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Neujahrskonzert: "Das neue Jahr mit guter Laune begrüßen"

Mariss Jansons (Jahrgang 1943) hat bereits 2006 und 2012 das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigiert – und doch ist es eine Premiere: Erstmals hat der Lette das Programm gemeinsam mit dem neuen Philharmoniker-Vorstand, Andreas Großbauer, konzipiert.
Mariss Jansons (Jahrgang 1943) hat bereits 2006 und 2012 das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigiert – und doch ist es eine Premiere: Erstmals hat der Lette das Programm gemeinsam mit dem neuen Philharmoniker-Vorstand, Andreas Großbauer, konzipiert.(c) ORF (ALI SCHAFLER)
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Zum dritten Mal steht mit dem Letten Mariss Jansons ein deklarierter Wiener Publikumsliebling am Pult des Neujahrskonzerts. Dessen Beginn wartet mit einer Überraschung auf, verrät der Dirigent im „Presse“-Interview.

Die Presse: Das hat es noch nie gegeben: einen Marsch von Robert Stolz am Beginn eines Neujahrskonzerts. Das muss doch einen besonderen Grund haben?

Mariss Jansons: Vor sieben, acht Jahren habe ich begonnen, mich mit der Musik von Robert Stolz näher auseinanderzusetzen. Ich habe mir mehrere Aufnahmen besorgt. Mir hat imponiert, was das für eine interessante, unglaublich lebendige Musik ist. Schließlich bin ich auf diesen Marsch gestoßen. Da habe ich mir gedacht, es hat schon etwas Festliches, mit einem Marsch zu beginnen, außerdem feiern wir 70 Jahre UNO.

 

Es ist Ihr drittes Neujahrskonzert – und doch eine Premiere, denn das Programm haben Sie erstmals mit dem neuen Philharmoniker-Vorstand, Andreas Großbauer, konzipiert. Wie war die Zusammenarbeit?

Sehr gut. Das Programm für ein Neujahrskonzert zu finden, ist immer sehr schwierig. Man muss viele Komponenten beachten: Nicht zu viele Werke, die populär sind, man darf auf sie aber nicht verzichten. Man muss neue Werke spielen, aber nicht zu viele. Dann soll man Stücke auswählen, die wunderbar sind, aber noch nicht so oft gespielt. Werke sollten sich in einem Zeitraum von fünf Jahren nicht wiederholen, rasche Werke sollten sich mit langsamen abwechseln, um das Publikum neugierig zu halten. Dann kommen Rundfunk und Fernsehen – die Spieldauer.

Ist die Programmierung eines Neujahrskonzerts einfacher, wenn man über Erfahrungen verfügt? Oder ist dann die Lust größer, etwas auszuprobieren?

Es wird nicht leichter. Ich habe nach dem zweiten Neujahrskonzert geglaubt, dass es nicht mehr genügend Werke gibt, die ich wirklich dirigieren möchte. Natürlich kann ich als professioneller Dirigent fast alles dirigieren, für mich ist aber eine innere Beziehung zur Musik wichtig. Ohne Intuition geht nichts, das ist mein Weg, durch diese Türe muss ich gehen.

Zu Carl Michael Ziehrer haben Sie eine besondere Beziehung. Den Walzer „Wiener Bürger“ haben Sie zur Eröffnung eines Philharmoniker-Balls dirigiert, jetzt dirigieren Sie „Weaner Madl'n“, was schätzen Sie an ihm?

Seine Musik macht eine so positive Stimmung, sie strahlt so viel Freude aus. Man muss nicht nachdenken, ob sie tief genug ist, oder welche Philosophie dahintersteckt.

Auch Emil Waldteufels „España“-Walzer zählt zu Ihren Favoriten, wie passt er in dieses Programm?

In Wien waren die Sträuße die Könige, in Frankreich war es zur selben Zeit Waldteufel. Man muss auch einmal diesen Komponisten und diesen Stil zeigen. Mir geht es darum, Strauß und Waldteufel einander gegenüber zu stellen.

