. Denn den Sieg der islamistischen Weltrevolution wird weder seine Verhaftung aufhalten noch alle anderen Sabotagen der Ungläubigen, egal wie monströs und gewalttätig sie auch sein mögen. Davon ist Bakri überzeugt, denn er hält es mit dem göttlichen Plan, den al-Qaida für die gesamte Menschheit entworfen hat. Es ist ein Sieben-Stufen-Plan, der sich über zwei Jahrzehnte, von 2000 bis 2020 hinzieht – und am Ende der gesamten Welt die vermeintlich wahre Herrschaft des Islam beschert.

2005 war diese Strategie zum ersten Mal niedergeschrieben worden. Noch heute kursiert dieses Revolutionspamphlet unter dem Titel „Wie wir den Jihad sehen und wollen“ in der radikalen Islamistenszene. 2005 hatte auch der jordanische Journalist Fuad Hussein sein Buch über Zarqawi und die zweite al-Qaida-Generation veröffentlicht und darüber geschrieben. Hussein hatte Mohammed al-Makdisi, einen der prominentesten Ideologen der Terrororganisation, sowie Zarqawi während seiner Haftzeit in Jordanien interviewt.

Vor 15 Jahren muss sich der Sieben-Stufen-Plan wie eine verrückte Fantasie religiöser Wirrköpfe gelesen haben. Aber heute ist das anders. In der ersten Phase von 2000 bis 2003, der des „Aufwachens“, wird der Anschlag vom 11. September 2001 vorweggenommen. „Wir werden einen machtvollen Schlag gegen den Kopf der Schlange in New York ausführen“, wurde darin angekündigt. Oder nehmen wir Phase fünf, in der wir uns gerade befinden sollen. Sie reicht von 2013 bis 2016 und sieht die Gründung eines islamischen Staates, also eines Kalifats, voraus. Gleichzeitig wurde prognostiziert, dass der Einfluss des Westens in der islamischen Welt in diesen Jahren stark zurückgegangen sein werde.

 

Von den Feinden verwendet

Das klingt beinahe wie Hellseherei. Nur, die Attentate vom 11. September könnten 2000 oder schon vorher angedacht gewesen sein. Und das Kalifat hat der Erzfeind, die Miliz Islamischer Staat (IS), ausgerufen – nicht al-Qaida. IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi kannte den Sieben-Stufen-Plan und ist auf diesen Zug aufgesprungen. Er wollte al-Qaida den Rang ablaufen und die Führungsrolle innerhalb der globalen Jihadistenszene übernehmen. Das ist ihm bekannterweise gelungen.

Andere Prognosen, wie beispielsweise aus der vierten Phase (2010–2013), scheinen sich ebenfalls bewahrheitet zu haben. Al-Qaida wollte in dieser Periode die verhassten arabischen Regime stürzen. Das Terrornetzwerk sollte dabei immer stärker werden. Allerdings spielte al-Qaida bei den Revolutionen in Tunesien, Libyen, Ägypten und in Syrien so gut wie keine Rolle. Es waren überwiegend Liberale und Linke, die den Aufbruch angestoßen haben und damit breiteren Bevölkerungsschichten den Mut gaben zu protestieren. Die Islamisten betraten erst die Bühne, als die ganze Arbeit getan war.

Sie sind die Trittbrettfahrer der Revolutionen, die die Intentionen des Aufbegehrens in ihr Gegenteil verkehrten. Statt auf Freiheit und Demokratie setzen sie auf die Methoden eines totalitären Überwachungsstaats und einer rigiden Auslegung der Scharia, des islamischen Rechts. Zu Massenbewegungen sind die extremistischen Islamisten nicht geworden. Sie sind heute in der Regel vom Ausland bezahlte Milizionäre und mehr nicht.

Laut der sechsten Stufe des Plans folgt 2016 ein „totaler Krieg“. Nach der Gründung des Kalifats beginne die große Schlacht zwischen dem Glauben und dem Unglauben, wie das noch bin Laden formuliert hat. Natürlich entscheidet die „islamische Armee“ den Kampf für sich. Der „Endsieg“ wird auf 2020 angesetzt. Dann sollten die Kapazitäten des islamischen Staats unvorstellbare Ausmaße angenommen haben. Niemand könne mehr Paroli bieten, angesichts von 1,5 Milliarden Muslimen, die bereit sind loszumarschieren.

Bisher ist vom „totalen Krieg“ nichts zu spüren. Es gab nur hinterhältige Attentate auf dem Sinai und in Paris, in Saudiarabien und im Jemen, für die der IS die Verantwortung übernahm. Und das Kalifat in Syrien? Das kommt mehr und mehr unter Druck. Al-Qaida spielt dort eine wichtige Rolle, aber nicht die entscheidende innerhalb der Opposition gegen das Regime von Präsident Bashar al-Assad. „Was kann al-Qaida nach dem Sturz Assads schon machen“, sagte ein Kommandant der Freien Syrischen Armee (FSA). „Nichts! Denn alle werden sich gegen sie wenden, sollten sie ihr eigenes Kalifat gründen wollen. Sie sind eine Minderheit.“ Den „Endsieg“ wird es weder für den IS noch für al-Qaida geben – Sieben-Stufen-Plan und Halbwahrheiten hin oder her.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2015)