Der Philharmoniker-Ball feiert heuer sein 75-Jahr-Jubiläum, bezieht sich darauf die „Ballszene“ von Joseph Hellmesberger senior?

Nein, auf der Suche nach neuen Werken bin ich auf Hellmesberger gestoßen. Von ihm hatte ich in meinem zweiten Neujahrskonzert „Danse diabolique“ auf dem Programm. Jetzt bin ich auf diese Ballszene gestoßen, davon gibt es nur eine Aufnahme für Violine und Klavier. Das ist ein sehr interessantes Stück, in einem anderen Stil geschrieben, kein Walzer, aber im Walzerstil komponiert, ein dreiteiliges Werk mit Einleitung-Trio-Wiederholung.

Im ersten Teil des Konzerts findet sich ein Hinweis auf ein historisches Ereignis – 150 Jahre Wiener Prater – mit „Vergnügungszug“ von Johann Strauß.

„Vergnügungszug“ ist ein unglaubliches Stück, ein typischer Strauß, noch dazu nach dieser „Violetta“.

Wer ist Violetta?

Ich glaube eine schöne Dame, ziemlich kokett, da kann man viel fantasieren. Ein sehr pikantes Stück!

Gibt es weitere Programmpunkte, die Ihnen besonders wichtig sind?

Ja, „Sphärenklange“ von Josef Strauß, das war ein besonderer Wunsch, sie wurden zuletzt 2013 gespielt, aber es ist mein Stück und einer der besten Walzer überhaupt. Im Übrigen würde mich interessieren, wie die Beziehungen unter den Brüder tatsächlich waren. Was sagten Josef, besonders Eduard zum großen Erfolg von Johann?

Eduard Strauß findet sich ja auch auf dem Programm.

Anlässlich seines 100. Todestages die beiden Polkas: „Mit Extrapost“ und „Außer Rand und Band“.

Wann haben Sie denn Ihren ersten Strauß gehört?

Ich bin mit Strauß-Musik aufgewachsen, mein Vater hat viel Strauß aufgeführt. Meinen ersten Strauß habe ich Ende der 1960er-Jahre dirigiert. St. Petersburg hat eine große Strauß-Tradition, am 31. Dezember finden Konzerte mit Miniaturen in der Philharmonie statt, der zweite Teil dieser Programme ist fast immer Strauß gewidmet.

Kein Konzert besitzt eine so weltumspannende Popularität wie das Neujahrskonzert. Muss man das nicht für eine politische Botschaft nützen?

Wir alle wissen, was in der Welt passiert, wir kommen am 1. Jänner mit guter Laune, wollen Freude haben, ein neues Jahr begrüßen, Hoffnung bringen. Dieses Konzert gehört allen, es soll positive Energie ausstrahlen, ich bin gegen politische Reden.

Wie beurteilen Sie die gegenwärtige politische Situation? Sie leben in St. Petersburg und sind Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks – sind das nicht zwei sehr unterschiedliche Welten?

Wenn ich arbeite, denke ich nur an Musik. Natürlich ist mir die Situation nicht gleichgültig. Ich verstehe von Politik sehr wenig, aber: Deutschland ist Deutschland und Russland ist Russland. Jetzt ist die Situation leichter für mich. Schwierig war es, als ich angefangen habe, das war noch in der Sowjetunion, und ich dirigierte in Oslo. Man sollte sich um 180 Grad drehen, weil es so verschieden war. Hier entscheidet eine Person, dort, im demokratischen System, sind es zehn Personen, die sich nicht einigen können. Ich habe das begriffen, sonst wäre ich nicht 23 Jahre in Oslo Chefdirigent geblieben.

Was kann Musik leisten?

Musik ist eine so starke Kunst, vielleicht der stärkste Eindruck für einen Menschen, sie hat mit innerer Welt zu tun. Wenn man eine Malerei sieht, sieht man es, wenn man in das Theater geht, was ich sehr liebe, hört man es, auch in der Oper, im Ballett. Musik geht in die Seele, sie kann einem Menschen sehr viel geben. Ich mache viele Benefizkonzerte. Wichtig ist, dass junge Leute Bekanntschaft mit klassischer Musik machen, später vielleicht dazu eine Beziehung bekommen. Es gibt fantastische junge Leute, in Amsterdam gibt es allein dreitausend junge Musikfreunde, in China und in Korea findet man in den Sälen hauptsächlich junge Leute. Die Europäer sind vielleicht zu verwöhnt, wenig neugierig, oft auch bequem. Man muss die Jugend heranführen. Wenn von 1000 Jugendlichen 50 Interesse bekommen, dann ist das toll. Kunst muss in Kindergärten und Schulen Pflichtfach sein. In Russland gibt es eine zehnjährige Musikschule für junge Leute von sieben bis 17, das ist eine unglaubliche Ausbildung. Es wäre mein Traum, das irgendwo im Westen zu kreieren.

Wie sieht es mit dem von Ihnen so vehement geforderten neuen Konzertsaal in München aus?

Ich will nicht zu viel versprechen, denn ich bin sehr abergläubisch. Ich habe viel erlebt in diesen zwölf Jahren in München, ich war viel zu naiv. Mittlerweile haben die Politiker verstanden, dass es sich nicht nur um einen Wunsch von mir handelt, sondern auch um einen der Gesellschaft. Wenn alles funktioniert, könnte der Saal 2020 fertig sein. Mein Vertrag läuft bis 2018, es gibt gerade Gespräche für eine Verlängerung auf drei Jahre. Es wäre schön, wenn ich den Saal eröffnen könnte. Ich habe immer gesagt, der Saal ist wichtig für München und es ist egal, ob ich aktiv bin oder nicht, aber ich habe in meinem Leben etwas Gutes gemacht.

DAS NEUJAHRSKONZERT 2016

Vor der Pause:

Robert Stolz: „UNO-Marsch“

Johann Strauß: „Schatz-Walzer“, op. 418

Johann Strauß: „Violetta“, Polka française, op. 404

Johann Strauß: „Vergnügungszug“, Polka, op. 281

Carl Michael Ziehrer: „Weaner Madl'n“, Walzer, op. 388

Eduard Strauß: „Mit Extrapost“, Polka schnell, op. 259

Nach der Pause:

Johann Strauß: Ouvertüre zu „Eine Nacht in Venedig“ (Wiener Fassung)

Eduard Strauß: „Außer Rand und Band“, Polka schnell, op. 168

Josef Strauß: „Sphärenklänge“, Walzer, op. 235

Johann Strauß: „Sängerslust“, Polka française, op. 328 (mit den Wiener Sängerknaben)

Josef Strauß: „Auf Ferienreisen“, Polka schnell, op. 133 ( mit den Sängerknaben)

Johann Strauß: „Fürstin Ninetta“ – Entracte zwischen 2. und 3. Akt

Émile Waldteufel: „España“, Walzer, op. 236

Josef Hellmesberger senior: „Ballszene“

Johann Strauß Vater: „Seufzer-Galopp“, op. 9

Josef Strauß: „Die Libelle“, Polka mazur, op. 204

Johann Strauß: „Kaiser-Walzer“, op. 437

Johann Strauß: „Auf der Jagd“, Polka schnell, op. 373

Zugaben:

Johann Strauß: „Im Sturmschritt“, Polka schnell, op. 348

Johann Strauß: „An der schönen blauen Donau“, Walzer, op. 314

Johann Strauß Vater: „Radetzky-Marsch“, op. 228.

Im Fernsehen: ORF 2 überträgt das Konzert am
1. Jänner ab 11.15 h. Der Pausenfilm (ab 11.50 h) erinnert an das Land Salzburg und die Angliederung des Bundeslandes an Österreich 1816 als Folge des Wiener Kongresses. Vor dem Konzert bringt der ORF ein Porträt von Mariss Jansons (9.05 h), einen Film zum 75. Jubiläum des Neujahrskonzerts (10 h) und einen filmischen Blick hinter die Kulissen (10.50 h).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2015)